Sechs Strategien, unsterblich zu werden
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Was haben Putins halbstündige Geschichtslektion bei Tucker Carlson, Caspar David Friedrichs Ölgemälde und Taylor Swift gemeinsam? Sie alle treiben dieselbe Sehnsucht an: die eigene Vergänglichkeit zu besiegen. Die Folge fragt, ob der uralte Drang nach Unsterblichkeit — ob durch imperiale Geschichtspolitik, große Kunst oder Pop-Überwältigung — in der flüchtigen Gegenwart anachronistisch geworden ist oder nur neue Formen annimmt.
„Diese Motivation aus der Tiefe der Geschichte, das eigene Handeln zu definieren, scheint mir etwas mit einem Unsterblichkeitsanspruch, mit einem wahnhaften Bezug auf das Dauernde zu tun zu haben.“
Erwähnte Medien (11)
Lichtspiele
Daniel Kehlmann
🗣 Ijoma Mangold referenziert „Es erinnert mich an den schönen neuen Roman von Daniel Kehlmann, Lichtspiele, der ja ein historischer Roman ist und von einem bedeutenden Filmregisseur handelt. Der muss emigrieren 1933 nach Amerika und hofft auf eine Karriere in Hollywood und kann mit den Sprachliniencodes noch gar nicht umgehen.“
Ijoma Mangold bringt Kehlmanns Roman als Illustration für das Thema Feedforward vs. Feedback ein. Die Romanfigur – ein deutscher Filmregisseur, der 1933 nach Hollywood emigriert – versteht die amerikanischen Höflichkeitscodes nicht und deutet überschwängliches Lob fälschlich als echte Begeisterung. Mangold nutzt das als literarisches Beispiel für kulturelle Kommunikationsunterschiede.
Trigonometry
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:22:17 „Ich erinnere gerade, ein Podcast Trigonometry mit einem eminenten amerikanischen Historiker, auf dessen Namen ich komme, und der hatte ein Buch über Alexander den Großen, Hannibal und Julius Cäsar geschrieben.“
Ijoma Mangold verweist auf eine Episode des Podcasts Trigonometry, in der ein amerikanischer Historiker über Ruhmsucht als Antriebsmotor großer historischer Figuren sprach. Mangold nutzt diese Referenz, um seine These zu stützen, dass die Sehnsucht nach Unsterblichkeit immer schon ein zentraler Motor menschlichen Handelns war – oft auch mit destruktiven Folgen.
Odyssee
Homer
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:27:14 „Es gibt berühmte Stellen sowohl in der Odyssee als auch in Vergils Buchstaben, wo einmal Odysseus und ein anderes Mal Aeneas in die Unterwelt herabsteigt, und zwar, wie es antik heißt, zu den Schatten.“
Ijoma Mangold zeichnet eine Kulturgeschichte der Unsterblichkeit und verweist auf die Odyssee als Schlüsseltext der antiken Jenseitsvorstellung. In Homers Epos steigt Odysseus in den Hades hinab und trifft dort auf die Toten als bloße Schatten – ein trostloser Zustand, der zeigt, dass die Antike kein erstrebenswertes Leben nach dem Tod kannte und Ruhm daher die einzige Form von Unsterblichkeit war.
Aeneis
Vergil
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:27:14 „Es gibt berühmte Stellen sowohl in der Odyssee als auch in Vergils Buchstaben, wo einmal Odysseus und ein anderes Mal Aeneas in die Unterwelt herabsteigt, und zwar, wie es antik heißt, zu den Schatten.“
Neben der Odyssee nennt Mangold Vergils Aeneis als zweites antikes Werk, in dem ein Held in die Unterwelt hinabsteigt. Beide Texte dienen ihm als Beleg für die antike Vorstellung, dass das Jenseits kein erstrebenswerter Ort war – im Gegensatz zum christlichen Himmel –, weshalb irdischer Ruhm die einzige Unsterblichkeit darstellte.
