Ist Pop heute rechts
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Historische Premiere bei der sogenannten Gegenwart: Zum ersten Mal überhaupt ist ein Gast im Podcast, und zwar der Pop-Theoretiker Dietrich Diederichsen — ausgerechnet dann, wenn es um die Frage geht, ob Pop heute rechts ist. Im Gegenwartscheck geht es zunächst um Tesla und das Ende der automobilen Individualisierung durch Lackierung.
„Ja, ich freue mich ja, wenn mal ein bisschen weniger Seele dabei ist. Muss nicht immer Seele sein.“
Erwähnte Medien (20)
The Companion Species Manifesto
Donna Haraway
🗣 Diedrich Diederichsen referenziert bei ⏱ 00:09:35 „Donna Haraway-mäßig so, wie nennt sie das, Making Kin ist das eine Wort, aber sie hat noch ein anderes Wort für diese Beziehung zwischen Mensch und Tier, diese Spezies-Freundschaft.“
Im Kontext der Diskussion über den Werbebegriff 'Body Ally' verweist Diederichsen auf Donna Haraways Konzept der Spezies-Freundschaft (Companion Species), das neben 'Making Kin' ein weiteres Konzept für Beziehungen zwischen Menschen und nicht-menschlichen Wesen beschreibt.
Ally McBeal
🗣 Diedrich Diederichsen referenziert bei ⏱ 00:10:46 „Ally McBeal.“
Diederichsen wirft den Serientitel 'Ally McBeal' als kurze Assoziation in die Diskussion über den Begriff 'Ally' ein, der gerade von der Werbeindustrie vereinnahmt wird. Es ist eine beiläufige, humorvolle Referenz ohne inhaltliche Vertiefung.
Transformer
Lou Reed
🗣 Diedrich Diederichsen referenziert bei ⏱ 00:16:12 „Das ist sogar ein Erlebnis, über das ich oft geschrieben habe, dass die frischen, langen Haare, nachdem Transformer von Lorit rauskam, abgeschnitten werden mussten 1972.“
Diederichsen erzählt im Kontext des Gesprächs über seine wechselnden Frisuren eine persönliche Anekdote: Als Lou Reeds Album 'Transformer' 1972 erschien, musste er seine langen Haare abschneiden – ein biografisches Erlebnis, das die Verbindung von Popkultur und persönlicher Identität illustriert.
Das 21. Jahrhundert
Diedrich Diederichsen
🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:18:58 „Und das alles kann man nachlesen in einem wirklich wahnsinnig interessanten Buch, das gerade erschienen ist bei Keaton Hoyer & Witsch. Es heißt Das 21. Jahrhundert. Es ist sehr dick. Es hat über 1000 Seiten. Und es versammelt Essaystexte, Feuilletons, die sie seit 2000 geschrieben haben und von denen sie einige ausgewählt haben für dieses Buch.“
Lars Weisbrod stellt den Gast Diedrich Diederichsen vor und verweist auf dessen neues Buch als Sammlung von Essays und Feuilletontexten aus über zwei Jahrzehnten. Das Buch bildet den inhaltlichen Anlass für das gesamte Gespräch und wird im weiteren Verlauf immer wieder als Referenzpunkt herangezogen.
Twentieth Century
Howard Hawks
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:29:29 „Zumal ich kurz vorher einen Film gesehen hatte, der mir sehr gut gefallen hat, die ich immer schon sehen wollte und nie zu sehen bekam. Und die gab es irgendwann mal nur auf der Berlinale kurz bevor ich das Buch mir ausgedacht habe. Und das ist von Howard Hawks, ein Film, der heißt The 20th Century. Wann entstanden? 1934 oder 1933.“
Nina Pauer erklärt, wie sie auf den Titel ihres Buches '21. Jahrhundert' kam. Der Howard-Hawks-Film über einen Schnellzug zwischen New York und Los Angeles, der die Welten von Hollywood und Broadway verbindet, diente als direktes Vorbild für den Buchtitel. Sie beschreibt den Film als lang ersehnt und erst auf der Berlinale entdeckt.
