Die sogenannte Gegenwart – Wie können wir unsere Köpfe dekolonisieren
#062

Wie können wir unsere Köpfe dekolonisieren

Die sogenannte Gegenwart / 03. April 2023 / 16 Medien

Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod

Ausgangspunkt ist Lars Kraumes Kinofilm »Der vermessene Mensch« über den deutschen Kolonialismus — von hier aus nehmen sich Ijoma Mangold und Nina Pauer das große Paradigma der Dekolonisation vor, das die Zehnerjahre auf allen Ebenen geprägt hat, von Schulgeschichtsbüchern bis zur Bespielung europäischer Museen. Im Gegenwartscheck geht es um ein neues politisches Schimpfwort: die »fossilen Zyniker«, das Luisa Neubauer nach der krachenden Niederlage des Berliner Klima-Volksbegehrens in einem bemerkenswerten Selfie-Video prägte.

„Sie und das Spiel mit der Kamera, sowas habe ich wirklich noch nie gesehen. Es ist in einer Weise makellos, perfekt und es magisch beherrschend. Ich kenne kein vergleichbares Beispiel.“
🗣 Ijoma Mangold

Erwähnte Medien (16)

Erzählung über den Jesuitenpfarrer in Südamerika
Buch

Erzählung über den Jesuitenpfarrer in Südamerika

Jorge Luis Borges

🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv „Es gibt eine tolle Erzählung von dem von mir sehr verehrten argentinischen Schriftsteller Borges, der von einem eigentümlichen Menschenfreund erzählt, nämlich einem Jesuitenpfarrer, der in, ich glaube, in Argentinien oder Peru im 17. Jahrhundert es nicht mit ansehen kann, wie die indigene Bevölkerung in den Silberbergwerken, wie die Fliegen sterben.“

Mangold erzählt von einer Borges-Erzählung, um die moralischen Paradoxien der Kolonialgeschichte zu illustrieren: Ein Jesuitenpfarrer setzt sich aus Menschenfreundlichkeit für die indigene Bevölkerung ein, schlägt aber vor, stattdessen afrikanische Sklaven nach Südamerika zu bringen. Mangold nennt das einen 'eigentümlichen Giftcocktail höchst seltsamer Gefühle' und nutzt die Geschichte als Beleg für die Ambivalenzen des Kolonialismus.

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Der vermessene Mensch
Film

Der vermessene Mensch

Lars Kraume

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:01:23 „Letzte Woche Donnerstag ist der Film Der vermessene Mensch vom Regisseur Lars Kraume in die Kinos gekommen. Den haben wir uns angeguckt. Das ist sozusagen das Kulturprodukt, unser kleiner Anlass, von dem wir aus abheben wollen auf die großen Fragen.“

Der Film ist das zentrale Thema dieser Episode. Er behandelt den deutschen Kolonialismus in Namibia und den Völkermord an den Herero. Nina Pauer war bei der Hamburg-Premiere mit anschließender Diskussion mit Regisseur, Hauptdarstellerin und einem Herero-Aktivisten. Die Sprecher nutzen den Film als Ausgangspunkt für eine breitere Diskussion über Dekolonisierung und kollektive Amnesie.

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Jung und Naiv
Podcast

Jung und Naiv

Thilo Jung

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:01:36 „da hat nämlich die Energieökonomin Claudia Kempfert bei Thilo Jung in seinem Podcast Jung und Naiv wörtlich, ich muss das wörtlich zitieren, gesagt“

Podcast wird als Quelle eines Zitats der Energieökonomin Claudia Kemfert erwähnt

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Jung & Naiv
Podcast

Jung & Naiv

Tilo Jung

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:03:43 „Da hat nämlich die Energieökonomin Claudia Kempfert bei Thilo Jung in seinem Podcast »Jung und Naiv« wörtlich, ich muss das wörtlich zitieren, gesagt, »Das fossile Kapital muss ausgerottet werden.«“

Ijoma Mangold erwähnt den Podcast im Gegenwartscheck, um ein zweites Beispiel für das neue Schimpfwort 'fossil' zu liefern. Er zitiert einen Auftritt der Energieökonomin Claudia Kemfert, die dort eine besonders drastische Formulierung über fossiles Kapital verwendet hat.

