Was soll der Maskenstolz
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Zurück aus der Sommerpause widmen sich die beiden einem Thema, das bewusst nicht mehr brandaktuell ist: der Corona-Maske und dem Kulturkampf, der sich an ihr entzündet hat. Statt im Eifer des Gefechts wollen sie mit analytischem Abstand verstehen, was der Maskenstreit über unsere politischen Reflexe verrät — ein typischer Feuilleton-Zugang, der die Historisierung der Aufregung vorzieht.
„Der Zustand, wo wirklich die Kugeln durch die Luft fliegen, der ist vorbei. Und das ist, glaube ich, immer ganz gut, um ein wenig analytisch-systematische Ordnung in den Schlachtenlärm einzuführen.“
Erwähnte Medien (14)
Hart aber fair
Louis Klamroth
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:00:38 „so ein richtiges Knaller-Aufreger-Thema, so Kategorie Frank Plasberg, hart aber fair“
Die TV-Talkshow wird als Vergleich für das Aufregungspotenzial des Themas Maskenpflicht herangezogen
Der Begriff des Politischen
Carl Schmitt
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:01:43 „Ich will es möglichst mit Karl Schmidt ausdrücken, die Verfeinschaftungsenergien ihr Maximum erreicht haben.“
Ijoma Mangold greift auf Carl Schmitts Freund-Feind-Unterscheidung zurück, um die Polarisierung in der Maskendebatte zu beschreiben. Er verwendet den Begriff 'Verfeinschaftungsenergien', der direkt auf Schmitts politische Theorie verweist.
Documenta
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:05:28 „Und zwar war Cedric Jürgensen auf der Documenta. Das ist natürlich sowieso ein guter Ort.“
Die Kunstausstellung Documenta in Kassel wird als Ort beschrieben, an dem ein neurodiverses Künstlerkollektiv auftrat und geschlechterneutrale Toilettenschilder zu finden waren
Coronavirus-Update
Christian Drosten / NDR
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:18:20 „Ich erinnere noch so im März, würde ich sagen, 2020, den Drosten-Podcast gehört zu haben und Drosten sagte, naja, eine Maske zu tragen würde gar nichts bringen. Sie sei allerdings eine schöne Geste der Höflichkeit oder der Rücksichtnahme gegenüber anderen.“
Ijoma Mangold erinnert sich an den Drosten-Podcast vom März 2020, um die wechselhafte Geschichte der Maskenpolitik zu illustrieren. Er war damals gerührt davon, dass der Virologe Drosten das Masketragen als 'schöne Geste der Höflichkeit' bezeichnete, obwohl er es wissenschaftlich zunächst für unwirksam hielt.
Wollen wir die maskierte Gesellschaft
Daniel Kehlmann
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:23:10 „Da schließt sehr gut ein Aufreger-Text von Daniel Kehlmann an, den Kehlmann vor fünf, sechs Wochen, nämlich am 29. Juli in der FAZ veröffentlicht hatte. Wollen wir die maskierte Gesellschaft, war der Artikel überschrieben und über den haben sich sehr viele sehr aufgeregt.“
Ijoma Mangold bringt einen Artikel von Daniel Kehlmann aus der FAZ ins Gespräch, der die Maskenpflicht scharf kritisierte. Mangold zitiert ausführlich den ersten Absatz, in dem Kehlmann das Verhüllen des Gesichts mit religiöser Vermummung und Obszönität vergleicht. Der Artikel löste heftige Debatten aus, Lars Weisbrod findet die Argumentation teilweise falsch, während Mangold Kehlmanns rhetorische Überspitzung verteidigt.
Philipperbrief
Paulus
🗣 Ijoma Mangold zitiert daraus bei ⏱ 00:35:32 „Bei Paulus gibt es diese schöne Formulierung, das ist auch ein Vorwurf an die Masse, an die bequeme Masse, es gäbe Menschen, die hätten ihren Bauch zu ihrem Gott gemacht.“
Ijoma Mangold zitiert den Apostel Paulus, um die moralische Überhöhung des Maskentragens religionssoziologisch einzuordnen. Die strenge Maskenbefürworter-Fraktion verhalte sich wie protestantische Moralisten, die Maskenskeptikern vorwerfen, sie hätten 'ihren Bauch zu ihrem Gott gemacht' – also leibliche Bequemlichkeit über Solidarität zu stellen.
The Circle
Dave Eggers
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:37:09 „Der Schriftsteller Dave Eggers, der diese dystopischen Romane schreibt über Welten, wo sozusagen das Silicon Valley zu so einer Totalkontrollüberwachungsapparatur herangewachsen ist. Und in diesen Welten ist es ja so, dass die Leute das gar nicht schlimm finden.“
Lars Weisbrod zieht Dave Eggers' dystopische Silicon-Valley-Romane als Parallele zu seinem Unbehagen beim Maskenthema heran. Wie bei Eggers die meisten Figuren die Totalüberwachung begrüßen und nur wenige Kritiker in Fatalismus verfallen, fühle er sich als einsamer Skeptiker, der die Maskenpflicht hinterfragt, während die Mehrheit sie als unproblematisch empfindet. Der konkrete Romantitel wird nicht genannt, aber die Beschreibung verweist klar auf 'The Circle' und dessen Nachfolger.
