Die sogenannte Gegenwart – Erzähl mir nix!
#048

Erzähl mir nix!

Die sogenannte Gegenwart / 05. September 2022 / 16 Medien

Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod

Nach der Sommerpause widmet sich die Runde einem allgegenwärtigen Phänomen: der Macht der Narrative. Vom Urlaubsbericht, der jede noch so öde Reise in eine kultfähige Geschichte verwandelt, über Storytelling im Marketing bis hin zu Kriegen und politischen Krisen — alles scheint heute nur noch als Erzählung zu funktionieren. Doch wie mächtig sind Narrative wirklich, oder ist das selbst nur eine bequeme Erzählung?

„Dass die Narrative so mächtig sein, das ist ja selbst wiederum nur ein Narrativ, ein zur Zeit weit verbreitetes Narrativ.“
🗣 Ijoma Mangold

Erwähnte Medien (16)

Titelgeschichte über die Jugend von heute
Artikel

Titelgeschichte über die Jugend von heute

Jens Jessen

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:05:46 „Und zwar hatten wir gerade letzte Woche eine Titelgeschichte von unserem hochgeschätzten und sehr geliebten Kollegen Jens Jessen bei uns in der Zeit. Da ging es um die Jugend von heute, aber eben auch die Generation der Älteren und eine Selbstkritik auch der älteren Generationen.“

Nina Pauer nennt einen Artikel von Jens Jessen in der ZEIT als Beispiel für eine aktuelle Welle von Babyboomer-Selbstreflexions-Essays. Der Artikel behandelt die Jugend von heute und enthält eine Selbstkritik der älteren Generation.

Zum Artikel bei ZEIT Online
Gastbeitrag über den Ukraine-Krieg und die Boomer
Artikel

Gastbeitrag über den Ukraine-Krieg und die Boomer

🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:06:02 „Im Spiegel war letztens von einem Soziologen, ich glaube, ein Gastbeitrag, da ging es um den Ukraine-Krieg und wie der durch die Augen der Boomer gesehen wird und im Zusammenspiel mit den Millennials.“

Nina Pauer erwähnt einen Gastbeitrag eines Soziologen im Spiegel als zweites Beispiel für die Welle der Babyboomer-Selbstreflexion. Der genaue Autor und Titel werden nicht genannt.

Zum Artikel bei Spiegel
Gastbeitrag zum Ukraine-Krieg und Babyboomer
Artikel

Gastbeitrag zum Ukraine-Krieg und Babyboomer

🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:06:42 „Im Spiegel war letztens von einem Soziologen, ich glaube, ein Gastbeitrag, da ging es um den Ukraine-Krieg und wie der durch die Augen der Boomer gesehen wird“

Spiegel-Gastbeitrag eines Soziologen als weiteres Beispiel für die Babyboomer-Reflexionswelle

Zum Artikel bei Spiegel
Poetik
Buch

Poetik

Aristoteles

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:19:32 „Aristoteles hat gesagt, jede Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Und das ist ein wichtiger, essentieller Satz.“

Ijoma Mangold zitiert Aristoteles' berühmte Aussage über die Struktur von Geschichten als Überleitung vom Gegenwartscheck zum Hauptthema der Folge über Narrative. Das Zitat stammt aus der Poetik, auch wenn das Werk nicht namentlich genannt wird.

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Asterix (am Toten Meer)
Buch

Asterix (am Toten Meer)

René Goscinny, Albert Uderzo

🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:21:59 „manchmal denke ich sogar an Asterix dann, weil es irgendeinen Asterix gibt, der am Toten Meer spielt“

Asterix-Comic wird als persönliche Erinnerungsassoziation im Kontext narrativer Verknüpfungen beim Produktmarketing erwähnt

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Asterix-Band (am Toten Meer)
Buch

Asterix-Band (am Toten Meer)

René Goscinny / Albert Uderzo

🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:22:44 „Ah, hm, ja, das ist natürlich, manchmal denke ich sogar an Asterix dann. Weil es irgendeinen Asterix gibt, der am toten Meer spielt und schon ist man in so einer Erinnerungserzählungsgespinst perfekt eingewickelt.“

Ijoma Mangold erzählt, wie ein Duschgel vom Toten Meer bei ihm narrative Assoziationen auslöst – unter anderem an einen Asterix-Band, der am Toten Meer spielt. Er nutzt das als Beispiel dafür, wie Produkte durch Erzählungen emotional aufgeladen werden.

