Ein kleines Volk mit einer gigantischen Vision
Sabine Rückert & Johanna Haberer
Die Reise durch die fünf Bücher Mose erreicht das Deuteronomium — jenes Buch, das die meisten Bibelleser einfach überspringen. Es ist keine Erzählung mehr, sondern die große Abschiedsrede des alten Propheten Mose an sein Volk, ein Testament in Du-Form: Du sollst. Um die Entstehung dieses Textes zu verstehen, rekapitulieren die Schwestern die Teilung Israels in Nord- und Südreich nach Salomos Tod — mit Jerusalem als Hauptstadt der Underdogs, einer Stadt mit gerade einmal 800 Einwohnern.
„Es ist sozusagen konzipiert als eine Abschiedsrede des Mose. Des alten Propheten. Und es wird kein anderer mehr unter dem Volk Israel sein, denn dieser Prophet.“
Erwähnte Medien (10)
Buch Josua
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:01:49 „Dann jedoch benötigt man einen geeigneten Neuanfang und der bietet sich mit der Erzählung von der großartigen Eroberung Jerichos im Buch Joshua. Das ist dann das nächste.“
Johanna Haberer beschreibt, wie christliche Bibelleser typischerweise das Deuteronomium überspringen und direkt zum Buch Josua weiterspringen, das mit der Eroberung Jerichos wieder eine packende Erzählung bietet.
How Odd of God to Choose the Jews
William Norman Ewer
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:08:44 „»How ought of God to choose the Jews?« Schreibt ein jüdischer Journalist William Norman Iver. Und dann gibt es eine anonyme Antwort drauf. Not so odd, the Jews chose God.“
Johanna Haberer zitiert den berühmten Zweizeiler von William Norman Ewer und die anonyme Antwort darauf, um in das Thema des jüdischen Selbstverständnisses als erwähltes Volk einzuführen. Das Wortspiel leitet über zu Amos Oz' Reflexion über das Verhältnis von Juden zu ihrem Gott und seinem Gesetz.
Jews and Words
Amos Oz
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:09:05 „Und dann schreibt Amos Os und seine Tochter dazu, die Juden erwählten Gott und übernahmen sein Gesetz. Oder sie dachten ihn sich aus und erließen dann das Gesetz. Was zuerst kam, wissen wir nicht. Äonen aber vergingen und sie sind immer noch dabei. Es geht ihnen um Urteilsvermögen, nicht Ehrfurcht. Und nichts bleibt unumstritten.“
Johanna Haberer zitiert aus dem gemeinsamen Buch von Amos Oz und seiner Tochter Fania Oz-Salzberger, um den jüdischen Umgang mit Worten und Texten zu illustrieren. Das Zitat verdeutlicht die Kernidee, dass im Judentum das Fragen und Streiten über das Gesetz wichtiger ist als bloße Ehrfurcht – eine Haltung, die sich im Deuteronomium bereits zeigt.
Die Juden und die Worte
Amos Oz
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:09:53 „Und dann schreibt Amos Os und seine Tochter dazu, die Juden erwählten Gott und übernahmen sein Gesetz. Oder sie dachten ihn sich aus und erließen dann das Gesetz.“
Johanna zitiert aus dem gemeinsam mit Tochter Fania Oz-Salzberger verfassten Buch über das Verhältnis der Juden zu Worten und Texten, um den jüdischen Umgang mit den biblischen Schriften zu erläutern.
Gott. Eine Biografie
Jack Miles
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:09:54 „Ich habe natürlich in unserem Buch Jack Miles Gott eine Biografie nachgeschlagen und auch dort wird das Deuteronomium gewürdigt.“
Sabine zitiert ausführlich aus dem Buch, um die Bedeutung des Deuteronomiums einzuordnen. Es werden mehrere längere Passagen daraus vorgelesen.
