Gender, Race, Klasse – und wo bleiben die Ossis
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Dirk Oschmanns Bestseller „Der Osten, eine westdeutsche Erfindung
„Ein sehr alter Diskurs, der jetzt noch einmal wieder neu auf die Bestsellerlisten gekommen ist.“
Erwähnte Medien (16)
Der Osten: eine westdeutsche Erfindung
Dirk Oschmann
🗣 Nina Pauer empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:00:06 „Wir wollen heute über ein Buch sprechen, das, bevor die Stucki-Festspiele losgerollt sind, auf Platz 1 der Bestsellerlisten war. Und zwar über Dirk Oschmann, Der Osten, eine westdeutsche Erfindung.“
Hauptthema der Episode, über das ausführlich diskutiert wird
Noch wach
Benjamin von Stuckrad-Barre
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:01:20 „die großen Benjamin von Stuckrad-Barre-Festspiele sind losgebrochen. Sein Buch noch wach ist endlich rausgekommen und beschäftigt uns alle“
Wird im Gegenwartscheck als aktuelles kulturelles Phänomen besprochen, das eine Lese-Ambivalenz auslöst
Shades of Grey
E. L. James
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:04:20 „Weil das eine ist ja so, oh, jetzt wollen alle Shades of Grey und das ist so, ich möchte das nicht mitmachen, weil es irgendwie zu oder bei irgendwelchen Blockbustern ist mir zu billig oder zu die Marketinggeschichte ist mir zu billig.“
Nina Pauer nutzt Shades of Grey als Vergleichsbeispiel für den Rezeptionsverweigerungsreflex bei gehypten Büchern. Im Unterschied zu Stuckrad-Barres Buch sei der Abwehrreflex dort rein geschmacklich und nicht moralisch motiviert gewesen.
Sapiens. Eine kurze Geschichte der Menschheit
Yuval Noah Harari
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:06:12 „Ja, ja, ich habe das gerade bei Yuval Noah Yuval oder Yuval Noah Harari, dass ich auch, aber gar nicht, da war es nicht so ein Moral, also natürlich nicht so ein moralisches Ding, sondern einfach, dass man so denkt, ja, ja, mache ich irgendwann, reicht ja die Zusammenfassung und so und dann sitzt man da und denkt irgendwie fünf Jahre später, boah, das ist ja gut und alle paar Seiten so ein Aha-Moment.“
Nina Pauer spricht über den Reflex, gehypte Bücher zunächst nicht lesen zu wollen, und nennt Harari als Beispiel, bei dem sie das bereut hat. Sie beschreibt, wie sie das Buch jahrelang aufschob und dann begeistert war.
Wie sich der Westen den Osten erfand
Dirk Oschmann
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:14:06 „Das Buch Der Osten, eine westdeutsche Erfindung, basiert auf einem FAZ-Artikel aus dem Februar. Der hieß, glaube ich, Wie sich der Westen den Osten erfand. Der Artikel hat wahnsinnig eingeschlagen und einen Nerv getroffen. Daraus ist dann das Buch entstanden.“
Nina Pauer erklärt die Entstehungsgeschichte von Oschmanns Buch. Der ursprüngliche FAZ-Artikel aus dem Februar 2023 ging viral und traf einen Nerv, woraufhin Oschmann ihn zum Buch ausbaute.
Alle verschwiegenen Wahrheiten werden giftig
Friedrich Nietzsche
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:14:47 „Ich fand auch dieses Nietzsche-Zitat, was vorne im Buch stand, alle verschwiegenen Wahrheiten werden giftig. Welche Wahrheit meint der denn?“
Nina Pauer weist auf das Nietzsche-Motto hin, das Oschmann seinem Buch vorangestellt hat. Ijoma Mangold deutet es als programmatisch: Oschmann meint die verschwiegene Diskriminierung des Ostens, deren Verdrängung die Demokratie gefährde. Das Zitat stammt aus Nietzsches 'Also sprach Zarathustra'.
Begründung der Berliner Republik
Johannes Groß
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:25:10 „Es gab damals von Johannes Groß zum Beispiel dieses Buch, die Begründung der Berliner Republik. Das war unbedingt auch eine Abrechnung mit dem alten korporatistischen rheinischen Kapitalismus der Bundesrepublik.“
Ijoma Mangold erinnert sich an die intellektuelle Aufbruchsstimmung nach der Wiedervereinigung. Johannes Groß' Buch steht für die Idee, dass mit dem Mauerfall nicht nur der Osten, sondern auch die alte Bundesrepublik untergegangen sei und etwas Neues begann.
Die Gesellschaft der Singularitäten
Andreas Reckwitz
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:29:05 „Er legt sozusagen auch offen, hier, ich bin ein typisches Durchschnittsprodukt von Andreas Reckwitz, Gesellschaft der Singularitäten, und rattert es runter, ich bin Teil der akademischen urbanen Mittelschicht, die sich über die Felder wohnen, in Klammern zentrumsnah sanierter Altbau mit Stuckreisen.“
Nina Pauer zitiert eine Passage aus Oschmanns Buch, in der dieser sich selbstironisch als Produkt der von Andreas Reckwitz beschriebenen Singularitätsgesellschaft einordnet – als Teil der akademischen urbanen Mittelschicht mit den typischen Merkmalen dieser Klasse.