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Die Höhle der Löwen
Serie

Die Höhle der Löwen

VOX

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:25:54 „Und ich musste daran denken, wir haben ja mal eine Folge zu Höhle der Löwen gemacht, also dieses ganze Pitchen von Produkten kannst du ja auch überhaupt nicht, kannst nicht dich hinstellen und dein Produkt sozusagen technisch anpreisen, sondern mindestens 50 Prozent, wenn nicht 75 oder so, sind die Geschichte.“

Nina Pauer verweist auf die TV-Show 'Die Höhle der Löwen' als Beispiel dafür, wie Storytelling die Produktvermarktung dominiert. Beim Pitchen zähle nicht die technische Beschreibung, sondern die Geschichte hinter dem Produkt.

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Das narrative Gehirn. Was unsere Neuronen erzählen
Buch

Das narrative Gehirn. Was unsere Neuronen erzählen

Fritz Breithaupt

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:28:08 „Das Surkamp-Buch, hier liegt es vor mir, Fritz Breithaupt, das narrative Gehirn“

Eines der beiden Hauptbücher der Folge, wird als Grundlage für die Diskussion über Narrative und Emotionen herangezogen

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Das narrative Gehirn. Was unsere Neuronen erzählen
Buch

Das narrative Gehirn. Was unsere Neuronen erzählen

Fritz Breithaupt

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:34:22 „Also, das narrative Gehirn und wie es ein evolutionärer Vorteil des Menschen schon immer war, dass er Geschichten erzählen kann. Und das andere Buch, Erzählende Affen, das ja auch schon den Säbelzahntiger Sound im Titel hat.“

Fritz Breithaupts Buch ist eines der zwei Hauptwerke, die in dieser Folge besprochen werden. Nina Pauer und Ijoma Mangold diskutieren seine These, dass Geschichten 'Emotionsepisoden' sind und das menschliche Gehirn evolutionär auf Narrative angelegt ist. Pauer findet das Buch klug durchgearbeitet, aber dicht; Mangold beschreibt es als 'so okay interessant' mit einem 'betulich onkelhaften' Tonfall.

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Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen
Buch

Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen

Samira El Ouassil, Friedemann Karig

🗣 Nina Pauer empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:34:31 „Und das andere Buch, Erzählende Affen, das ja auch schon den Säbelzahntiger Sound im Titel hat, von Samira El-Wassil und Friedemann Karik, die stellen ja auch heraus, wie das Erzählen ein anthropologisches Differenzkriterium ist. Also der Mensch ist eben der erzählende Affe.“

Das zweite Hauptbuch der Folge. Nina Pauer stellt die zentrale These vor: Der Mensch unterscheidet sich von anderen Tieren durch seine Fähigkeit zu erzählen – 'Geschichten sind so etwas wie die Atemzüge des Geistes'. Die Autorin Samira El Ouassil vergleiche Narrative mit der Schwerkraft: Man merke es nicht, aber so sei es halt.

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Michel aus Lönneberga
Buch

Michel aus Lönneberga

Astrid Lindgren

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:35:16 „Aber vielleicht ist es auch nur Michael aus Lönneberger, wo die Hühner dann die vergorenen Kirschen oder so essen, dann besoffen rumgackern.“

In einem humorvollen Exkurs über die Frage, ob Tiere auch einen Rauschtrieb haben, erinnert sich Nina Pauer an die Szene aus Astrid Lindgrens Kinderbuch, in der Hühner vergorene Kirschen fressen und betrunken herumtaumeln. Auch Mangold bestätigt, dass bei ihm 'ganz fern was klingelt' – und es Michel aus Lönneberga sei.