Metamorphosen
Ovid
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:29:14 „Ich weiß aus Schulzeiten, als wir, keine Ahnung, in der 10. Klasse oder so, Ovid's Metamorphose im Lateinunterricht übersetzen mussten, dass ich mich aufregte über die letzten Verse von Ovid's Metamorphosen.“
Mangold erinnert sich an seine Schulzeit, als er Ovids Metamorphosen im Lateinunterricht übersetzte. Er zitiert ausführlich die berühmten Schlussverse, in denen Ovid prophezeit, sein Werk werde ewig bestehen – eine Behauptung, die Mangold als Schüler frech und arrogant fand, deren Wahrheit er aber anerkennen musste, da das Werk tatsächlich 2000 Jahre überdauert hat.
Die letzte Welt
Christoph Ransmayr
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:29:26 „Der lebte zur Zeit im Kaiserreich, zur Zeit von Kaiser Tiberius, wurde verbannt ans Schwarze Meer und schreibt da seine Metamorphosen zu Ende. Christoph Ranzmeier hat daraus einen tollen Roman, Die letzte Welt, geschrieben.“
Im Kontext von Ovids Verbannung ans Schwarze Meer erwähnt Mangold beiläufig Christoph Ransmayrs Roman 'Die letzte Welt', der Ovids Exil und die Metamorphosen literarisch verarbeitet. Er bezeichnet ihn als 'tollen Roman'.
Oden (Exegi monumentum aere perennius)
Horaz
🗣 Ijoma Mangold zitiert daraus bei ⏱ 00:31:05 „Ähnlich übrigens bei Horatz, der von sich sagt, ich habe ein Denkmal errichtet, dauerhafter als Erz. Also das Vertrauen, das durch die gebundene Rede, durch den Vers etwas geschaffen wird, das wie der Marmor dem Zahn der Zeit zu widerstehen vermag, war tief eingewurzelt.“
Mangold zieht eine Parallele zwischen Ovids Unsterblichkeitsanspruch und dem berühmten Horaz-Vers 'Exegi monumentum aere perennius'. Beide antiken Dichter teilten das Vertrauen, dass die gebundene Rede – der Vers – dem Zahn der Zeit widerstehen könne.
Sonett 18 (Shall I compare thee to a summer's day?)
William Shakespeare
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:34:31 „Eines der berühmtesten Beispiele für diesen Kunstglauben, dass man in der Kunst überlebt, ist ein durchgehendes Motiv in den Sonetten von Shakespeare. Und eines der berühmtesten Sonette ist das 18.“
Mangold führt Shakespeares Sonett 18 als berühmtestes Beispiel für den Glauben an Unsterblichkeit durch Kunst an. Er betont die homoerotische Dimension und bittet Nina Pauer, daraus vorzulesen. Das Sonett illustriert die These, dass nicht die Liebe allein unsterblich macht, sondern das Werk, das die Liebe besingt.
Sonett 18 (Shall I compare thee to a summer's day?)
William Shakespeare
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:34:54 „Eines der berühmtesten Sonette ist das 18., ... ein Liebessonett, geht es genau um diese Frage, wie kann der Vergötterte möglichst ewig dauern“
Shakespeares Sonett 18 wird als berühmtes Beispiel für den Kunstglauben besprochen, dass Liebe durch das dichterische Werk unsterblich werden kann. Nina liest es vor.
Der Ernährungskompass
Bas Kast
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:43:33 „wo für uns das krasseste Beispiel so ein Basskast ist, der die alle Studien gelesen hat und uns die Essenz sagt, so hier, ihr müsst die drei Stoffe und dann müsst ihr das so runterbrechen.“
Nina Pauer spricht über Selbstoptimierung und Longevity-Trends und verweist auf Bas Kast als bekanntestes Beispiel für evidenzbasierte Ernährungsratgeber. Sie erwähnt auch Spermidin als eines seiner Themen. Der Verweis dient als Vorstufe zum Extrembeispiel Brian Johnson.
Das egoistische Gen
Richard Dawkins
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:51:24 „Von außen könnte man aber, aus der Außenperspektive lautet es, naja, das ist unsere genetische Programmierung. Es gibt das berühmte Buch, das egoistische Gen und dann würde man sagen, so ist nun mal die Evolution gesteuert, die Handlungseinheit.“
Im Gespräch über Kinder als Form der Unsterblichkeit verweist Mangold auf Dawkins' 'Das egoistische Gen', um die Außenperspektive zu illustrieren: Nicht das Individuum sei die Handlungseinheit der Evolution, sondern der Genpool, der weitergegeben werden müsse.