Die verschleierte Prostituierte
Sabine Rückert & Johanna Haberer
Ein Einschub in die Josefs-Geschichte führt zum Stammvater Judah und seiner Schwiegertochter Tamar: Als Judahs erstgeborener Sohn Ger stirbt, weil er Gott missfällt, soll der nächste Bruder Onan nach altem Leviratsrecht für Nachkommen sorgen. Die Episode entfaltet ein archaisches Familienrecht, das die Bedeutung des Stammes Judah für ganz Israel erklärt — und zeigt nebenbei ein ganz anderes, direkter strafendes Gottesbild als die eigentliche Josef-Erzählung.
„Der denkt sich auch nichts. Der denkt, der ist ein unangenehmer Junge, weg damit.“
Erwähnte Medien (11)
Die Bibel
Martin Luther (Übersetzung)
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:01:12 „Wir machen keinen Kirchenfunk, wir machen einen Podcast über ein Buch, das uns beide von frühester Jugend an als Pfarrerstöchter beschäftigt hat.“
Die Bibel ist das zentrale Werk des gesamten Podcasts. Sabine Rückert beschreibt sie als kulturelle Errungenschaft der Menschheit, die beide Schwestern seit ihrer Kindheit als Pfarrerstöchter begleitet. In dieser Staffel arbeiten sie sich Zeile für Zeile durch das erste Buch Mose.
5. Buch Mose (Deuteronomium)
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:04:33 „Also das ist eine Rechtsregelung, die kann ich vorlesen, das kann man im fünften Buch Mose im Deuteronomium, wie das heißt, das ist ein Buch der Rechtsregeln und da kann man es nachlesen, da heißt es im Kapitel 25 ab 5.“
Johanna Haberer zitiert aus dem Deuteronomium die Rechtsregelung der Schwagerehe (Levirat), um zu erklären, warum Onan verpflichtet war, mit der Witwe seines Bruders Kinder zu zeugen. Sie liest die Passage wörtlich vor, um die biblische Rechtsnorm zu belegen.
Onania, or the Heinous Sin of Self-Pollution
John Marten
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:11:13 „Erst im Jahr 1712 wurde die Onani so richtig als Sündenbabel entdeckt. Und zwar in einem anonymen Traktat mit dem Titel Onania oder die abscheuliche Sünde der Selbstbefleckung.“
Sabine Rückert erklärt die Kulturgeschichte der Onanie ausgehend von der biblischen Onan-Figur. Sie beschreibt, wie dieses 88-seitige Pamphlet von 1712, verfasst vom Quacksalber John Marten, den Nerv der Zeit traf und in kürzester Zeit mehrere Auflagen und Übersetzungen erfuhr. Es machte die Masturbation zur angeblichen Krankheitsursache und quälte Generationen von Jugendlichen.
Metaphysik der Sitten
Immanuel Kant
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:13:43 „Und auch sogar für Immanuel Kant, den großen Philosophenkönig, war Selbstbefriedigung schlimmer als Suizid. Denn anders als beim Suizid, bei dem das Individuum aus freien Stücken in echter Verzweiflung handelt, ist der Onanist ein willenloses Objekt seiner Begierde.“
Sabine Rückert schildert die kulturgeschichtliche Verteufelung der Masturbation seit dem Traktat 'Onania' von 1712. Sie zitiert Kants moralphilosophische Position, wonach Selbstbefriedigung schlimmer sei als Suizid – eine These aus seiner 'Metaphysik der Sitten', in der er sexuelle Selbstbefleckung als Verletzung der Pflicht gegen sich selbst einordnet.
Amphitryon
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:25:15 „Es taucht auf in der griechischen Sage Amphitryon, da nähert sich Zeus, der Alkmene, in der Gestalt des Amphitryon, also ihres eigenen Gatten. Sie schläft mit ihm, sie bekommt den Herkules, den Herakles.“
Sabine Rückert zieht eine Parallele zwischen Tamars Täuschung durch Verhüllung und der griechischen Sage, in der Zeus sich als Amphitryon verkleidet, um mit Alkmene zu schlafen. Sie zeigt, dass das Motiv der Zeugung durch Täuschung kulturübergreifend vorkommt – bei Tamar weiß der Vater nicht, mit wem er schläft, bei Amphitryon die Mutter.
