Herabschauen war gestern
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
In dieser Folge nehmen sich Ijoma Mangold und Nina Pauer die Netflix-Serie „Queer Eye
„Das Interessante war, dass dieses Bekenntnis, das eigentlich sagt, alles vorher war fake, jetzt dazu diente, dass vorherige gar nicht so auszulöschen, sondern eine neue Form der Selbstvermarktung war, auf die man ungebrochen aufbauen kann.“
Erwähnte Medien (28)
Die Höhle der Löwen
VOX
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:00:54 „Ja, ich auch, über die Höhle der Löwen.“
Nina Pauer erinnert an eine frühere Podcast-Folge, in der sie und Ijoma Mangold über die VOX-Gründershow gesprochen hatten. Die Sendung wird als Beispiel für gemeinsame Fernsehserien-Besprechungen genannt.
Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!
RTL · 2026
🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:01:26 „Ich kann nur schon eines verraten, es wird nicht um Ich bin ein Star, holt mich hier raus gehen, nur weil das gerade mal wieder lief und alle darüber rituell gesprochen haben, nein, wir haben etwas anderes aufgespießt.“
Nina Pauer grenzt das Thema der Folge bewusst von der Dschungelcamp-Show ab, die gerade lief und über die alle sprachen. Die Erwähnung dient als Abgrenzung — sie wollen bewusst über ein weniger besprochenes Format reden.
Queer Eye Germany
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:01:45 „Der deutsche Ableger ist, glaube ich, aus dem Jahr 2022 oder 2021“
Deutsche Version der Serie Queer Eye, wird als Hauptgegenstand der Diskussion besprochen
Queer Eye
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:01:45 „Es geht um die Netflix-Serie Queer Eye, ursprünglich gestartet schon 2019 in den USA. Der deutsche Ableger ist, glaube ich, aus dem Jahr 2022 oder 2021.“
Queer Eye ist das Hauptthema der Episode. Nina Pauer und Ijoma Mangold besprechen ausführlich das Netflix-Format, bei dem fünf queere Coaches ('Fab Five') das Leben von Kandidaten innerhalb einer Woche umkrempeln. Sie analysieren die Serie als Symptom der Gegenwart — von der Abkehr ironischen Trash-TVs hin zu warmherzigem, nicht-ironischem Wohlfühlfernsehen.
Bella Ciao
Traditionell / Hannes Wader (dt. Version)
🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:07:39 „Aktivisti klingt natürlich, da kriegt man gleich so einen Bella-Ciao-Ohrwurm und hat so einen, das klingt nicht nach so Nieselregen und Demo in Hamburg, sondern es klingt irgendwie so lebensgefüllt und sonnig und leidenschaftlicher.“
Nina Pauer assoziiert das neue Wort 'Aktivisti' mit dem italienischen Partisanenlied 'Bella Ciao'. Die I-Endung klinge italienisch, sonnig und leidenschaftlich — im Gegensatz zum verkopften deutschen Gendern.
Aktivisti, böse, böse
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:08:04 „Beispielsweise in diesem Song hängt der einen ran. Keine Skrupel, Aktivisti, böse, böse, ist das Zitat.“
Ein Song aus dem Umfeld der Lützerath-Proteste wird als Beleg für die neue Wortschöpfung 'Aktivisti' zitiert
Aktivisti: Wie sich Klimaaktivisti weltweit gegenseitig inspirieren
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:08:04 „hab so ein Goethe-Institut-Artikel gefunden, wo das so oben stand, so Aktivisti, wie sich Klimaaktivisti weltweit gegenseitig inspirieren“
Ein Artikel des Goethe-Instituts wird als Quelle für die Verwendung des Begriffs 'Aktivisti' erwähnt
Arabella
Arabella Kiesbauer
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:17:00 „Das beginnt so irgendwie in unserer Jugend, meine etwas früher, da beginnt es so mit Arabella Kiesbauer und Bärbel Schäfer, wo man zum ersten Mal dann eben sehr gerne, man nannte das damals ja auch das Unterschichtsfernsehen.“
Ijoma Mangold zeichnet die Geschichte des Trash-TV nach und nennt die 90er-Jahre-Talkshows als Ursprung des Genres, das sich über die Castingshows bis hin zu Queer Eye weiterentwickelt hat.
