Die sogenannte Gegenwart – Soll man seinen Kindern noch von Odysseus erzählen
#069

Soll man seinen Kindern noch von Odysseus erzählen

Die sogenannte Gegenwart / 10. Juli 2023 / 17 Medien

Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod

Was verrät es über unsere Gegenwart, wenn der eine für Homers Epen schwärmt und der andere für Science-Fiction? Ausgehend von ihren eigenen gegensätzlichen Zeitreferenzen — Vergangenheit versus Zukunft — nehmen sich die beiden eine große kulturelle Diagnose vor: die angebliche Zukunftslosigkeit unserer Epoche, die sich lieber in Retro-Aufgüssen der Vergangenheit einrichtet, statt neue Visionen zu entwerfen.

„Wir haben unterschiedliche Zeitpräferenzen oder Referenzen. Bei dir ist vieles in die Zukunft ausgerichtet und mein dominanter Vektor in die Vergangenheit. Simpel heruntergebrochen: Ich schwärme von Homers Epen, du von Science-Fiction-Plots.“
🗣 Ijoma Mangold

Erwähnte Medien (17)

Homers Epen (Ilias/Odyssee)
Buch

Homers Epen (Ilias/Odyssee)

Homer

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:01:47 „ich schwärme von Homers Epen, du von Science-Fiction-Plots“

Mangold nutzt Homer als Beispiel für seine Vergangenheitsreferenz im Gegensatz zu Weisbrods Zukunftsorientierung

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Ilias / Odyssee
Buch

Ilias / Odyssee

Homer

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:01:51 „Simpel heruntergebrochen, ich schwärme von Homers Epen, du von Science-Fiction-Plots. Und diese Differenz, von der ich glaube, dass sie mehr ist als nur eine Idiosynkrasie, als nur eine subjektive Gestimmtheit, sondern dass sich an ihr auch etwas ablesen lässt in unserem Verhältnis zur Welt.“

Ijoma Mangold nutzt Homers Epen als Inbegriff seiner eigenen Vergangenheitsreferenz. Er kontrastiert seine Begeisterung für antike Texte mit Lars Weisbrods Vorliebe für Science-Fiction, um die zentrale These der Episode zu illustrieren: dass Menschen grundlegend verschiedene Zeitpräferenzen haben, die ihr Denken und Fühlen prägen.

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Magnum (TV-Serie)
Serie

Magnum (TV-Serie)

Tom Selleck

🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:09:19 „Männer, die aussehen wie der von Tom Selle gespielte Privatdetektiv, an den wir uns alle hoffentlich noch erinnern. Auf Hawaii war er zu Hause, er fuhr einen Ferrari, er hatte einen Oberlippenbart.“

Weisbrod beobachtet, dass junge Hipster-Männer sich am Stil von Magnum orientieren, und schlägt dies als Gegenwartscheck vor

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Magnum
Serie

Magnum

🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:10:14 „Männer, die aussehen wie der von Tom Selle gespielte Privatdetektiv, an den wir uns alle hoffentlich noch erinnern. Auf Hawaii war er zu Hause, er fuhr einen Ferrari, er hatte einen Oberlippenbart. Er hatte bunte Hawaii-Hemden an, Shorts einer bestimmten Länge.“

Lars Weisbrod bringt im Gegenwartscheck die Beobachtung ein, dass junge Hipster-Männer sich heute kleiden wie Tom Selleck in der 80er-Jahre-Serie Magnum. Kurze Shorts, Hawaii-Hemden, Goldkettchen – ein Retro-Stil, der ironischerweise zum großen Thema der Episode passt: die Frage, ob unsere Gegenwart vergangenheitsobsessiv ist.

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Star Trek VI: The Undiscovered Country
Film

Star Trek VI: The Undiscovered Country

Nicholas Meyer

🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:31:15 „Mir fällt nur gerade ein Zitat ein, was so schön perfekt passt zu allem, was du gesagt hast, weil in einer der Star Trek Filme heißt das unentdeckte Land, was sich als Metapher auf die Zukunft bezieht, also genauso wie du das jetzt gemacht hast, aber natürlich eigentlich, wie dann aufgeklärt wird, ein Shakespeare Zitat ist.“

Weisbrod greift Mangolds Metapher von der Zukunft als Terra Incognita auf und verweist auf den Star-Trek-Film, in dem 'das unentdeckte Land' als Zukunftsmetapher dient — die ihrerseits auf Shakespeare zurückgeht. Damit illustriert er, wie Science-Fiction und klassische Bildungstradition ineinandergreifen.