Buch Jesaja
Jesaja
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:19:19 „Und im Buch Jesaja, da kommen wir dann später dazu, da wird dann der Anmarsch der Assyrer beschrieben. Er rückt von Rimon heran, kommt auf Ayat zu, zieht durch Migron, in Michmas lässt er seinen Tross, Rama zittert, die Bewohner Gebims ergreifen die Flucht.“
Sabine Rückert zitiert aus dem Buch Jesaja, um den dramatischen Anmarsch der Assyrer auf Jerusalem zu schildern. Die Passage dient als Illustration der existenziellen Bedrohung, der sich König Hiskia und das Südreich ausgesetzt sahen – und die dann auf wundersame Weise endete.
Und wenn alles ganz anders war
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:25:56 „Auf der Wissensseite der Süddeutschen Zeitung stand kürzlich, und wenn alles ganz anders war, war die Überschrift. Ein sehr interessanter Artikel darüber, dass man sich eigentlich auf die eigene Erinnerung nur sehr bedingt verlassen kann.“
Sabine Rückert bringt einen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung in die Diskussion ein, der die Unzuverlässigkeit menschlicher Erinnerung thematisiert. Sie nutzt den Artikel als Brücke zur Bibelexegese: Wenn schon individuelle Kindheitserinnerungen durch die gegenwärtige Stimmung verzerrt werden, wie zuverlässig kann dann die kollektive Erinnerung eines Volkes sein, das seine Geschichte im Exil rekonstruiert?
Deuteronomium (5. Buch Mose)
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:32:14 „Aber das Interessante ist, wenn man diese Texte mal anguckt und wenn unsere Hörerinnen und Hörer das Deuteronomium sich mal angucken und das Kapitel 5 aufschlagen, dann werden sie sehen, dass diese Gebote, die wir so vom Luther her kennen, du sollst nicht töten, Ehe brechen und die Eltern ehren, dass die ganz kurz sind.“
Das Deuteronomium ist das zentrale Thema dieser Folge. Johanna Haberer fordert die Hörerinnen und Hörer auf, Kapitel 5 selbst zu lesen, und hebt hervor, dass die ersten drei Gebote – insbesondere das Bilderverbot – dort viel ausführlicher ausgearbeitet sind als in der lutherischen Kurzfassung. Daraus entwickelt sie eine theologische Reflexion über die Offenheit gegenüber der Welt.
Geschichten vom Herrn Keuner
Bertolt Brecht
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:33:52 „Es gibt diesen wunderbaren Dialog unter den Texten von Bert Brecht, gibt es ja diese wunderbaren Geschichten vom Herrn K. Und der hat zu diesem zweiten Gebot einen sehr schönen kleinen Dialog geschrieben. Was tun Sie, wurde Herr K. gefragt, wenn Sie einen Menschen lieben? Ich mache einen Entwurf von ihm, sagte Herr K. und sorge dafür, dass er ihm ähnlich wird.“
Im Gespräch über das biblische Bilderverbot (zweites Gebot) zieht Johanna Haberer eine Verbindung zu Brechts Geschichten vom Herrn Keuner. Sie nutzt den Dialog, um die Offenheit des Bilderverbots zu illustrieren: Wer sich ein fertiges Bild von etwas macht, hört auf, es wirklich zu verstehen. Brechts pointierte Umkehrung – nicht der Entwurf wird dem Menschen ähnlich, sondern der Mensch dem Entwurf – verdeutlicht diese Gefahr.
Buch Jeremia
Jeremia (Prophet)
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:35:24 „Und hier ist ein kleiner Text in Jeremia 23, 29, wo beschrieben wird, wie die Wirkung dieses Wortes Gottes ist. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt.“
Zum Abschluss der Folge wählt Johanna Haberer ein Zitat aus Jeremia 23,29 als Schlusswort. Der Vers beschreibt die Wirkung des Wortes Gottes als Feuer und Hammer – passend zum Thema des Deuteronomiums, das im Hebräischen schlicht ‚Worte' heißt und die Auslegung des göttlichen Wortes durch Mose behandelt.