Bärbel Schäfer
Bärbel Schäfer
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:17:00 „Da beginnt es so mit Arabella Kiesbauer und Bärbel Schäfer, wo man zum ersten Mal dann eben sehr gerne, man nannte das damals ja auch das Unterschichtsfernsehen, man ging also in ein Milieu.“
Zusammen mit der Arabella-Kiesbauer-Show wird die Bärbel-Schäfer-Talkshow als Beispiel für frühes Unterschichtsfernsehen der 90er genannt, das Mangold als Vorläufer heutiger Reality-Formate einordnet.
Bauer sucht Frau
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:18:36 „Also selbst wenn es fake war, war es nicht fake, weil dieser Ausstellungsmoment und dieses, ja letztendlich auch dieses ganze Bauer sucht Frau, das ironische Fernsehen und natürlich die Castingshows.“
Nina Pauer nennt 'Bauer sucht Frau' als Beispiel für das ältere, ironische Trash-TV-Genre, bei dem Menschen ausgestellt und vorgeführt wurden. Es dient als Kontrastfolie zum warmherzigen, nicht-ironischen Ansatz von Queer Eye.
Queer Eye Germany
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:18:53 „Irony is over, das gilt nun wirklich für Queer Eye Germany. Die haben viel Spaß, es ist auch lustig, aber es ist nie ironisch.“
Der deutsche Ableger von Queer Eye wird besonders detailliert besprochen. Ijoma Mangold hebt hervor, dass die Serie nie ironisch ist — im Gegensatz zu früheren Trash-TV-Formaten. Die fünf Folgen mit Kandidaten wie dem alleinerziehenden Vater Björn, der Kölnerin mit zwei Jobs oder dem 58-jährigen Ex-Briefträger Eugen werden einzeln durchgegangen.
Deutschland sucht den Superstar
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:36:31 „das Prinzip Dieter Bohlen, also die Beschimpfung. Genau, da geht eine große Epoche einfach zu Ende“
Dieter Bohlens Casting-Show wird als Gegenpol zu Queer Eye kontrastiert – protestantische Leistungsethik vs. bedingungslose Akzeptanz
Wetten, dass..?
Frank Elstner
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:37:48 „Er ist jetzt zur letzten, bevor es alles endet, kommt er nochmal zurück, sozusagen wie so ein Wetten, dass, da sitzen natürlich alle wieder so wie immer.“
Nina Pauer zieht den Vergleich zu Wetten, dass..? als Bild für eine TV-Ära, die sich nochmals versammelt, bevor sie endgültig endet – Dieter Bohlens Rückkehr zu DSDS gleiche dem nostalgischen Ritual einer letzten Wetten-dass-Sendung.
Deutschland sucht den Superstar
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:38:12 „Da finde ich einfach so erkennbar den Shift, wenn wir jetzt sagen, Dieter Bohlen ist rausgeflogen aus Deutschland. Naja, Dieter Bohlen war protestantische Leistungsethik, um es mit Max Weber auszudrücken. Man musste was leisten. Und wenn man nichts zu bieten hatte, dann hat einem Dieter Bohlen das reingewirkt.“
Mangold deutet den Ablösung von DSDS/Dieter Bohlen durch Queer Eye als Epochenwechsel: Bohlen verkörperte die protestantische Leistungsethik – wer nichts bietet, wird beschimpft. Die Fab Five dagegen sagen: Du hast es schon verdient, du musst gar nichts können. Mangold sieht darin einen fundamentalen Paradigmenwechsel der Populärkultur.
Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus
Max Weber
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:38:19 „Naja, Dieter Bohlen war protestantische Leistungsethik, um es mit Max Weber auszudrücken. Man musste was leisten. Und wenn man nichts zu bieten hatte, dann hat einem Dieter Bohlen das reingewirkt und gesagt, von nix kommt nix.“
Mangold nutzt Max Webers berühmte These von der protestantischen Leistungsethik als analytischen Rahmen, um den kulturellen Shift von DSDS zu Queer Eye zu beschreiben: Das Bohlen-Prinzip (Leistung verdient Anerkennung) wird abgelöst durch das Fab-Five-Prinzip (Anerkennung ist bedingungslos verdient).
