Kann der Tod uns Glück bringen
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Was passiert, wenn man den Tod nicht mehr verdrängt, sondern sich aktiv mit ihm anfreundet? Die Episode erkundet die Death-Positive-Bewegung und Apps, die einen täglich ans Sterben erinnern — als Werkzeug für ein glücklicheres Leben. Im Gegenwartscheck wird vorher noch die neue Dating-Währung seziert: emotionale Verfügbarkeit als Selbstvermarktungslabel der durchtherapierten Generation.
„Das Emotionale hat ja gerade nichts mit Verfügbarkeit zu tun — es klingt wie ein Termin bei der Behörde.“
Erwähnte Medien (13)
Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung
Hartmut Rosa
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:04:37 „Der schreckliche Hartmut Roser, der ist, glaube ich, der Fachmann in Deutschland für diese Frage. Mehr Resonanz.“
Im Gespräch über die Dating-App Bumble und deren Versuch, emotionale Verfügbarkeit als Wert zu etablieren, nennt Ijoma Mangold Hartmut Rosa als den Fachmann für Resonanz in Deutschland. Der Begriff Resonanz wird als Gegenstück zur oberflächlichen emotionalen Verfügbarkeit eingeführt.
Dunkle Materie. Die Geschichte der Scheiße
Florian Werner
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:06:29 „Ich erinnere jetzt an ein anderes auch sehr schönes Buch von dem Philosophen-Kulturjournalisten Florian Werner. Das heißt Dunkle Materie, die Geschichte der Scheiße. Auch hier wird die Scheiße gewissermaßen rehabilitiert, weil sie Teil der Zivilisation ist, weil man die Zivilisation gar nicht erklären kann, ohne ihren Umgang mit der Scheiße zu erläutern.“
Ijoma Mangold nennt das Buch als weiteres Beispiel für den Trend der 'Rehabilitations-Bücher', die verachtete Alltagsphänomene kulturgeschichtlich aufwerten. Florian Werner zeigt darin, dass Scheiße Teil eines zivilisatorischen Kreislaufs ist.
Essais de Théodicée
Gottfried Wilhelm Leibniz
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:07:31 „Das erinnert mich natürlich an einen berühmten Philosophen des frühen 18. Jahrhunderts, Leibniz, der von der besten aller möglichen Welten sprach.“
Ijoma Mangold zieht die Verbindung zwischen den gegenwärtigen Rehabilitationsbüchern (Staub, Scheiße, Pilze, Bäume) und Leibniz' berühmter These von der besten aller möglichen Welten. Alles werde gefeiert – nur nicht der Mensch.
Candide
Voltaire
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:07:44 „Das spielt dann auch bei Voltaire in seinem Roman Candide eine Rolle. Wo der Held von einem Unglück ins andere stürzt, aber immer daran festhalten soll an dem Diktum, dass dies die beste aller möglichen Welten ist.“
Ijoma Mangold zieht eine geistesgeschichtliche Linie von Leibniz' Philosophie der 'besten aller möglichen Welten' zu Voltaires satirischem Roman. Die Parallele dient ihm dazu, den heutigen Trend der Rehabilitations-Bücher zu kritisieren: Alles wird gewürdigt – nur der Mensch nicht.
Das geheime Leben der Bäume
Peter Wohlleben
🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:08:03 „Weil es einfach schon sozusagen bei Peter Wohlleben, also so dieses Abschreiten gewissermaßen“
Wird als früheres Beispiel des Rehabilitationstrends genannt, bei dem Natur-Phänomene aufgewertet werden
4000 Wochen
Oliver Burkeman
🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:29:10 „In etwa ist das ja immer 4000 Wochen so ein Leben als Durchschnitt.“
Implizite Referenz auf das populäre Sachbuch über Zeitmanagement und Endlichkeit
Intensives Leben. Eine moderne Obsession
Tristan Garcia
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:29:35 „Mich hat das sehr erinnert an dieses Buch von, wie heißt der? Garcia, wie heißt der mit Vornamen? Intensives Leben. Christa. Genau, eine moderne Obsession. Also wir wollen das so ausquetschen wie so eine Zitrone und jeden Moment so intensiv leben, wie wir können.“
Nina Pauer zieht Tristan Garcias Buch als Referenz heran, um die gesellschaftliche Obsession mit Intensität zu beschreiben. Die Death-Positive-Bewegung mit ihren Apps und Todesuhren erscheint ihr als Steigerung dieser Tendenz: Nachdem Eisbaden und Marathonlaufen nicht mehr reichen, wird der Tod als ultimativer Intensitätsgeber herangezogen.