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The Miracle Morning
Buch

The Miracle Morning

🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:04:41 „Also es gibt ja das Konzept des Miracle Mornings, ja, also früh aufstehen, dann meditieren, dann schon mal ganz viel oder diesen 5am Club, wir wecken uns früh und machen dann schon Sport und schaffen ganz viel und bilden uns.“

Nina Pauer verweist auf das Miracle-Morning-Konzept als bekanntes Effizienz- und Selbstoptimierungskonzept, um den Kontrast zum neuen Trend 'Bare Minimum Monday' herzustellen. Es wird als Beispiel für die bisherige Produktivitätskultur genannt.

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Der Staat gegen Fritz Bauer
Film

Der Staat gegen Fritz Bauer

Lars Kraume

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:15:36 „Vom Regisseur Lars Kraume, den kennt man zum Beispiel von Der Staat gegen Fritz Bauer. Er nimmt sich, wie er sagt, vor Kapitel oder Ecken der deutschen Geschichte zu beleuchten, die vergessen worden sind oder verdrängt.“

Nina Pauer erwähnt den früheren Film von Lars Kraume, um den Regisseur des Hauptfilms 'Der vermessene Mensch' einzuordnen. Sie stellt damit sein Werk in eine Reihe von Filmen, die vergessene Kapitel der deutschen Geschichte aufarbeiten.

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Toni Erdmann
Film

Toni Erdmann

Maren Ade

🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:17:12 „Er arbeitet einem, viele werden ihn aus Toni Erdmann kennen, Peter Simonischek, dem Professor arbeitet er zu, der ein Vertreter der Rassentheorie ist.“

Ijoma Mangold erwähnt den Film beiläufig, um den Schauspieler Peter Simonischek zu identifizieren, der im 'Vermessenen Menschen' den Professor spielt. Toni Erdmann dient hier als Referenzpunkt für das Publikum, um den Darsteller einzuordnen.

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Ein weites Feld
Buch

Ein weites Feld

Günter Grass

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:27:03 „Das war so die Verkörperung postmodernen Erzählens, wonach ich mich so dürstete, weil in Deutschland habe ich das Gefühl, schreiben alle nur so wie Günter Grass ein weites Feld. Und das fand ich formal immer so uninteressant.“

Mangold erwähnt Günter Grass' Roman als Negativbeispiel für die formal uninteressante deutsche Literatur der 90er Jahre, die ihn dazu trieb, sich dem postmodernen Erzählen von Thomas Pynchon zuzuwenden.

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V.
Buch

V.

Thomas Pynchon

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:27:14 „Und da las ich sein, ich glaube, es ist sein Debütroman V. Und der handelt von vielem, aber er handelt tatsächlich auch vom Genozid an den Hereros. Und ich weiß, wie baff ich war, weil es erstens mal absolut brillant, verstörend brillant erzählt ist.“

Ijoma Mangold erzählt, wie er Mitte der 90er Jahre als Student in München erstmals vom Völkermord an den Herero erfuhr – nicht im Geschichtsunterricht, sondern durch Thomas Pynchons Debütroman. Er war fasziniert von Pynchons postmodernem Erzählen und zugleich erschüttert, dass ein US-amerikanischer Autor ihm einen Teil der eigenen deutschen Geschichte näherbrachte, von dem er nichts wusste.

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Morenga
Buch

Morenga

Uwe Timm

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:28:09 „Der schenkte mir freundlicherweise einen Roman, wo er meinte, sie sollten sich ein bisschen dafür interessieren. Und das ist der Roman Moringa. Der erzählt tatsächlich eben auch die Geschichte der Deutschen im deutschen Südwest und den Krieg gegen die Herero.“

Mangold erzählt, wie er um 2002/2003 in München Uwe Timm kennenlernte, der ihm seinen Roman Morenga schenkte. Das Buch handelt von der deutschen Kolonialgeschichte in Deutsch-Südwestafrika und dem Krieg gegen die Herero. Der Roman von 1978 diente später als Inspiration für den Film 'Der vermessene Mensch'.

