Die sogenannte Gegenwart – Haben Dinge eine Seele
#104

Haben Dinge eine Seele

Die sogenannte Gegenwart / 13. Januar 2025 / 11 Medien

Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod

Zum Jahresauftakt 2025 widmet sich die Folge der überraschenden Frage, ob Dinge eine Seele haben — jenseits der üblichen kulturpessimistischen Konsumkritik. Statt über die Masse an Besitz zu klagen, geht es um die auratische, identitätsstiftende Kraft von Gegenständen, die als psychische Stabilisatoren wirken können. Im Gegenwartscheck berichtet Ijoma Mangold von einer Geschäftsidee aus der Startup-Welt: Bone Broth, also Knochenbrühe, hochpreisig vor Berliner Clubs verkauft.

„Die Dinge haben eine andere Seite, eine spirituelle oder zumindest eine auratische, eine Seite, die wir nutzen können, um aus ihr auch so etwas wie unsere eigene Identität zu schöpfen oder zu erschaffen.“
🗣 Ijoma Mangold

Erwähnte Medien (11)

Bares für Rares
Serie

Bares für Rares

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:02:29 „Wir haben Fernsehen geglotzt und wir werden, und ein bisschen Bücher gelesen natürlich, aber wir werden unter anderem auch über die deutsche Kultshow Bares für Rares ein bisschen sprechen.“

Nina Pauer kündigt an, dass die Sendung 'Bares für Rares' eines der Hauptthemen der Folge sein wird. Die ZDF-Trödelshow dient als Ausgangspunkt für eine breitere Diskussion über die Bedeutung von Dingen und deren auratische, identitätsstiftende Qualität.

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Artikel über Treadwives im Zeit-Feuilleton
Artikel

Artikel über Treadwives im Zeit-Feuilleton

Berit Dieselkämper

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:11:55 „Wir hatten einen schönen Text im Zeitfeuilleton von Berit Dieselkämper, die schon nochmal toll beschrieben hat, wie aufwendig das Ganze sein muss. Also dass der Content ist, natürlich das Glück zu zeigen, aber die Aufwendigkeit von jedem einzelnen Arbeitsschritt.“

Im Gespräch über das Phänomen der Treadwife-Accounts auf Social Media und deren verschiedene Rezeptionsformen wird ein Artikel von Berit Dieselkämper aus dem Zeit-Feuilleton als lesenswerte Analyse hervorgehoben, die die aufwendige Inszenierung hinter dem scheinbar einfachen Hausfrauenleben beschreibt.

Zum Artikel bei ZEIT Online
Dokumentarfilm über ihren Vater, der Drogist war
Doku

Dokumentarfilm über ihren Vater, der Drogist war

Regina Schilling

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:41:14 „Die Regina Schilling, die Dokumentarfilmerin, hat auch diesen tollen Film über ihren Vater, der Drogist war. Und das ist ja auch in der Form, wie es noch in den 50er, 60er Jahren war, ein ausgestorbener Beruf, weil der Drogist damals wie der Apotheker staatlich geschützt war.“

Ijoma Mangold erwähnt den Dokumentarfilm von Regina Schilling im Zusammenhang mit Lars Weisbrods Erzählung über ein Freilichtmuseum mit nachgebauten Drogerien. Der Film handelt von Schillings Vater und dem ausgestorbenen Beruf des Drogisten – ein weiteres Beispiel für untergegangene Lebenswelten der Dinge.

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Der Trost der Dinge
Buch

Der Trost der Dinge

Daniel Miller

🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:43:54 „Der richtige Moment, um ein Buch, das schon ein bisschen älter ist, von einem Ethnologen, Daniel Miller, der lehrt in London. Der Trost der Dinge ist 2010 bei Surkamp erschienen und das ist der Versuch einer Alltags-Ethnologie, wo er in einer bestimmten Straße in London an Haustüren klopft, um ein Bild der Lebensgeschichten zu finden, aber nicht indem er die Leute direkt fragt, sondern zeigt mir eure Wohnung und erzählt mir etwas über die Dinge.“

Ijoma Mangold empfiehlt dieses Buch als passende Vertiefung zum Thema der Folge. Der Ethnologe Daniel Miller zeigt darin, dass Dinge nicht bloß entseeltes Industrieprodukt sind, sondern dass wir sie beseelen, indem wir sie uns aneignen und in unsere persönliche Geschichte einbauen – selbst Wertloses kann so einen auratischen Wert bekommen.

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Die unendliche Geschichte
Buch

Die unendliche Geschichte

Michael Ende

🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:45:33 „Oder wie heißt das in der unendlichen Geschichte? Das ist ja diese Schlangenkette, das Aurin.“

Nina Pauer verweist auf das Aurin aus der Unendlichen Geschichte als Beispiel für ein magisches Ding, das seinen Träger mit Macht und Bedeutung auflädt – passend zur Diskussion über die Beselung von Gegenständen und deren symbolische Kraft.