Six Feet Under
Alan Ball
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:44:18 „Eine Serie, die mal so, auch so vor 10, 15 Jahren wahnsinnig populär war, als das goldene Zeitalter der Fernsehserien startete, das war Six Feet Under. Das war ein familienbetriebenes Bestattungsunternehmen in Kalifornien. Die Verschränkung von Leben und Tod, von Leben und Sterben, war da auf ganz unkitschige, gleichwohl berührende, auch lustige und sarkastische Art eigentlich ganz schön ausgeführt.“
Ijoma Mangold führt Six Feet Under als popkulturelles Beispiel dafür an, dass die Gesellschaft durchaus ein reifes Verhältnis zum Sterben entwickelt hat. Er lobt die Serie dafür, die Verschränkung von Leben und Tod auf unkitschige, berührende und zugleich sarkastische Weise dargestellt zu haben.
Bleibefreiheit
Eva von Redecker
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:49:59 „Es beschreibt Simone de Beauvoir auch in einem Roman, darauf hat mich gerade Eva von Redeker in ihrem Buch Bleibefreiheit hingewiesen. In einem Roman, der heißt glaube ich Fosca, erzählt sie von einem Renaissance-Fürsten, der unsterblich wird.“
Ijoma Mangold erwähnt Eva von Redeckers Buch Bleibefreiheit als Quelle, die ihn auf einen Roman von Simone de Beauvoir aufmerksam gemacht hat. Er nutzt die Referenz im Kontext seines Arguments, dass Endlichkeit die Voraussetzung für Sinnstiftung im Leben ist.
Alle Menschen sind sterblich
Simone de Beauvoir
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:50:04 „In einem Roman, der heißt glaube ich Fosca, erzählt sie von einem Renaissance-Fürsten, der unsterblich wird. Und für den ist es quasi unmöglich, Sinnstiftung herzustellen, eben wegen dieses kompletten Mangels an Endlichkeit.“
Ijoma Mangold referenziert Simone de Beauvoirs Roman über den unsterblichen Renaissance-Fürsten Fosca, um seine existenzialistische These zu untermauern: Ohne Endlichkeit gibt es keinen Sinn. Der Roman illustriert, dass erst die begrenzte Lebenszeit Entscheidungen Gewicht verleiht. Mangold nennt den Titel als 'Fosca', gemeint ist der Roman 'Alle Menschen sind sterblich'.
Hälfte des Lebens
Friedrich Hölderlin
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:52:11 „Und oh, die Hälfte des Lebens, berühmtes Gedicht von Hölderlin, Hälfte des Lebens, da bin ich jetzt, du noch nicht, da bin ich jetzt schon eindeutig in der zweiten Hälfte angekommen.“
Ijoma Mangold zitiert Hölderlins berühmtes Gedicht als persönliche Standortbestimmung. Im Gespräch über das bewusste Wahrnehmen der verrinnenden Lebenszeit nutzt er den Titel als Metapher für seinen eigenen Lebensabschnitt – er sei nun eindeutig in der zweiten Hälfte angekommen.
Masse und Macht
Elias Canetti
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:56:12 „der große Nobelpreisträger Elias Canetti, der sein ganzes Leben lang sich abgearbeitet hat mit dem Tod und immer sagte, er verfluche den Tod und er nannte ihn, der Tod ist ein Skandal“
Canettis lebenslange Auseinandersetzung mit dem Tod wird als radikale Gegenposition zur Death-Positive-Bewegung vorgestellt
Masse und Macht
Elias Canetti
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:58:45 „Dann schreibt Canetti, der Augenblick des Überlebens ist der Augenblick der Macht. Und dann versteht man vielleicht auch, warum Canetti den Tod als einen solchen Skandal empfindet, weil er nämlich das Moment der Ohnmacht ist.“
Der Sprecher stellt Canettis radikale Gegenposition vor: Canetti verfluchte den Tod zeitlebens als "Skandal" und weigerte sich, die menschliche Sterblichkeit zu akzeptieren. Das berühmte Zitat über den Augenblick des Überlebens als Augenblick der Macht stammt aus "Masse und Macht" und wird hier genutzt, um Canettis Sicht zu erklären – der Tod ist ein Moment der Ohnmacht, während die Überlebenden triumphieren.