Wie viel Schmerz gehört zum Leben
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Ausgangspunkt ist Ijomas schwere Erkältung und seine Überzeugung, dass Schmerz zur Heilung gehört — eine Haltung, die direkt zum eigentlichen Thema überleitet: die verheerende Opioid-Epidemie in den USA. Anhand einer neuen Serie und eines frisch erschienenen Buchs über die Verantwortlichen in der Pharmaindustrie stellen sie die größere Frage, welche gesellschaftlichen Verformungen sich im Drogenmissbrauch einer Gegenwart ausdrücken.
„Da bin ich eher der Meinung, der Schmerz ist Teil der Heilung. Wenn man viel schwitzt, ist es gesund, und wenn einem der Hals weh tut, hat auch das irgendwie seinen Sinn.“
Erwähnte Medien (17)
American Beauty
Sam Mendes
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:05:02 „Wenn ich es darüber hinaus so verstehen will, wie du es mir gerade erklärt hast, dann bin ich ganz weit zurück bei American Beauty und der berühmten Szene, wie die Plastiktüte im Wind wirbelt und der eine junge Kreative sagt irgendwie, das ist doch so wunderschön.“
Lars vergleicht den Twitter-Trend 'Alles daran ist wunderschön' mit der ikonischen Szene aus American Beauty, in der ein Jugendlicher eine im Wind wehende Plastiktüte filmt und darin Schönheit sieht. Er argumentiert, dass diese Form der Schönheitsfindung im Banalen nicht besonders gegenwärtig sei.
Der Mann mit dem Koks ist da
Falco
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:16:49 „80er natürlich ganz klar Kokain. Falco, der Mann mit dem Koks ist da. Genau, diese Riege des Kokains.“
Lars Weisbrod ordnet verschiedenen Jahrzehnten ihre jeweilige Leitdroge zu. Für die 80er Jahre steht Kokain, und er verweist auf Falcos Hit als kulturellen Beleg für die Prominenz der Droge in dieser Ära.
Breaking Bad
Vince Gilligan
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:17:19 „Aber es spielte als Gesellschaftsbeobachtungsinstrument eine riesige Rolle wegen Breaking Bad.“
Im Gespräch über die These, dass jede Epoche ihre passende Droge hat, ordnet Ijoma Mangold Crystal Meth den 2000er/2010er Jahren zu. Er betont, dass die Droge vor allem durch die Serie Breaking Bad kulturell relevant wurde, auch wenn man persönlich niemanden kannte, der sie konsumierte.
Die Pforten der Wahrnehmung
Aldous Huxley
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:22:16 „Ich glaube, da öffnen sich nicht die Pforten der Wahrnehmung, wie bei LSD oder irgendwelchen Kröten, an denen man da geleckt hat früher.“
Lars Weisbrod erklärt anhand eines Koordinatensystems die Wirkungsweisen verschiedener Drogen und unterscheidet dabei zwischen Uppern, Downern, Halluzinogenen und Antipsychotika. Bei der Einordnung von Kokain verweist er implizit auf Huxleys berühmtes Werk über psychedelische Erfahrungen, um den halluzinogenen Effekt von LSD zu beschreiben.
Bill Burr Stand-Up Special
Bill Burr
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:23:05 „Daher habe ich auch meine Midlife-Crisis-Vorstellung, dass ich dann doch mal sowas nehme. Das aktuelle Stand-Up-Special von einem meiner Lieblingskomiker, Bill Burr, der sehr schön da ein Bit dazu hat, wie er glaube ich, LSD oder so nimmt oder auch Ayahuasca und genau damit hadert.“
Lars Weisbrod empfiehlt das aktuelle Stand-Up-Special von Bill Burr im Kontext einer Diskussion über Halluzinogene. Burr beschreibt darin humorvoll seine eigene Drogenerfahrung und das Gefühl, dass einen niemand liebt – als Gegenbeispiel zur Vorstellung, dass Halluzinationen automatisch positiv seien.
Dr. House
David Shore
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:27:20 „Wovon war denn eigentlich Dr. House abhängig? Weißt du, das war doch auch mal eine sehr gegenwärtige Serie in den Nullerjahren.“
Erwähnt als frühes popkulturelles Beispiel für das Thema Opioid-Abhängigkeit. Die Hauptfigur war abhängig von Vicodin.