Geht da noch was
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:41:01 „In dem tollen Podcast unserer Kolleginnen und Kollegen bei Zeit Online geht da noch was. Und da geht es ja um diese ganzen Optimierungsthemen auch. Und da haben die zitiert, dass man 66 Tage zumindest seine Habits verändern muss, um nachhaltig sich zu verändern.“
Nina Pauer verweist auf den Zeit-Online-Podcast, der sich mit Optimierungsthemen beschäftigt, um ihre Argumentation über Nachhaltigkeit von Verhaltensänderungen zu stützen: Die dort zitierte 66-Tage-Regel relativiert sowohl die fünftägige Queer-Eye-Intervention als auch die Wirksamkeit von Self-Love-Seminaren.
Magic Cleaning
Marie Kondo
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:44:35 „Viele von uns sind ja in den letzten Jahren durch die Marie Kondo Schule durchgegangen und durch die Baskas Schule und da kann man ja auch fragen, ja okay, was bleibt davon?“
Nina Pauer diskutiert die Nachhaltigkeit von Lifestyle-Interventionen und vergleicht das Queer-Eye-Format mit der Marie-Kondo-Aufräummethode. Sie stellt die Frage, ob solche Impulse von außen langfristig wirken.
Chef's Table
David Gelb / Netflix
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:46:58 „Das erinnerte mich an die Folge, die wir zusammen, du hattest sie schon angesprochen, gemacht hatten über Chef's Table war das, wo es einen französischen Koch gab, der irgendwann nur noch vegetarisch kocht, aber nicht aus irgendeiner ideologischen Überzeugung, sondern einfach, weil er alles andere raus hatte und nochmal eine neue Herausforderung haben wollte.“
Mangold zieht eine Parallele zwischen den Fab Five und einer Chef's-Table-Episode über einen französischen Koch, der trotz Verzicht auf Luxuszutaten drei Sterne halten wollte. Der Koch formulierte einen Satz über Schönheit als perfekt ausgeführte Bewegung, der beide Hosts nachhaltig beeindruckt hat.
Queer Eye: We're in Japan!
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:50:13 „In der japanischen Staffel, die ich sehr gerne gesehen habe, da spielt das Queere fast gar keine Rolle mehr.“
Japanische Version von Queer Eye, bei der das amerikanische Team nach Japan reist
Die Gesellschaft der Singularitäten
Andreas Reckwitz
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:50:30 „Oder um nochmal den Säulenheiligen der ersten Folgen unseres Podcasts zu zitieren, der dann in den letzten Jahren ein bisschen in Vergessenheit geraten ist, wir haben ihn auch ein bisschen überstrapaziert, Andreas Reckwitz und seine Gesellschaft der Singularitäten.“
Mangold greift Reckwitz' These auf, dass in einer Gesellschaft, die das Singuläre prämiert, das Queere das ideale Marktangebot ist – während jede Form von Cis-Existenz mangels Unterscheidbarkeit am Markt keine Chance habe. Er nutzt das augenzwinkernd als kulturtheoretische Einordnung des Queer-Eye-Phänomens.
Vita Nuova
Dante Alighieri
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:53:21 „Ist ein neues Leben möglich? Kann man sich noch einmal neu erfinden? Das ist natürlich auch ein uraltes kulturgeschichtliches Phänomen oder ein Topos. Ich denke immer an diese Frühschrift von Dante, Incipit Vita Nova, es beginnt das neue Leben. Durch was kann dieses Vita Nova einsetzen? Bei Dante ist es interessanterweise die Liebe.“
Mangold ordnet das Queer-Eye-Versprechen der Selbsterneuerung kulturgeschichtlich ein und beginnt mit Dantes Jugendwerk: Dort setzt das neue Leben durch die Begegnung mit Beatrice ein – die Liebe als Auslöser der totalen Lebenswende. Er spannt den Bogen von Dante über religiöse Konversion bis zur Renaissance.