Titanic
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:29:09 „Es gibt ein schönes Beispiel von einem Titanic-Cover. Es gibt natürlich ganz viele. Titanic ist natürlich das Zentralorgan der Ossi-Persiflage.“
Satirezeitschrift, deren Cover über den Osten als Beispiel für Oschmanns fehlende Ironiefähigkeit herangezogen wird
Titanic
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:30:34 „Titanic ist natürlich das Zentralorgan der Ossi-Persiflage. Und das aber in so herausgestellter Weise, dass es damit ja auch immer schon die Persiflage des westlichen Überheblichkeitsstandpunkts automatisch implizit auch ist.“
Ijoma Mangold diskutiert ein konkretes Titanic-Cover vom November 2022 mit der Schlagzeile 'Rezessionsangst in Deutschland – am rechts sind wir bald alle Ossis'. Er argumentiert, dass Oschmann die satirische Doppelbödigkeit des Magazins nicht erkennt und die Pointe eins zu eins liest, statt die Parodie der westdeutschen Überheblichkeit darin zu sehen.
Du hast den Farbfilm vergessen
Nina Hagen
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:32:44 „Und aber er sagt, dass ihre Liedwahl, ja, du hast den Farbfilm vergessen, von Nina Hagen, dass das so negativ rezipiert worden ist. Und das würde ich sagen, nee, da ist eine Verzerrung. Wir waren doch alle so geflasht davon, dass sie dieses Lied genommen hat und es gab irgendwie jubelnde Artikel darüber.“
Nina Pauer widerspricht Oschmanns Darstellung, Angela Merkels Wahl des Nina-Hagen-Songs für ihren großen Zapfenstreich sei negativ aufgenommen worden. Pauer erinnert sich an eine überwiegend positive, begeisterte Rezeption und sieht darin ein Beispiel für Oschmanns gelegentliche Verzerrung der Realität.
My Way
Frank Sinatra
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:33:26 „Er bezieht es oder er vergleicht es mit dem großen Zapfenstreich, den sich Gerhard Schröder am Ende seiner Kanzlerschaft gegönnt hat. Und das, was sie nachher hat, war I did it my way. Und Oschmann schreibt völlig zu Recht, was für eine langweilige Wahl.“
Ijoma Mangold vergleicht Merkels Liedwahl mit Schröders Wahl von 'My Way' für seinen Zapfenstreich. Er stimmt Oschmann zu, dass Schröders Wahl langweilig war, erklärt dies aber damit, dass Schröders homogenere Biografie weniger Überraschendes hergab als Merkels ostdeutsche Lebensgeschichte.
Herkunft
Saša Stanišić
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:38:20 „Bezieht er sich tatsächlich auf das Buch von Sascha Stanisic, Herkunft, mit dem Verweis, auch im idyllischen, akademischen Heidelberg gäbe es Rassismus“
Mangold kritisiert Oschmanns Fehllektüre dieses Buches als Beleg für Rassismus in Heidelberg
Die Ostdeutschen als Avantgarde
Wolfgang Engler
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:38:35 „Da kam der Wolfgang Engler, der Soziologe, mit dem Buch über die Ostdeutschen als die neue Avantgarde. Und der musste quasi noch hart argumentieren für seine, wie ich finde, sehr einleuchtende These, weil es noch nicht das identitätspolitische Sprachspiel gab.“
Ijoma Mangold zieht einen Vergleich zwischen Oschmanns Buch und Wolfgang Englers früherer Publikation aus den späten 90er Jahren. Seine These: Engler musste damals noch hart für seine Argumente kämpfen, weil das identitätspolitische Sprachspiel noch nicht existierte – Oschmann dagegen kann sich dieses Register heute mühelos bedienen.
Gesinnungsästhetik
Ulrich Greiner
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:55:01 „Im Wesentlichen war die Abrechnung mit dem, was Ulrich Greiner in der Zeit damals die Gesinnungsästhetik nannte, war eine Abrechnung, in dem Fall am Beispiel von Christa Wolf und wurde aber gleichzeitig durchgespielt, genauso für die Gruppe 47.“
Im Kontext des deutsch-deutschen Literaturstreits erwähnt Mangold den prägenden Begriff 'Gesinnungsästhetik', den Ulrich Greiner in der ZEIT geprägt hat. Der Artikel war Teil einer größeren Debatte über die Moralisierung der Literatur, die am Beispiel Christa Wolfs geführt wurde. Mangold wirft Oschmann vor, diese differenzierte Literaturgeschichte komplett auszublenden.
Was bleibt
Christa Wolf
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:55:01 „Das war die große Debatte, der deutsch-deutsche Literaturstreit. Naja, das war ein sehr, sehr notwendiger Streit. Wir können ihn im Rückblick bestimmt auch sagen, wo Ungerechtigkeiten und Selbstgefälligkeiten waren, aber im Wesentlichen war die Abrechnung mit dem, was Ulrich Greiner in der Zeit damals die Gesinnungsästhetik nannte, war eine Abrechnung, in dem Fall am Beispiel von Christa Wolf.“
Ijoma Mangold kritisiert Oschmanns vereinfachende Darstellung des deutsch-deutschen Literaturstreits. Der Streit entzündete sich 1990 an Christa Wolfs Erzählung 'Was bleibt', in der sie ihre Überwachung durch die Stasi thematisierte. Mangold sieht darin eine berechtigte Auseinandersetzung mit Gesinnungsästhetik, nicht bloße West-Arroganz.