Twentieth Century
Howard Hawks
🗣 Dietrich Diederichsen referenziert bei ⏱ 00:29:39 „Und das ist von Howard Hawks, ein Film, der heißt The 20th Century. Wann entstanden? 1934 oder 1933. Der Film handelt von einem Schnellzug, der zwischen New York und Los Angeles verkehrt“
Diederichsen erzählt, dass dieser Film das Vorbild für den Titel seines Buches war. Er sah ihn auf der Berlinale
Running Up That Hill
Kate Bush
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:35:27 „Es gibt bei Stranger Things in der letzten Staffel gab es diesen Song Running Up That Hill, jetzt ist mir gerade die Künstlerin peinlicherweise... Kate Bush. der zum ersten Mal durch diese Serie auf Platz 1 ging“
Weisbrod nutzt den Song als Beispiel dafür, wie kulturelle Werke immer wieder vorgeholt werden und erst später ihre volle Wirkung entfalten
Stranger Things
Matt Duffer, Ross Duffer / Netflix · 2025
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:35:29 „Es gibt bei Stranger Things in der letzten Staffel gab es diesen Song Running Up That Hill, jetzt ist mir gerade die Künstlerin peinlicherweise ver- Kate Bush. Der zum ersten Mal durch diese Serie auf Platz 1 ging.“
Lars Weisbrod erwähnt Stranger Things als Beispiel für eine Serie, die ältere Popkultur wiederbelebt. Nina Pauer greift das auf und beschreibt die Serie als 'Retromaschine', die alles aus den 80er Jahren unter einen Retro-Bann setzt und dabei die individuellen Qualitäten der wiederentdeckten Werke nivelliert.
Faust
Johann Wolfgang von Goethe
🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:37:00 „Und wenn man dann das wiederhört, dann hat dieses Wiederhören eine ganz andere Bedeutung, als wenn ich erneut wiederhören. Den Faust lese oder Werther lese, wo ich dann denke, ja, wie konnte ich denn diese schwachsinnige Geschichte mal interessant finden.“
Nina Pauer kontrastiert das Wiederhören von Popmusik mit dem Wiederlesen literarischer Klassiker. Beim Wiederlesen von Faust oder Werther könne sich die eigene Bewertung fundamental ändern, während beim Wiederhören eines Songs die psychophysische Erinnerung dominiert.
Bette Davis Eyes
Kim Carnes
🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:39:18 „Und das nivelliert eigentlich das wieder raus. Also wenn man das über Stranger Things kennenlernt, kann ich mir auch wieder vorstellen, wird es so in so eine 80er-Jahre-Märchenwelt rückdelegiert, in der es egal ist, ob Steve Peschmuth oder Betty Davis Eyes oder eben Kate Bush.“
Nina Pauer argumentiert, dass Stranger Things einzelne Songs der 80er in eine generische Retro-Märchenwelt nivelliert, in der die individuellen Qualitäten verloren gehen. Bette Davis Eyes wird als Beispiel für einen Song genannt, der in dieser Nivellierung mit Kate Bush gleichgestellt wird.
The Hill We Climb
Amanda Gorman
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:42:29 „Die Frau, die das Gedicht für Joe Biden vorgetragen hat. Amanda Gorman. Genau, Amanda Gorman dürfe nicht von einer weißen Niederländerin übersetzt werden.“
Nina Pauer bringt die Übersetzungskontroverse um Amanda Gormans Inaugurationsgedicht als typisches Beispiel für identitätspolitische Debatten, die von Kritikern vereinfacht dargestellt werden. Sie argumentiert, dass die ursprüngliche Kritik nicht nur auf Hautfarbe abzielte, sondern auch auf die fehlende Nähe zur Slam-Poetry-Kultur.
Combahee River Collective Statement
Combahee River Collective
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:46:17 „Der Begriff selber kommt ja berühmterweise, jetzt helfen Sie mir kurz vom... Ja, ich weiß schon, das indigenes amerikanisches Wort River Committee.“
Im Gespräch über die Herkunft des Begriffs Identitätspolitik versuchen Lars Weisbrod und Diedrich Diederichsen, das Combahee River Collective zu benennen, das 1977 mit seinem Statement als Geburtsstunde der Intersektionalität gilt. Diederichsen korrigiert, dass es dabei gerade um das Zusammenkommen verschiedener Identitäten ging, nicht um deren Trennung.