Euphoria
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:27:24 „Ich glaube, eine Serie, die ich nicht gesehen habe. Sie heißt Euphoria und ist, glaube ich, die Gegenwartsserie, wenn man popkulturell verstehen will, wie junge Leute heute ticken.“
Lars Weisbrod bezeichnet Euphoria als die wichtigste Gegenwartsserie zum Verständnis junger Menschen, obwohl er sie selbst noch nicht gesehen hat. Er erwähnt, dass Fentanyl, ein Opioid, darin eine zentrale Rolle spielt – passend zum Thema der Opioid-Krise.
Dr. House
David Shore
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:28:01 „Vielleicht das erste Mal, dass ich mit dem Thema überhaupt so popkulturell in Berührung kam, war bei Dr. House. Der war abhängig von einem genau Opioid namens Vicodin.“
Lars Weisbrod und Ijoma Mangold erinnern sich an die Serie Dr. House als frühes popkulturelles Beispiel für Opioid-Abhängigkeit. Die Serie wird zudem als bewusster Wiedergänger von Sherlock Holmes eingeordnet, da auch Holmes morphiumabhängig war – eine kulturelle Referenzpointe, die die lange Geschichte der Opioid-Darstellung in der Kultur verdeutlicht.
Sherlock Holmes
Arthur Conan Doyle
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:28:11 „Hier hat das aber eine besondere, vielleicht kommen wir später nochmal darauf zu sprechen, eine besondere kulturelle Referenzpointe, weil Dr. House ja eine Art Wiedergänger von Sherlock Holmes sein sollte, angelehnt daran. Der ist entweder morphiumabhängig oder es wird angedeutet.“
Lars Weisbrod stellt die Verbindung zwischen Dr. House und Sherlock Holmes her – beide sind geniale, sozial schwierige Figuren mit Drogenabhängigkeit. Holmes' Morphiumkonsum in den Originalgeschichten von Conan Doyle wird als kulturhistorischer Vorläufer der Opioid-Thematik in der Popkultur eingeordnet.
Justified
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:31:54 „Ich erinnere mich, dass ich früher immer gern Justified geguckt habe. Crime, Genre, nicht so übersmart. Da haben dann nicht immer alle Füllungsgerufen, das ist die schlauste Serie des Jahres. Und sie war sehr gut. Und vor allem war der Handlungsort interessant. Sie spielte in, genau, in Kentucky, in Harlan County, Kentucky.“
Lars Weisbrod erinnert sich an die Crime-Serie Justified als sein erstes popkulturelles Erlebnis mit der Opioid-Krise. In einer Folge von 2011 kam der 'Oxy-Bus' vor – Kleinganoven fuhren gemeinsam nach Florida zu sogenannten Pill-Mills, um Oxycodon-Rezepte zu bekommen. Die Serie spielte in den verarmten Appalachen Kentuckys, genau dort, wo die Opioid-Epidemie später besonders verheerend wütete.
Imperium der Schmerzen
Patrick Radden Keefe
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:33:42 „Das Buch hat geschrieben ein vielfach preisgekrönter Journalist, der für den New Yorker schreibt, Patrick Cronin. Redden Keefe und das Buch ist jetzt gerade auf Deutsch erschienen unter dem Titel Imperium der Schmerzen, wie eine Familiendynastie die weltweite Opioid-Krise auslöste.“
Das Buch ist eines der zwei Hauptkulturprodukte dieser Episode. Ijoma Mangold lobt es als glänzend geschrieben und thematisch enorm breit – von der Einwanderungsgeschichte der Sackler-Familie über deren Aufstieg in der Pharmaindustrie bis zur Opioid-Katastrophe. Das Buch erzählt, wie die Familie Sackler mit aggressivem Marketing ihr Schmerzmittel Oxycodon zum Massenprodukt machte und damit die größte westliche Drogenkatastrophe der letzten Jahrzehnte auslöste.
