Cottagecore ist auch nur eine Fantasy-Geschichte
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Zum ersten Mal widmet sich der Podcast zweimal demselben Autor: Christian Kracht und seinem neuen Roman "R", in dem ein Innenarchitekt aus einer skandinavisch-artisanalen Noma-Welt in eine Fantasy-Dimension katapultiert wird — und dort dieselbe Sehnsucht nach Kargheit, Stein und Zweidimensionalität wiederfindet. Die Folge entschlüsselt, wie Kracht die Cottagecore-Ästhetik des brutal-lokalen Foraging als das entlarvt, was sie im Kern ist: eine Regressionsfantasie zurück zur hochentwickelten Jäger-und-Sammler-Kultur, verpackt in Fantasy-Elemente, die Borges und Dante gleichermaßen aufrufen.
„Wir kommen nie zurück noch voraus zu jenem Punkt, wo wir unser Gewissen beruhigen können, sondern wir werden immer auf der Suche sein. Wir werden immer nach einer neuen und nach einer anderen Welt suchen.“
Erwähnte Medien (19)
Euro Trash
Christian Kracht
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:02:16 „Haben wir in diesem Podcast 2021 über Christian Krachts damals neues Buch Euro Trash gesprochen. Jetzt hat er wieder ein neues Buch geschrieben.“
Lars Weisbrod verweist auf die frühere Podcast-Folge, in der sie bereits über Christian Kracht gesprochen haben. Euro Trash dient als Referenzpunkt, um zu erklären, warum Kracht nun zum zweiten Mal eine eigene Folge bekommt.
R
Christian Kracht
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:02:28 „Jetzt hat er wieder ein neues Buch geschrieben. Es wurde wieder heiß erwartet, wie immer sind Krachtbücher Ereignisse, es heißt R, auch das ist schon ein Geheimnis, ich hoffe man spricht das Englisch, soll das Englisch aussprechen den Titel, wir tun es einfach mal, R, um das geht es heute.“
Das neue Buch von Christian Kracht ist das zentrale Thema dieser Podcast-Folge. Lars Weisbrod kündigt es als eines der großen Literaturereignisse des Frühjahrs an. Das Buch wird als rätselhaft beschrieben – es scheint etwas über die Gegenwart zu erklären, bleibt aber auf letzte Weise nicht genau fassbar.
Don Quixote
Miguel de Cervantes
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:10:22 „Der nennt sich nämlich dann weiter Pancho. Was ich nicht ganz verstehe, weil es heißt doch bei Cervantes Sancho, Panzer heißt er, ne? Der Begleiter von Don Quixote.“
Lars Weisbrod erwähnt Cervantes' Don Quixote beiläufig, als er über den Pseudonym-Absender einer Hörermail spricht, der sich 'Sancho Pancho' nennt – eine Anspielung auf die Figur Sancho Panza.
Faserland
Christian Kracht
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:18:32 „Das fing bei Faserland an und da muss man sich jetzt wirklich erstmal zurückversetzen in eine ganz andere Epoche. In eine, so wird es glaube ich auch in Faserland explizit gesagt, in ein wirklich noch sozialdemokratisches Zeitalter, wo es als ungeheures Sakrileg empfunden wurde, dass ein Schnösel-Dandy aus reichen Verhältnissen durch Deutschland und die Schweiz zog.“
Ijoma Mangold rekonstruiert Christian Krachts Karriere und beginnt mit dem Debütroman Faserland von 1995. Er beschreibt, wie das Buch den Literaturbetrieb provozierte, weil ein Dandy-Erzähler die sozialdemokratischen Grundwerte der Bundesrepublik mit Hohn übergoss. Mangold erinnert sich auch an seine eigene ambivalente Reaktion als Student.
1979
Christian Kracht
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:22:16 „Das war 1979, das ist der Titel des zweiten Romans von Christian Kracht. Und dieses Buch war interessanterweise, so funktionieren dann eben Rezeptionsprozesse, quasi bei Erscheinen schon kanonisch, so hatte ich ungefähr den Eindruck.“
Mangold beschreibt den zweiten Roman Krachts, der im Iran kurz vor der islamistischen Revolution spielt. Das Buch erschien fast zeitgleich mit den Anschlägen vom 11. September 2001 und wurde dadurch als seismografische Gegenwartsdiagnose über die Dekadenz des Westens gelesen – ein Ruf, der Kracht seither begleitet.
Chef's Table
David Gelb / Netflix
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:33:38 „Da kam man sich gleich vor, wir hatten auch mal ganz am Anfang eine Folge über Chef's Table und da erinnere ich auch an ein skandinavisches Restaurant, das mich ungeheuer genau an die Beschreibung von Christian Krachts Restaurantwelten erinnert.“
Ijoma Mangold erinnert an die Netflix-Dokumentarserie Chef's Table, die sie offenbar in einer früheren Podcast-Folge besprochen hatten. Die Beschreibung der nordischen Restaurantkultur in Krachts neuem Roman – artisanale Küche, skandinavisches Setting, Foraging – erinnert ihn stark an die in der Serie gezeigten Restaurants.