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Hamlet
Theater

Hamlet

William Shakespeare

🗣 Lars Weisbrod zitiert daraus bei ⏱ 00:31:34 „Aber natürlich eigentlich, wie dann aufgeklärt wird, ein Shakespeare Zitat ist. Ich müsste es jetzt, glaube ich, nachschauen, aber mal irgendwie sowas gesagt hat, wie es gibt ein unentdecktes Land, kein Reisender kehrt je zurück aus diesem unentdeckten Land.“

Das 'undiscovered country'-Zitat stammt aus Hamlets berühmtem Monolog und bezieht sich dort auf den Tod. Weisbrod erkennt die Shakespeare-Quelle hinter dem Star-Trek-Titel und nutzt das als Beispiel dafür, dass selbst Science-Fiction auf klassische Bildungstraditionen zurückgreift.

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Children of Men
Film

Children of Men

Alfonso Cuarón

🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:34:28 „Mark Fisher hat dafür ein Bild gefunden in einem britischen Film, Children of Man, einem dystopischen Science-Fiction-Film, auf jeden Fall einem dystopischen Zukunftsfilm. Da sind ganz viele Sachen dran interessant, die Mark Fisher in seinem Buch Kapitalistischer Realismus schön auseinandernimmt.“

Weisbrod erklärt, wie Mark Fisher den Film 'Children of Men' als Metapher für die Zukunftslosigkeit des kapitalistischen Realismus nutzt: Eine Welt, in der keine Kinder mehr geboren werden, steht sinnbildlich für eine Gesellschaft, die nichts Neues mehr hervorbringt und an ihren eigenen Ideen altert.

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🎤
Rede

Graeber vs. Thiel Debatte

🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:37:05 „Es gibt eine ganz tolle Debatte genau um diesen Punkt zwischen Graeber und Thiel, die mal vom US-Magazin Bethler veranstaltet wurde. Gibt es hoffentlich noch bei YouTube. Ich verlinke das unten.“

Weisbrod verweist auf eine öffentliche Debatte zwischen David Graeber und Peter Thiel, die trotz ihrer gegensätzlichen politischen Positionen (anarcho-links vs. rechtslibertär) beide ein Innovationsdefizit der Gegenwart diagnostizieren. Er will sie in den Shownotes verlinken.

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Dune
Buch

Dune

Frank Herbert

🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:39:43 „Und ich möchte jetzt endlich mal eine Folge über Dune machen hier im Podcast. Und wie geht das eigentlich zusammen?“

Weisbrod bringt Dune als sein Gegenbeispiel zu Mangolds Vorliebe für klassische Epen wie den Parzival ein. Später diskutieren beide die Atreiden aus Dune und deren Parallele zu den Atriden der griechischen Mythologie, wobei Mangold genau diese Verbindung zur Antike am meisten fasziniert.

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Ilias
Buch

Ilias

Homer

🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:41:03 „Deswegen waren die Beispiele gar nicht so gut gewählt, weil wenn ich jetzt die Chance habe, meinem Kind zum Einschlafen tatsächlich irgendwas, was ich nicht so gerade noch erinnere, aus Schwabs Zusammenfassung, die ich als Kind gelesen habe.“

Weisbrod relativiert den Vorwurf der Geschichtsferne: Mit der Ilias und ihren Figuren wie Odysseus und Achill kann man ihn durchaus abholen. Er erzählt, wie er seinem Kind die homerischen Helden nacherzählt und sie als 'Quellcode unserer Zivilisation' begreift.

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Die Sagen des klassischen Altertums
Buch

Die Sagen des klassischen Altertums

Gustav Schwab

🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:41:21 „Auch als Arbeiterkind kam ich in eine Ausgabe von, wie heißt der, Gunter Schwab? Gustav Schwab. Sagen des klassischen Altertums. Und jetzt versuche ich das sozusagen auch meinem Kind irgendwie weiterzugeben.“

Weisbrod erzählt, dass er als Kind über Gustav Schwabs 'Sagen des klassischen Altertums' Zugang zur griechischen Mythologie fand — nicht über das griechische Original wie Mangold. Er gibt dieses Buch nun an sein eigenes Kind weiter, indem er die Geschichten von Odysseus und Achill nacherzählt.