Dialektik der Aufklärung
Max Horkheimer / Theodor W. Adorno
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:37:25 „Odysseus muss die Sirenen passieren, das Schiff und die Crew lockt in den sicheren Untergang, aber sie dürfen den Gesang nicht hören. Und was macht Odysseus in diesem abendländischen Urmoment, wie Adorno und Horkheimer ihn da beschrieben haben? Er lässt sich an den Mast fesseln von seiner Crew, damit er zwar diesen Sirenengesang hören kann, aber er kann nicht mehr das Schiff umlenken.“
Lars Weisbrod nutzt die berühmte Odysseus-Interpretation aus der Dialektik der Aufklärung als Analogie für das Maskentragen. So wie Odysseus sich an den Mast fesseln lässt, um den Sirenen zu widerstehen, sei auch die Maske eine Form der Selbstfesselung – funktional sinnvoll, aber mit einem Preis der Entwürdigung verbunden. Ijoma Mangold steigt in die Diskussion ein und verweist auf die instrumentelle Vernunft und den bürgerlichen Kunstgenuss, die Adorno und Horkheimer in dieser Szene herausarbeiten.
Odyssee
Homer
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:37:25 „Odysseus muss die Sirenen passieren, das Schiff und die Crew lockt in den sicheren Untergang, aber sie dürfen den Gesang nicht hören. Und was macht Odysseus in diesem abendländischen Urmoment, wie Adorno und Horkheimer ihn da beschrieben haben? Er lässt sich an den Mast fesseln von seiner Crew.“
Die Sirenen-Episode aus Homers Odyssee dient Lars Weisbrod als zentrale Analogie für seine Maskenkritik. Er vergleicht das Maskentragen mit der Selbstfesselung des Odysseus: beides sei rational begründbar, habe aber einen Preis – eine Form der Entwürdigung, die man benennen dürfe, ohne das Mittel grundsätzlich abzulehnen.
Dystopische Romane von Dave Eggers
Dave Eggers
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:45:48 „Der Schriftsteller Dave Eggers, der diese dystopischen Romane schreibt über Welten, wo sozusagen das Silicon Valley zu so einer Totalkontrollüberwachungsapparatur herangewachsen ist“
Dave Eggers' dystopische Romane über Silicon-Valley-Überwachung werden als Parallele herangezogen – die Figuren begrüßen die Kontrolle, nur wenige Kritiker verfallen in Fatalismus, ähnlich wie bei der Maskendebatte
Logik der Forschung
Karl Popper
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:50:38 „Denn wenn Wissenschaft irgendetwas ist, dann ist sie ja immer dieses erneut in Frage stellen, den Zweifel anbringen, nicht das zu schnelle Fazit zielen, sich im Karl Popperschen Sinne Tausend und einem Falsifizierungsversuch auszusetzen.“
Ijoma Mangold kritisiert die Haltung des 'Follow the Science' als unwissenschaftlich und beruft sich dabei auf Karl Poppers Falsifikationsprinzip. Er argumentiert, dass echte Wissenschaft immer den Zweifel und die Überprüfung beinhalte, nicht eine festungsartige Haltung.
Faust
Johann Wolfgang von Goethe
🗣 Ijoma Mangold zitiert daraus bei ⏱ 00:52:41 „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Dann sagt Faust, was ist mit diesem Rätselwort gemeint?“
Mephistos berühmtes Zitat aus Faust wird herangezogen, um das Prinzip des Zweifels als potenziell verführerische und destruktive Kraft zu illustrieren
Interview mit Christian Drosten
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:56:17 „Deswegen habe ich mit großer Freude das Interview mit Christian Drosten letzte Woche in der SZ gelesen, weil er da sagt, angesichts der Harmlosigkeit von Corona trage er auch keine Maske mehr. Wenn er allerdings eine Bäckerei betrete und feststelle, dass da eine besorgte ältere Dame, die ihrerseits eine Maske trägt, stünde, dann ziehe er die Maske auf, aber einfach nur, weil es schön ist, in diesem Sinne wieder anzutreten.“
Mangold zitiert ausführlich ein Interview mit dem Virologen Christian Drosten in der Süddeutschen Zeitung. Er hebt besonders Drostens entspannten Umgang mit dem Masketragen hervor: Drosten trage selbst keine mehr, ziehe sie aber rücksichtsvoll auf, wenn er merke, dass es jemanden verunsichere. Mangold sieht darin eine vorbildliche menschliche Lockerheit und Beweglichkeit. Weisbrod liest dieselbe Passage anders – Drosten orientiere sich am gesellschaftlichen Konsens, was typisch deutsch sei.
Song of Myself (Leaves of Grass)
Walt Whitman
🗣 Lars Weisbrod zitiert daraus bei ⏱ 00:59:19 „Ja, ich bin groß, in mir sind viele Wahrheiten. Ich weiß nicht, wer das nochmal gesagt hat.“
Weisbrod paraphrasiert Walt Whitmans berühmten Vers 'I am large, I contain multitudes' aus 'Song of Myself', kann sich aber nicht erinnern, von wem das Zitat stammt. Er nutzt es, um zu rechtfertigen, dass ein Mensch durchaus widersprüchliche Haltungen einnehmen darf – passend zur Diskussion über Drostens scheinbar inkonsistente Aussagen zum Masketragen.