Der Herr der Ringe
J.R.R. Tolkien
🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:44:21 „Ich habe leider nie diese Verfilmungen gesehen. Vom Herr der Ringe gesehen, aber habe die Bilder, die Filmplakate immer so vor Augen und diese Landschaft hatte mich immer so früher angesprochen. Ich dachte manchmal, ich würde gerne diese Filme sehen, nur um diese Landschaft zu sehen.“
Als Mangold die Fantasy-artige Gegenwelt in Krachts Roman beschreibt – sattes Grün, kraftvolle Regenschauer, durchbrechende Sonne –, fühlt er sich an die Filmplakate der Herr-der-Ringe-Verfilmungen erinnert, obwohl er die Filme selbst nie gesehen hat. Die Assoziation dient ihm zur Einordnung der üppigen Landschaftsbeschreibungen im Roman.
Artikel über Christian Kracht
Adam Soboczynski
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:47:31 „Das fand ich ganz schön in dem Text von Adam Soboschinski in unserem Feuilleton, der ja mit Kracht gesprochen hat, erzählt Kracht, dass er kurz überlegt hat, ob diese Welt zwei Monde haben soll.“
Weisbrod bezieht sich auf einen Artikel von Adam Soboczynski im ZEIT-Feuilleton, in dem dieser ein Gespräch mit Christian Kracht über seinen neuen Roman führte. Darin verrät Kracht, dass er erwogen hatte, seiner Romanwelt zwei Monde zu geben, sich dann aber dagegen entschied.
Eher
Christian Kracht
🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:48:26 „Machen wir mal kurz hier einen Cut, weil wir wollen auch nicht das ganze Buch spoilern und erzählen. Wir müssen nur vielleicht einmal vorausgreifen, ja, entschuldigt bitte, da müssen wir ein bisschen, ja, es ist schon ein Spoiler, aber wir müssen weiter erzählen.“
Das Hauptbuch der Episode. Weisbrod und Mangold analysieren ausführlich Krachts neuen Roman, in dem der Protagonist Paul aus einer Noma-artigen Gegenwartswelt in eine Fantasy-artige andere Dimension gerät. Sie diskutieren die Raumsemantik, die Zivilisationskritik und die Vermischung von Lifestyle-Beobachtung mit fantastischem Erzählen.
Homo Faber
Max Frisch
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:49:57 „Ich musste da kurz an, es gibt doch die berühmte Szene in Homo Faber, wenn sie im Dschungel abstürzt und Homo Faber stürzt da ab, ich glaube im Flugzeug oder so. Das Flugzeug muss notlässig sein. Und da steht im Dschungel und dieser ganze Ekel vor dem Lebendigen, dem Keimenden.“
Lars Weisbrod zieht eine literarische Parallele zwischen den Steinstadtmenschen in Krachts Roman und der berühmten Dschungel-Szene in Max Frischs 'Homo Faber'. In beiden Fällen geht es um einen fundamentalen Ekel vor dem Organischen, Keimenden und Wuchernden – bei Frisch kulminiert das im Satz 'Wo man hinspuckt, keimt es'.
Anfänge: Eine neue Geschichte der Menschheit
David Graeber
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:56:54 „Das ist ja übrigens sowas, was, ich hatte das hier rezensiert für die Zeit, was Graeber in seinem letzten Buch zusammen mit dem Archäologen David Waingrow bearbeitet hat. Also die Idee, dass eigentlich die Jäger und Sammler schon viel komplexere Strukturen und interessantere Lebensformen hatten, als wir immer annehmen.“
Weisbrod verknüpft Krachts Darstellung der hochentwickelten Jäger-und-Sammler-Kultur in der Steinstadt mit der These von Graeber und Wengrow, dass vorneolithische Gesellschaften keineswegs primitiv waren, sondern hochkomplexe Strukturen besaßen. Er hat das Buch selbst für die Zeit rezensiert.
Eine kurze Geschichte der Menschheit
Yuval Noah Harari
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:57:18 „Also das ist auch die These oder die Pointe des Buches, mit dem Yuval Harari seinerzeit berühmt wurde, eine kurze Geschichte der Menschheit, wo er im Grunde auch darauf hinauskommt, auch aus durchaus dietetischen Gründen, warum die Sammlernjäger glücklicher waren als die Menschen in der Sesshaftwerdung.“
Im Gespräch über die Steinstadt-Gesellschaft in Krachts Roman 'R', die als hochentwickelte Jäger-und-Sammler-Kultur ohne Ackerbau lebt, zieht Ijoma Mangold eine Parallele zu Hararis These, dass Jäger und Sammler eine abwechslungsreichere Diät und egalitärere Gesellschaftsformen hatten als sesshafte Ackerbauern.