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We Tell Ourselves Stories in Order to Live
Buch

We Tell Ourselves Stories in Order to Live

Joan Didion

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:42:37 „So wie die große amerikanische Schriftstellerin und Journalistin John Didion, das ist ein berühmter Buchtitel von ihr sagt, Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.“

Ijoma Mangold zitiert Joan Didions berühmten Buchtitel, um zwischen einer deskriptiven und einer normativen Perspektive auf Narrative zu unterscheiden. Didions Haltung steht für die normative Sicht: Geschichten sind nicht nur allgegenwärtig, sondern lebensnotwendig.

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Das Ende der großen Erzählungen
Essay

Das Ende der großen Erzählungen

Jean-François Lyotard

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:44:55 „Lyotard, einer der großen Figuren des Poststrukturalismus, sein wichtiger Essay lautete Das Ende der großen Erzählungen. Und ein kritisches Bewusstsein der 80er, 90er Jahre, würde ich sagen, für die war das selbstverständlich, dass die Erzählung eine reaktionäre Kategorie ist, die es zu überwinden gilt.“

Mangold reflektiert seine intellektuelle Sozialisierung in der Postmoderne der 90er Jahre und vermisst heute das ideologiekritische Bewusstsein jener Zeit. Lyotards Essay steht für die Überzeugung, dass Erzählungen eine scheinbare Totalität und Kohärenz vorspiegeln, die es in der Wirklichkeit nicht gibt – weshalb Fragmente und Aphorismen als die kühneren, freieren Formen galten.

Zum Artikel bei Bucer.de
Mein Name sei Gantenbein
Buch

Mein Name sei Gantenbein

Max Frisch

🗣 Ijoma Mangold zitiert daraus bei ⏱ 00:54:28 „Bei Max Frisch ist das ein zentrales Motiv und ich glaube, mein Name sei Gantenbein, heißt es immer, ein Mensch erfindet sich eine Geschichte und hält sie für sein Leben“

Max Frischs Roman wird als literarisches Beispiel für die Konstruktion von Identität durch Erzählungen herangezogen

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I Am Not a Story
Essay

I Am Not a Story

Galen Strawson

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:55:56 „Der ist von einem analytischen, interessanterweise von einem analytischen Philosophen und Literaturkritiker, Strawson, heißt der Strawson? Ja, Galen Strawson, ja. 2015 veröffentlicht und der sagt, um Gottes Willen, ich will kein narrativer Mensch sein, im Gegenteil, meine Art, über mein Leben nachzudenken, ist gewissermaßen so vom Fragment kommend.“

Mangold und Pauer diskutieren Strawsons Essay als Gegenstimme zur verbreiteten Annahme, dass Menschen narrative Wesen seien. Strawson argumentiert, dass sein Leben nicht als zusammenhängende Erzählung verstanden werden sollte, sondern als Fragment – und wendet sich damit gegen die therapeutische Praxis, jedem zu sagen, er müsse seine Geschichte erzählen. Pauer findet seinen Ton etwas schattenkämpferisch, erkennt aber die Nähe zu buddhistischen Konzepten des Neuanfangs in jedem Moment.

Zum Artikel bei Mediastudies.press
Essais
Buch

Essais

Michel de Montaigne

🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:55:56 „Meine Art, über mein Leben nachzudenken, ist gewissermaßen so vom Fragment kommend, beruft sich dann auch auf Montaigne und sagt, nee, natürlich soll aus meinem Leben keine Erzählung werden, weil damit werde ich seinem Sinnüberschuss, seiner Kontingenz und seiner Inkoherenz gar nicht gerecht.“

Im Zusammenhang mit Galen Strawsons Essay wird Montaigne als Gewährsmann für ein fragmentarisches Selbstverständnis angeführt. Strawson beruft sich auf Montaigne, um seine These zu stützen, dass ein Leben nicht in eine kohärente Erzählung gezwängt werden sollte. Die Erwähnung bleibt ohne konkreten Werktitel, bezieht sich aber klar auf Montaignes Essais als Gattung des fragmentarischen Denkens.

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