Ein Sommernachtstraum
William Shakespeare
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:25:53 „Aschenputtel. Sommernachtstraum. Sommernachtstraum von Shakespeare, genau. Dann die Aschenputtel, die als Prinzessin verkleidet auf den Ball geht und dann an ihrem Schuh erkannt werden muss.“
Im Gespräch über das Motiv der Verkleidung und Täuschung in der Tamar-Geschichte nennt Sabine Rückert Shakespeares Sommernachtstraum als eines von vielen Beispielen für Verkleidungsgeschichten in der Weltliteratur, neben Aschenputtel und der Karnevalstradition.
Aschenputtel
Brüder Grimm
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:25:53 „Dann die Aschenputtel, die als Prinzessin verkleidet auf den Ball geht und dann an ihrem Schuh erkannt werden muss.“
Das Märchen Aschenputtel wird als weiteres Beispiel für das Motiv der Verkleidung und späteren Enttarnung genannt. Sabine Rückert sieht eine Parallele zur Tamar-Geschichte: Wie Aschenputtel am Schuh erkannt wird, wird Tamar durch den Siegelring und Stab identifiziert.
Die Wahlverwandtschaften
Johann Wolfgang von Goethe
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:28:48 „Das hat Goethe, hat sozusagen den Begriff der rote Faden dann in die Literatur eingebracht. Indem er übernommen hat eine Beschreibung von den Seemännern, die ihre verschiedenen Seile immer so ordnen, dass dann ein roter Faden durchgeht, damit man die auseinanderhalten kann und vor allem weiß, wem sie gehören, auf welches Schiff sie gehören.“
Im Gespräch über die Geburt von Tamars Zwillingen und den roten Faden, der dem einen um die Hand gebunden wird, kommt Johanna Haberer auf den Ursprung der Redewendung 'roter Faden' zu sprechen. Sie schreibt Goethe zu, diesen Begriff in die Literatur eingeführt zu haben – eine bekannte Referenz auf seinen Roman 'Die Wahlverwandtschaften', in dem er die Metapher von der Seilmacherei der Marine übernimmt.
Der Plan
George Nolfi
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:32:17 „Wir werden am Schluss dieser Josefs Geschichte die ganz große Frage aufstellen müssen nach der Freiheit, nach der Freiheit des Menschen. Und ob er nicht nur letztlich das tut, was ihm vorgeschrieben ist. Kennst du den Film Der Plan mit Matt Damon und Emily Blunt?“
Sabine Rückert erwähnt den Film 'Der Plan' als thematische Parallele zur Josefs-Geschichte. Die Frage nach menschlicher Freiheit versus göttlicher Vorherbestimmung, die sich durch die biblische Erzählung zieht, spiegelt sich im Film wider, in dem eine mysteriöse Organisation das Schicksal der Menschen lenkt.
Blade Runner
Philip K. Dick
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:34:33 „Alle seine großen Werke sind verfilmt worden. Blade Runner kennen ja alle, ist auch von ihm und viele andere große Science-Fiction.“
Im Zusammenhang mit dem Film 'Der Plan' erwähnt Sabine Rückert, dass die Vorlage von Philip K. Dick stammt, einem der größten Science-Fiction-Autoren. Blade Runner wird als bekanntestes Beispiel seiner verfilmten Werke genannt, um Dicks Bedeutung zu unterstreichen.
Psalm 139
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:35:24 „Und von der Frage, wie sehr wirkt Gott auf unser Leben ein, davon handelt auch unser gutes Wort zum Schluss vom Psalm 139 und da hören wir jetzt mal rein.“
Zum Abschluss der Folge wird Psalm 139 als 'gutes Wort zum Schluss' vorgelesen. Der Psalm passt thematisch zur Diskussion über Schicksal und göttliche Lenkung in der Josefsgeschichte – er beschreibt einen Gott, der jeden Gedanken und jeden Weg des Menschen kennt.