Confessiones
Augustinus
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:53:55 „Augustinus, der vor das Leben eines reichen Dekadens in den Bordels, der Stadtführte, bekommt von oben, nimm und lies heißt dieser berühmte Kommando und was er nehmen soll ist das Buch und das Buch ist natürlich die Bibel und dann hat er seine Konversion.“
Mangold erzählt die berühmte Szene aus den Confessiones – das 'Tolle lege' (Nimm und lies) – als Beispiel dafür, dass ein einziger Leseakt eine totale Lebenswende auslösen kann. Er reiht dies in seine Kulturgeschichte der Selbsterneuerung ein, von Dante über Paulus bis zu Goethe.
Die Bibel
Martin Luther (Übersetzung)
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:53:55 „Nimm und lies heißt dieser berühmte Kommando und was er nehmen soll ist das Buch und das Buch ist natürlich die Bibel und dann hat er seine Konversion, also dass vom Buch, von einem Leseakt die Wandlung der Welt ausgeht, auch das ist so eine der klassischen Positionen.“
Im Kontext von Augustinus' Konversion benennt Mangold die Bibel als das Buch, dessen Lektüre die berühmteste Lebenswende der Geistesgeschichte auslöste – er betont, dass die Idee, ein einziger Leseakt könne die ganze Welt verändern, eine der klassischen kulturgeschichtlichen Positionen sei.
Italienische Reise
Johann Wolfgang von Goethe
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:54:36 „Für Deutschland spielt das dann natürlich Goethe kanonisch und mustergültig durch, weil er sagt, auch er sehnt sich als Minister in Weimar und hat alle Erfolge, die man nur haben kann, erreicht, aber irgendwie am wahren Leben fühlt er sich mittlerweile wegen allzu viel ministerialer Verantwortung ums wahre Leben auch ein wenig geprellt und da gibt es, aus dieser Stagnation kann man herausfinden, nur durch eine Wiedergeburt und seither ist quasi der klassische Ort für Deutsche, der Wiedergeburt ist Italien.“
Mangold erzählt ausführlich Goethes Flucht aus Weimar nach Italien als das deutsche Ur-Beispiel für Selbsterneuerung. Obwohl er den Titel 'Italienische Reise' nicht explizit nennt, beschreibt er detailliert deren Inhalt – die heimliche Abreise, die anderthalb Jahre in Italien, die Rückkehr und die Versöhnung mit dem Herzog.
Iphigenie auf Tauris
Johann Wolfgang von Goethe
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:54:38 „Er schreibt die Iphigenie, er schreibt den Toccato Tasso, er schreibt die wunderbaren römischen Elegien.“
Als Beispiel für Goethes produktive Neuerfindung während seiner Italienreise erwähnt
Italienische Reise
Johann Wolfgang von Goethe
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:54:38 „der klassische Ort für Deutsche, der Wiedergeburt ist Italien und Goethe reist nach Italien, eineinhalb Jahre und Das ist für ihn die zentrale Umkehrsituation.“
Goethes Italienreise wird als kulturgeschichtliches Paradebeispiel für Lebenswende und Neuerfindung herangezogen
Iphigenie auf Tauris
Johann Wolfgang von Goethe
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:55:14 „Er erfindet sich selber tatsächlich neu, er entwickelt neue Produktivkräfte. Er schreibt die Iphigenien, er schreibt den Toccato Tasso, er schreibt die wunderbaren römischen Elegien. Und er hat auf alles einen anderen Blick.“
Mangold nennt die Iphigenie als eines der konkreten Ergebnisse von Goethes italienischer Wiedergeburt. Die Reise nach Italien ist für ihn das deutsche Musterbeispiel der Selbsterneuerung – und die dort entstandenen Werke beweisen, dass die Wandlung tatsächlich neue Produktivkräfte freisetzte.
Die Anmaßung von Wissen
Friedrich August von Hayek
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:58:37 „Was haben wir richtig gemacht, was haben wir falsch gemacht? Wo waren Überheblichkeit und Anmaßung des Wissens, um Friedrich von Hayek zu zitieren, wo war Anmaßung von Wissen am Werk?“
Im Schlusssegment geht es um die Neubewertung der Corona-Maßnahmen. Der Sprecher zitiert Hayeks berühmten Begriff der 'Anmaßung von Wissen' (aus dessen Nobelpreisrede 1974), um die Frage zu rahmen, ob die politischen Entscheidungsträger während der Pandemie mehr Wissen beansprucht haben, als sie hatten.