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Im Westen nichts Neues
Film

Im Westen nichts Neues

Edward Berger

🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:35:31 „Und ich hatte das ja so ein bisschen bei Im Westen nichts Neues auch, weil man sich fragt, was sind dann die wirkungsmächtigsten Bilder? Also weil das Wirkungsmächtigste ist häufig ja auch die Andeutung, dass einem der Schauer eher so kommt oder die Beklemmung, statt dass man nur Blut sieht.“

Die Sprecherin zieht einen Vergleich zu 'Im Westen nichts Neues', um zu diskutieren, wie Filme historische Grausamkeit am wirkungsvollsten darstellen – durch Andeutung statt explizite Gewalt. Sie erwähnt die abgemagerten russischen Gefangenen hinter Stacheldraht als Beispiel für Bilder, die den Zuschauer zusammenzucken lassen, weil man die weitere deutsche Geschichte bereits kennt.

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Hereroland
Theater

Hereroland

🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:38:11 „Das Thalia Theater hatte, ich glaube 2020 eine Produktion, Hereroland und da haben viele, also auch der Gabriel hieß der im Film, der Mann von der Hauptdarstellerin und auch andere Leute aus dem Team haben sowohl an der Theaterproduktion als auch an dem Film jetzt mitgewirkt.“

Die Sprecherin verweist auf die Thalia-Theater-Produktion 'Hereroland' von ca. 2020, bei der die Perspektiven der Herero stärker berücksichtigt worden seien als im Film. Mitglieder des Theaterensembles wirkten später auch am Film 'Der vermessene Mensch' mit. Sie lobt die Theaterproduktion als gelungeneres Beispiel für eine gerechte Verteilung der Sprecherpositionen.

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Der Untertan
Buch

Der Untertan

Heinrich Mann

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:45:01 „Typischer fetter Heinrich Mann, untertan, wilhelminischer Professor, der unterdrückt diese Zahlen, die sein junger wissenschaftlicher Mitarbeiter beigebracht hat.“

Ijoma Mangold vergleicht die Filmfigur des Professors, gespielt von Peter Simonischek, mit dem Archetyp des wilhelminischen Opportunisten aus Heinrich Manns Roman. Der Professor unterdrückt Messergebnisse, die der Rassentheorie widersprechen.

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Kolonialismus
Buch

Kolonialismus

Jürgen Osterhammel

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:49:48 „Ich weiß, ich hatte mal vor sechs, sieben Jahren ein Buch des eminenten Universalhistorikers Osterhammel gelesen zum Kolonialismus. Das ist so ein kleines Handbuch und da war ich schon überrascht, wie viel da nicht vorkam.“

Mangold erwähnt Osterhammels Handbuch zum Kolonialismus, um zu illustrieren, dass selbst bei renommierten Historikern vieles zur Kolonialgeschichte fehlte. Er betont den Nachholbedarf in der Auseinandersetzung mit dem Thema, lobt aber zugleich das wachsende Wissensinteresse.

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Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft
Buch

Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft

Hannah Arendt

🗣 Unbekannt zitiert daraus bei ⏱ 00:59:15 „Und in dem SZ-Artikel, die Rezension zum Film, wird Hannah Arendt zitiert. Afrika, schrieb die Philosophin Hannah Arendt, zu Recht war ein Probelauf für die europäischen Kolonialmächte. Sie übten für den Weltkrieg, sie übten das Abschlachten und Ausrotten.“

Am Ende der Filmbesprechung wird Hannah Arendts berühmte These zitiert, dass die kolonialen Verbrechen in Afrika ein Probelauf für die europäischen Weltkriege waren. Das Zitat stammt aus einer SZ-Rezension des besprochenen Films und wird herangezogen, um die Verbindung zwischen Kolonialismus und Holocaust zu diskutieren — also die Frage, ob das eine das andere historisch vorbereitet hat.

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Rezension zum Film (Süddeutsche Zeitung)
Artikel

Rezension zum Film (Süddeutsche Zeitung)

🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:59:15 „Und in dem SZ-Artikel, die Rezension zum Film, wird Hannah Arendt zitiert. Afrika, schrieb die Philosophin Hannah Arendt, zu Recht war ein Probelauf für die europäischen Kolonialmächte.“

Der Sprecher verweist auf eine Filmrezension in der Süddeutschen Zeitung, die den besprochenen Kolonialismus-Film bespricht. Aus diesem Artikel wird Hannah Arendts These zitiert, dass Afrika ein Probelauf für die europäischen Kolonialmächte war. Der SZ-Artikel dient als zusätzliche intellektuelle Rahmung der Filmdiskussion.

Zum Artikel bei Süddeutsche Zeitung