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Die Wahlverwandtschaften
Buch

Die Wahlverwandtschaften

Johann Wolfgang von Goethe

🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:42:28 „Du willst mir jetzt mit Goethes Wahlverwandtschaften die Voraussetzungen der bürgerlichen Gesellschaft auseinandernehmen und damit die Inflation erklären oder so. Also vielleicht ist es doch nur spezifische Zeitabschnitte, mit denen ich so ein bisschen fremdele.“

Weisbrod nennt die Wahlverwandtschaften als Beispiel für eine bestimmte Art der Vergangenheitsreferenz, die ihn nicht erreicht: Wenn jemand über ein Goethe-Werk heutige ökonomische Phänomene erklären will. Er grenzt damit seinen Widerstand gegen bestimmte Epochen ein — mit der Antike hat er kein Problem, wohl aber mit der Neuzeit.

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Faust. Der Tragödie zweiter Teil
Buch

Faust. Der Tragödie zweiter Teil

Johann Wolfgang von Goethe

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:43:00 „Das Inflationsbeispiel Goethes Faust 2 ist da die einschlägige Stelle und das ist ein brillanter Entwurf. Ja, Faust 2 ist auch Science Fiction, deswegen ist das wieder okay.“

Mangold korrigiert Weisbrod: Nicht die Wahlverwandtschaften, sondern Faust II enthält die berühmte Stelle über Papiergeld und Inflation. Er nennt es einen 'brillanten Entwurf' und überrascht mit der These, Faust II sei eigentlich auch Science-Fiction — was Weisbrod sofort versöhnlich stimmt.

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📖
Buch

Fragment 5 (Das Schildgedicht)

Archilochos

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:45:14 „Ich fühle mich gewissermaßen weniger allein, wenn ich weiß, dass auch schon der frühgriechische Lyriker Achillochos die Feigheit im Angesicht des Krieges gerühmt hat, um nur jetzt irgendein Beispiel zu nennen.“

Mangold erklärt sein tiefes Verbundenheitsgefühl mit der Vergangenheit und illustriert dies mit dem frühgriechischen Lyriker Archilochos, der in seinem berühmten Fragment den Verlust seines Schildes auf der Flucht feierte – ein Urbild des antiheroischen Gestus.

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Babylon 5
Serie

Babylon 5

J. Michael Straczynski

🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:49:17 „Es gibt eine Science-Fiction-Serie, die ich sehr schätze, die viele sehr schätzen, Babylon 5. Über eine Raumstation, eine epische Handlung, ja, da sagt man dann auch immer episch, sagt der Nerd dann, weil es sie so über mehrere Staffeln hinweg trägt.“

Weisbrod nennt Babylon 5 als Beispiel für eine Science-Fiction-Erzählung, die auch eine melancholische Seite hat. Er hebt besonders die letzte Folge hervor, die einen Zeitsprung von 100 und dann 1000 Jahren in die Zukunft macht — ein 'Tiefenblick', der für ihn Melancholie auslöst.

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Über den Begriff der Geschichte
Essay

Über den Begriff der Geschichte

Walter Benjamin

🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:50:00 „Das ist vielleicht wirklich so wie bei Walter Benjamin, dass einfach so Trümmer über Trümmer, gerade wenn es eher dystopische Zukunftsvorstellungen sind, sich gehäuft haben und irgendwo guckt noch so unsere Gegenwart so einmal so ganz kurz durch.“

Lars Weisbrod greift Walter Benjamins berühmtes Bild des Angelus Novus auf — den Engel der Geschichte, der auf sich auftürmende Trümmer blickt. Er überträgt dieses Bild auf dystopische Science-Fiction: In Zukunftsvisionen, die Tausende Jahre vorausblicken, schimmert die eigene Gegenwart nur noch als verschüttete Schicht durch, was eine eigentümliche Melancholie erzeugt.

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Die Anmaßung von Wissen
Rede

Die Anmaßung von Wissen

Friedrich August von Hayek

🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:51:01 „Die Liberalen sind technologieoffen auf die Zukunft, werden aber extrem nervös, wenn jemand irgendwie in die Zukunft plant. Dann heißt es sofort, das ist hier Hayek Anmaßung von Wissen, das sind so böse Linke und wer da irgendwie in die Zukunft plant, eigentlich steht er schon mit halbem Fuß im Gulag.“

Im Gespräch über das Verhältnis politischer Strömungen zur Zukunft wird Hayeks Nobelpreisvorlesung von 1974 als Schlagwort für die liberale Skepsis gegenüber zentraler Zukunftsplanung herangezogen. Der Sprecher kritisiert ironisch, dass Liberale zwar technologieoffen seien, aber jede Form gesellschaftlicher Zukunftsgestaltung sofort als planwirtschaftliche Anmaßung abtun.

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