Müssen wir unsere Wut wegatmen
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Anlass ist die Netflix-Miniserie «Beef», in der ein banaler Road-Rage-Vorfall eine Eskalationsspirale zwischen zwei Fremden auslöst — und die zum Ausgangspunkt einer größeren Frage wird: Ist Wut in einer durchtherapierten, achtsamkeitsgeschulten Gesellschaft noch erlaubt, oder längst ein Distinktionsmerkmal? Nebenbei liefert der Gegenwartscheck eine feine Beobachtung über Maskenträger an der frischen Luft und das postpandemische Rätselraten über deren Motive.
„Dient zugleich die Überwindung der Wut, also das Wegatmen der Wut, als Mittel der sozialen Distinktion.“
Erwähnte Medien (13)
Beef
Lee Sung Jin
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:01:02 „Es ist eine kleine, eine Miniserie. Ich glaube, man sagt Miniserie, wenn sie nur zehn Folgen hat. Und sie heißt Beef. Und Beef ist erstmal ein Ausdruck für Fleisch, aber natürlich auch dafür, wenn man mit jemandem einen Beef hat. Nämlich eine wütende Auseinandersetzung. Es geht um Wut.“
Beef ist das Hauptthema dieser Folge. Ijoma Mangold stellt die Netflix-Miniserie begeistert vor und beschreibt sie als sehr soziologisch. Die Serie handelt von einem Road-Rage-Vorfall zwischen zwei asiatisch-amerikanischen Protagonisten in Kalifornien, aus dem sich eine eskalierende Fehde entwickelt. Die Folge nutzt die Serie als Ausgangspunkt für eine breitere Diskussion über Wut in der Gegenwart.
Allegro Pastell
Leif Randt · 2020
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:23:38 „Da dachte ich ein bisschen an eure, Larsens und deine vielleicht allererste Folge über Leif Rands Roman, Allegro Pastel, wo ihr über das Pärchen gesprochen habt, wie die so miteinander umbringen.“
Nina zieht eine Parallele zwischen dem soften Umgang der Figuren in Beef und dem Pärchen in Leif Randts Roman
Road-Rage-Artikel
Henning Susebach
🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:25:58 „Das schöne Wort Fastunfall habe ich übrigens aus einem Artikel von unserem Kollegen Henning Susebach, der mal über Road Rage geschrieben hat, über sein Fahrradfahren und sich diese Frage der Wut im Verkehr gewidmet hat.“
Nina Pauer erwähnt beiläufig einen Artikel ihres ZEIT-Kollegen Henning Susebach über Wut im Straßenverkehr, aus dem sie den Begriff 'Fastunfall' übernommen hat. Der Artikel passt thematisch zur Beef-Diskussion, da die Serie ebenfalls mit einem Road-Rage-Moment beginnt.
Road Rage – Artikel über Fahrradfahren und Wut im Verkehr
Henning Susebach
🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:25:58 „Das schöne Wort Fastunfall habe ich übrigens aus einem Artikel von unserem Kollegen Henning Susebach, der mal über Road Rage geschrieben hat, über sein Fahrradfahren und sich diese Frage der Wut im Verkehr gewidmet hat.“
Nina Pauer erwähnt beiläufig einen Artikel ihres ZEIT-Kollegen Henning Susebach, der über Road Rage und seine Erfahrungen als Fahrradfahrer geschrieben hat. Sie entlehnt daraus das Wort 'Fastunfall', das sie zur Beschreibung des Ausgangspunkts der Serie Beef verwendet.
Parasite
Bong Joon-ho
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:26:28 „Also es hat mich häufig an Parasite erinnert, vielleicht aber auch sogar deshalb, weil die Serie fast vollständig asiatisch-stämmig besetzt ist.“
Nina Pauer vergleicht Beef mit dem Film Parasite. Die Assoziation entsteht durch die vollständig asiatisch-stämmige Besetzung, aber auch durch das soziologische Thema: Beide Werke tauchen tief in unterschiedliche soziale Milieus ein – das erfolgreiche Künstlermilieu einerseits und die prekärere Existenz des Klempners Danny andererseits.
Road Rage
Henning Susebach
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:26:53 „Das schöne Wort Fastunfall habe ich übrigens aus einem Artikel von unserem Kollegen Henning Susebach, der mal über Road Rage geschrieben hat, über sein Fahrradfahren und sich diese Frage der Wut im Verkehr gewidmet hat.“
Nina verweist auf einen Artikel ihres ZEIT-Kollegen Henning Susebach über Wut im Straßenverkehr
Match Point
Woody Allen
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:42:26 „Ich muss immer, wenn ich etwas ausholen darf, an einen Film, den ich sehr gemocht habe, von vor 20 Jahren oder länger noch denken, weil damals war das für mich eine völlig neue Beobachtung. Heute ist sie, wie du es beschrieben hast, Standard geworden. Woody Allen's Matchpoint.“
Ijoma Mangold erinnert sich an Woody Allens Match Point als persönliches Schlüsselerlebnis für die Beobachtung, dass Lautstärke ein Sozialindikator ist. In einer Szene wird ein Sohn vom Vater zurechtgewiesen, weil er gegenüber seiner Mutter die Stimme erhebt – unabhängig davon, ob die Mutter im Unrecht war. Für Mangold war das die erste bewusste Wahrnehmung dieses Phänomens.