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Magic Cleaning
Buch

Magic Cleaning

Marie Kondo

🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:46:41 „Auch bei Marie Kondo war ja in ihrer Aufräumfibel am Ende, du solltest ja nicht was aussortieren, einfach knallhart, sondern du solltest ja jedes Ding in die Hand nehmen und sagen, danke, dass du mich so lange begleitet hast, jetzt darfst du gehen.“

Lars Weisbrod verweist auf Marie Kondos Aufräum-Methode als modernes Beispiel für die Beselung von Dingen. In ihrer Philosophie, die im japanischen Shintoismus wurzelt, soll man sich respektvoll von Gegenständen verabschieden, damit der Geist des Dings zu einem guten Abschluss kommt.

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Ist das ein Mensch
Buch

Ist das ein Mensch

Primo Levi

🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:50:36 „Ich musste an Primo Levis Buch denken, ist das ein Mensch, der über sein Jahr in Auschwitz geschrieben hat und 1947, glaube ich, erschienen. Wenn man was über den Holocaust lesen sollte, dann das.“

Lars Weisbrod bringt Primo Levis Auschwitz-Bericht als eindrücklichstes Beispiel dafür, wie existenziell die Beziehung zu Dingen ist. Ihm ist besonders im Gedächtnis geblieben, wie Häftlinge sich an kleinste Gegenstände – einen kaputten Kamm, ein Foto – klammerten, weil Besitz unmittelbar mit Würde und Identität verbunden ist.

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Zwei Abhandlungen über die Regierung
Buch

Zwei Abhandlungen über die Regierung

John Locke

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:54:18 „John Lockes Begründung des Rechts auf Eigentum als ein Menschenrecht. Wurzel eigentlich auch in dieser Vorstellung, dass wir, weil wir Dinge hervorbringen, sind sie Teil unserer erweiterten Subjektivität.“

Ijoma Mangold verknüpft die Dingbeziehung mit John Lockes klassisch-liberaler Eigentumstheorie: Weil wir Dinge hervorbringen und bewirtschaften, werden sie Teil unseres erweiterten Ichs und damit unveräußerlich. Er leitet daraus ab, dass diese Logik auch für gekaufte Dinge gilt, die mit selbst erwirtschaftetem Geld erworben wurden.

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Mensonge romantique et vérité romanesque
Buch

Mensonge romantique et vérité romanesque

René Girard

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:56:25 „Ach, das ist hochinteressant, weil da könnte man jetzt nochmal an René Girard, den großen Anthropologen von der Stanford University, Franzose, leider schon verstorben, erinnern, der ja so eine mimetische Theorie hat, ich habe die bestimmt hier irgendwann auch schon mal erwähnt, wonach wir die Dinge begehren, weil jemand anderes sie begehrt.“

Im Gespräch über die Aufladung von Dingen durch Influencer zieht Ijoma Mangold eine Parallele zu René Girards mimetischer Theorie: Wir begehren Dinge, weil andere sie begehren. Er wendet diese Theorie konkret auf das Influencer-Phänomen an – das Begehren des Influencers springt auf uns über. Ein konkreter Buchtitel wird nicht genannt, die mimetische Theorie ist aber vor allem mit Girards Hauptwerk assoziiert.

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Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute
Buch

Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute

Frank Trentmann

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 01:00:01 „Was ich interessant fand, wir haben da beide reingeschaut, ist das Buch von Frank Trendmann, das Herrschaft der Dinge heißt. Geschichte des Konsums seit dem 15. Jahrhundert bis heute von Frank Rennmann, deutscher Historiker. Von 2017 ist das Buch.“

Nina Pauer führt Frank Trentmanns Monumentalwerk als zentrale Quelle für den historischen Blick auf Konsum und Konsumkritik ein. Das rund tausend Seiten lange Buch liefert den beiden den Rahmen, um über Luxusgesetze, die politische Kraft von Konsumboykotten (etwa gegen Sklavenzucker im 18. Jahrhundert) und die historische Dichotomie zwischen Tugend und Luxus zu diskutieren.

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Comicspezial
Artikel

Comicspezial

🗣 Nina Pauer empfiehlt aktiv bei ⏱ 01:06:09 „Ich habe jetzt gerade nochmal das Comicheft, das ganz tolle Comicspezial vom Zeitmagazin in der Hand gehabt. Da geht es in einem Comic darum, wie man noch lesen kann, wo so Leute angesprochen werden, die gerade ein Buch lesen und man fragt sie so, wie schafft ihr denn das zu lesen, ohne die ganze Zeit aufs Handy zu gucken und so. Und da wird das Smartphone das Endgegnergerät genannt.“

Nina Pauer zitiert ein Comicspezial des Zeit Magazins, in dem ein Comic das Smartphone als 'Endgegnergerät' bezeichnet. Der Comic handelt davon, wie Menschen es noch schaffen, Bücher zu lesen, ohne ständig aufs Handy zu schauen. Sie nutzt diese Referenz als Einstieg in das Thema Smartphone-Dominanz und digitaler Detox.

Zum Artikel bei ZEIT Online