Spex – Musik zur Zeit
🗣 Dietrich Diederichsen erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:55:12 „Specs, Musik zur Zeit“
Diederichsen verweist auf die Berichterstattung in der Spex über die Rostock-Lichtenhagen-Angriffe und deren popkulturelle Lesart
Die Transgression der Transgression
Roland Barthes
🗣 Dietrich Diederichsen zitiert daraus bei ⏱ 00:59:44 „mein Lieblingszitat ist hier Roland Barthes 1950... 80, die Transgression der Transgression, die Liebe an einem anderen Ort“
Diederichsen zitiert Barthes zum Thema Transgression als Gegenstimme zur Idee, Subversion sei per se ein Ziel
Die Transgression der Transgression, die Liebe an einem anderen Ort
Roland Barthes
🗣 Nina Pauer zitiert daraus bei ⏱ 01:00:17 „Also mein Lieblingszitat ist hier Roland Barthes 1980, die Transgression der Transgression, die Liebe an einem anderen Ort.“
In der Diskussion über Subversion und Normativität wird gefragt, ob Pauer nicht ohne den Begriff der Transgression auskommen könne. Sie antwortet, dass Transgression nicht per se gut sei, und zitiert Roland Barthes von 1980 als ihr Lieblingszitat zu diesem Thema. Das genaue Werk ist nicht eindeutig benannt, es könnte aus Barthes' späten Schriften oder Vorlesungen stammen.
Die selbstbewusste Nation
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:09:10 „Oder in den 90er Jahren die Selbstbewusste Nation, jenes berühmte Buch, das versucht hat, nochmal den Nationsbegriff neu zu denken.“
Mangold zählt historische Stationen auf, an denen linkes Denken ein Wiedererstarken rechter oder neofaschistischer Kräfte diagnostiziert hat. Er nennt den Sammelband 'Die selbstbewusste Nation' als eines der Beispiele der 90er Jahre, das den Nationsbegriff neu zu fassen versuchte und von links als Bedrohung wahrgenommen wurde.
Anschwellender Bocksgesang
Botho Strauß
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:09:21 „Oder Bruder Strauß mit seinem anschwellenden Boxgesang. Oder dann eben die Neotraditionalismen mit den wilhelminischen Vornamen in den 90er Jahren.“
Im selben Kontext wie 'Die selbstbewusste Nation' nennt Mangold Botho Strauß' berühmten Essay 'Anschwellender Bocksgesang' von 1993 als weiteres Beispiel dafür, wie die Linke stets ein Wiedererstarken rechter Tendenzen diagnostiziert hat. Der Essay erschien im Spiegel und löste eine der heftigsten intellektuellen Debatten der 90er Jahre aus.
Alles was ich möchte ist ein warmes Plätzchen, von dem aus ich Menschen für eine gute Sache abknallen kann
Werner Büttner
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 01:24:41 „Früher in einer anderen Situation, in einer ganz anderen Zeit hat der Künstler Werner Büttner erstmal auf die Formel gebracht, alles was ich möchte ist ein warmes Plätzchen, von dem aus ich Menschen für eine gute Sache abknallen kann.“
Nina Pauer spricht über den Konflikt zwischen hedonistischer Entfesselung und ethischem Selbstanspruch, der viele Menschen heute umtreibt. Sie zitiert Werner Büttners provokante Formel als früheren künstlerischen Ausdruck genau dieses Widerspruchs – gleichzeitig gut und destruktiv sein zu wollen.
La condition postmoderne
Jean-François Lyotard
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 01:26:25 „Also da passiert einiges, was mich interessiert, inwieweit es noch so viel Resonanz hat wie der neue Lyotard 1979, kann ich nicht beurteilen, weil ich in einem Feld lebe, wo es eine Resonanz hat, aber das ist natürlich auch nicht repräsentativ.“
Auf die Frage, ob Theorie noch das Medium sei, in dem sich die Gesellschaft über sich selbst verständigt, verweist Nina Pauer auf Lyotards epochemachendes Werk von 1979 als Maßstab. Sie nutzt es als Benchmark für die Resonanz, die neue Theorieveröffentlichungen heute noch erreichen können – und räumt ein, dass ihr eigenes akademisch-künstlerisches Umfeld nicht repräsentativ sei.
The Sopranos
David Chase
🗣 Nina Pauer zitiert daraus bei ⏱ 01:29:32 „Also der alte Tony Sopranos Satz, I don't eat where I shit, dass man getrennte Bereiche braucht für unterschiedliche Sensibilitäten und für unterschiedliche körperliche Zustände usw., wird von dieser Maschine und vor allem von ihrem sozialen Gebrauch massiv unterminiert.“
Nina Pauer argumentiert, dass der Personal Computer als gleichzeitiges Arbeits- und Kulturgerät eine der zerstörerischsten Entwicklungen für die Popmusik war. Sie zitiert Tony Sopranos Satz als Metapher dafür, dass man getrennte Sphären für Arbeit und kulturellen Genuss brauche – genau diese Trennung habe der Computer aufgelöst.