Die Toten
Christian Kracht
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:00:08 „Auch in seinem, wie ich finde, großen Roman Die Toten geht es genau um diese Frage. Da ist es gewissermaßen festgemacht an der Kulturindustrie. Gibt es etwas, was wir der Moderne, die durch Hollywood die Welt globalisiert und vereinheitlicht hat, in ihrer Bildsprache entgegensetzen kann? Ist das möglicherweise der alte Stummfilm?“
Mangold ordnet Krachts Werk werkgeschichtlich ein und nennt 'Die Toten' als früheres Beispiel für Krachts wiederkehrendes Motiv der Moderneverachtung. Dort wird die Frage über die Kulturindustrie verhandelt: ob eine zelluloide Achse Berlin-Japan dem gleichmacherischen Hollywood etwas entgegensetzen kann.
Die göttliche Komödie
Dante Alighieri
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:02:47 „Und diese Pilgerschaft, das ist ja ein uraltes Motiv, denken wir an Dantes göttliche Komödie zurück, das Leben als Pilgerschaft, das greift Kracht auch wieder in Eher auf.“
Mangold stellt Krachts Pilgermotiv in eine große literaturgeschichtliche Tradition: Die Wanderung von Paul und Cohen einem Berg entgegen erinnert an Dantes Pilgerschaft als Urbild der literarischen Sinnsuche durch verschiedene Welten.
Tlön, Uqbar, Orbis Tertius
Jorge Luis Borges
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:05:54 „Jorge Luis Borges denken müssen. Von dem gibt es eine Erzählung über auch eine andere Welt, eine Other World, die heißt Tlön. Und von den Bewohnern von Tlön heißt das Design per se von Natur aus Idealisten. Ein Buch, das nicht seine eigene Widerlegung enthalte, ist für die Bewohner von Tlön unvollständig.“
Mangold assoziiert Krachts Romanwelt mit Borges' berühmter Erzählung über die erfundene Welt Tlön, deren Bewohner Idealisten sind und von einem Buch verlangen, dass es seine eigene Widerlegung enthält. Viele Eigenschaften von Tlön erkennt Mangold vage in Krachts 'Eher' wieder — als Teil eines intertextuellen Feuerwerks.
Chill
Daniel Kehlmann
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:07:58 „Selbst da vermischen sich ja dann die fantastischen und die realistischen Elemente dann in so einem Buch wie Chill oder so.“
Weisbrod erwähnt Kehlmanns 'Chill' als Gegenbeispiel: Auch dort vermischen sich fantastische und realistische Elemente, aber Kehlmann sei in seinem Erzählen nicht so extravagant wie Kracht. Die spezifische Mischung aus Lifestyle-Detailbeobachtung und Fantastik sei bei Kracht einzigartiger.
Allegro Pastell
Leif Randt · 2020
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 01:09:22 „Leif Randt, vielleicht der andere Schriftstellersäulenheilige dieses Podcasts, weil mit seinem Buch Allegro Pastel dieser Podcast begann, der ist ein anderes Beispiel, weil der hat mal einen Roman geschrieben, der heißt Planet Magnon.“
Weisbrod nennt Leif Randt als Vergleichsfigur zu Kracht: Beide interessieren sich für spezifische Lifestyle-Fragen der Gegenwart und lassen diese auf Science-Fiction-Elemente treffen. 'Allegro Pastell' wird als Gründungstext des Podcasts erwähnt.
Flexen in Miami
Joshua Groß
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 01:09:59 „Und dann habe ich noch weiter überlegt und ein Beispiel ist mir noch eingefallen, der Autor Joshua Groß, den du glaube ich auch sehr schätzt, der tut das auch. Ich habe damals seinen Roman Flexen in Miami gelesen, der interessiert sich aber für andere Lifestyle-Welten als Krach, der ist ja mehr so im Rap zu Hause.“
Weisbrod nennt Joshua Groß als drittes Beispiel für die Verschmelzung von Lifestyle und Fantasy: In 'Flexen in Miami' trifft Rap- und Streetstyle-Wissen auf fantastische Elemente. Groß kennt die richtigen Marken und Rapper, ist aber gleichzeitig ein großer Leser klassischer Fantasy- und Science-Fiction-Literatur.
The Two Cultures
C.P. Snow
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 01:10:59 „Aber vielleicht ist das auch der Witz. Also vielleicht ist die Frage gar nicht, was passiert dann Interessantes, sondern dass es der absolute Gegensatz ist, fast in so einem Sinne der alten Two-Cultures-These. Das eine ist eher Humanities, das andere ist eher Mint.“
Lars Weisbrod versucht zu erklären, warum die Kombination aus genauer Lifestyle-Beobachtung und fantastischem Erzählen in Krachts 'R' so faszinierend ist. Er greift auf C.P. Snows berühmte These von den zwei getrennten Kulturen (Geistes- vs. Naturwissenschaften) zurück, um den Gegensatz zwischen den beiden Erzählebenen zu beschreiben.