Bild. Macht. Deutschland.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:44:08 „Es gibt die Serie über Julian Reichelt und die Bild-Zeitung, die ich sehr interessant fand. Die reden, und das meine ich übrigens jetzt nicht abwertend, die reden eindeutig lauter, als wir es in Hamburg bei unseren Konferenzen tun. Sie reden, glaube ich übrigens, auch freimütiger.“
Ijoma Mangold erwähnt die Dokumentarserie über Julian Reichelt und die Bild-Zeitung als Beispiel für unterschiedliche Lautstärke-Kulturen in Redaktionen. Er fand bemerkenswert, wie freizügig dort diskutiert und dem Chef widersprochen wurde – im Kontrast zur Affektkontrolle bei der Zeit. Er nutzt die Serie als Beleg für seine These, dass Lautstärke ein sozialer Distinktionsmarker ist.
Zorn und Zeit
Peter Sloterdijk
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:48:10 „Für die Griechen, das finde ich einen schönen Begriff, ich habe den erst von Peter Sloterdijk gelernt, weil der den wieder entdeckt hat, nachdem der mit langem, eigentlich über 2000 Jahre gewissen, der Philosophiegeschichte so ein bisschen vergessen worden war. Für die Griechen war der Ort der Effekte oder des Gemüts, das nannten sie den Thymos.“
Ijoma Mangold verweist auf Peter Sloterdijk, der den griechischen Begriff des Thymos wiederentdeckt hat – den Ort der Affekte und des Gemüts. Sloterdijk hat diesen zentralen Begriff der griechischen Anthropologie in seinem Werk Zorn und Zeit wieder in die philosophische Debatte eingebracht, nachdem er über 2000 Jahre in Vergessenheit geraten war.
Ilias
Homer
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:48:46 „Die Ilias ist nichts anderes, Homers Ilias ist nichts anderes als die Entfaltung einer Gefühlswallung, nämlich singe, muse vom Zorn des Achill. Achill fühlt sich durch Agamemnon, den Primus Interpares, den ersten untergleichen der griechischen Fürsten, zurückgesetzt, weil Agamemnon Anspruch erhebt auf die Kriegsbeute, die Brisees von Achill.“
Ijoma Mangold zitiert Homers Ilias als Urtext der literarischen Wutdarstellung. Das gesamte Epos entfalte sich aus einer einzigen Gefühlswallung – dem Zorn des Achill, der sich von Agamemnon zurückgesetzt fühlt. Mangold nutzt dies als Beleg dafür, dass politische und heroische Handlungen stets von tieferliegenden Affektlagen motiviert sind.
Falling Down – Ein ganz normaler Tag
Joel Schumacher
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:53:35 „Mir fällt nur ein anderes Beispiel eines anderen Kulturproduktes ein, das im Grunde mit diesem Motiv der nicht zugelassenen Wut, die sich dann in einem politischen Amok äußert, das schon durchgespielt hat. Und das ist ein Film aus den frühen 90er Jahren mit Michael Douglas, »Falling Down«, »Ein ganz normaler Tag«.“
Mangold bringt den Film als Beispiel für das Motiv der unterdrückten Wut, die in destruktiven Amok umschlägt. Der Protagonist, ein Investmentbanker in Los Angeles, verliert nach einem Autounfall die Kontrolle und wird zum Amokläufer – eine Parabel dafür, wie gefährlich nichtkanalisierte Wut für die Gemeinschaft sein kann.
Midnight Run
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 01:01:14 „Ich denke jetzt an meinen Lieblingsfilm, das ist eine Komödie mit Robert De Niro, Midnight Run. Da stehen im Zentrum zwei Figuren, die aus total unterschiedlichen sozialen Klassen kommen, die haben aber gemeinsam mehr oder weniger freiwillig oder unfreiwillig ein gemeinsames Abenteuer zu bestehen und weil das eine Extremsituation ist, kommen die sich plötzlich näher.“
Mangold nennt Midnight Run als seinen Lieblingsfilm und nutzt ihn als Beispiel für das filmgeschichtliche Motiv, dass soziale Gräben nur in Extremsituationen überwunden werden können. Robert De Niro spielt den Underdog, der in der gemeinsamen Notlage plötzlich über Gefühle reden kann.
Walkürenritt
Richard Wagner
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:05:02 „Oder Wagners Walkürenritt anhören.“
Auf die Frage, wohin mit der Wut, wenn man sie weder wegatmen noch unterdrücken will, schlägt Mangold Wagners Walkürenritt als kathartisches Ventil vor – intensive Kunst als Weg, die Wut ästhetisch auszuleben statt sie destruktiv werden zu lassen.