Einer flog über das Kuckucksnest
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:39:25 „Bisschen so ähnlich wie bei einer Flog übers Kuckucksnest, also die Versuche, wie man da Massen von Patienten einkerkerte und mit welchen Mitteln und Methoden man versuchte, sie ja im Grunde ruhig zu stellen.“
Ijoma Mangold zieht den Vergleich zu 'Einer flog übers Kuckucksnest', um die grauenvollen Zustände in psychiatrischen Kliniken der 1940er/50er Jahre zu veranschaulichen, in denen Arthur Sackler arbeitete. Diese Erfahrung prägte Sacklers Interesse an der Pharmaindustrie.
The Age of Anxiety
Andrea Tone
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:42:27 „Was die Historikerin Andrea Tone in ihrem Buch »The Age of Anxiety« zu dem Schluss brachte, das eigentliche Problem, für das Roach mit seinen Beruhigungsmitteln eine schnelle Lösung anbot, sei, eine Frau zu sein.“
Im Kontext der geschlechtsspezifischen Vermarktung von Valium und Librium in den 1950er Jahren wird das Buch der Historikerin Andrea Tone zitiert. Ihre pointierte These: Die Pharmaindustrie definierte das Frausein selbst als behandlungsbedürftigen Zustand.
Dopesick
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:43:11 „Es gibt neben diesem Buch eine ganz tolle Serie. Sie lief schon letztes Jahr an, also nicht mehr ganz neu, aber gibt es bei Disney Plus noch. Empfehle ich nur zu gucken. Sie heißt Dope Sick.“
Dopesick ist das zweite Hauptkulturprodukt der Episode neben dem Buch 'Imperium der Schmerzen'. Die fiktionalisierte Serie bei Disney+ erzählt die Geschichte der Opioid-Epidemie ab den 1990er Jahren, als die Sackler-Familie Oxycodon mit aggressivem Marketing an Hausärzte vermarktete und die Zulassungsbehörde FDA dazu brachte, die Suchtgefahr herunterzuspielen.
Artikel über den Isenheimer Altar und Schmerzgesellschaft
Jörg Scheller
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:55:03 „Wir haben interessanterweise neulich einen Text im Füllton gehabt von dem Kollegen Jörg Scheller. Es ging um eine alte christliche Darstellung von Jesus Tod am Kreuz.“
Ein Feuilleton-Text, der die Darstellung des Leidens am Kreuz als Symbol gegen die gesellschaftliche Tendenz zur totalen Schmerzvermeidung interpretiert.
Isenheimer Altar
Matthias Grünewald
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:55:08 „Wir haben interessanterweise neulich einen Text im Föton gehabt von dem Kollegen Jörg Scheller. Es ging um eine alte christliche Darstellung von Jesus Tod am Kreuz. Du weißt, glaube ich, noch welches es war. Ich glaube, den Isenheimer Alter von Höhenwald.“
Lars Weisbrod bringt den Isenheimer Altar als kulturelles Gegenbild zur schmerzfreien Gesellschaft der Sacklers ins Gespräch. Er zitiert Jörg Schellers These, dass die drastische Leidensdarstellung Christi am Kreuz in einer Gesellschaft, die jeden Schmerz eliminieren will, gerade deshalb erhellend wirke — weil der Versuch, Schmerz gänzlich abzuschaffen, mit dem Verlust von Intensität und Erlösung einhergehen könne.
Text über den Isenheimer Altar
Jörg Scheller
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:55:25 „Vor allem das Leiden am Kreuz erscheint in seiner direkten Drastik als unzeitgemäßes, aber gerade deshalb erhellendes Symbol in Gesellschaften, die sich den Kampf gegen Schmerzen aller Art auf die Fahnen schreiben.“
Lars Weisbrod verweist auf einen Artikel des Kollegen Jörg Scheller im Feuilleton der ZEIT, der den Isenheimer Altar als Ausgangspunkt nimmt, um über die gesellschaftliche Schmerzvermeidung zu reflektieren. Scheller argumentiert, dass die Eliminierung von Schmerz — ob durch Opioide oder durch das Unterbinden von Mikroaggressionen — mit einem Verlust von Intensität und Ekstase einhergehe. Lars nutzt den Text als Brücke zwischen der Opioid-Krise und einer breiteren kulturkritischen Debatte.