Warum der Oktopus kein Zentrum hat
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Was haben Oktopusse, Pilznetzwerke und Bitcoin gemeinsam? Sie alle funktionieren ohne Zentrale — und genau diesem Prinzip der Dezentralität widmet sich diese Folge. Statt einer reinen Krypto-Debatte geht es um die viel größere Frage: Wie verändert dezentrale Organisation Natur, Technik und Gesellschaft gleichermaßen?
„Es ist wirklich, als würde man ein neues Fenster aufmachen — mit einem bestimmten Sichtgerät Tatbestände, die man sonst anders beschrieben hat, unter diesem Aspekt beschreibbar machen zu können.“
Erwähnte Medien (14)
How Mushrooms Can Save the World
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:01:30 „How Mushrooms Can Save the World heißt ein berühmtes Buch, wie Pilze die Welt retten können, nämlich dank ihrer Dezentralität.“
Als Beispiel für den Trend, Pilze und Dezentralität in der Natur zu feiern
Entangled Life: How Fungi Make Our Worlds, Change Our Minds & Shape Our Futures
Merlin Sheldrake
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:01:50 „How Mushrooms Can Save the World heißt ein berühmtes Buch, wie Pilze die Welt retten können, nämlich dank ihrer Dezentralität.“
Im Gespräch über Dezentralität als Naturphänomen wird ein bekanntes Buch über Pilze erwähnt, das beschreibt, wie Pilze dank ihrer dezentralen Organisation die Welt retten könnten. Der genaue Titel wird nur paraphrasiert, es könnte sich um Merlin Sheldrakes 'Entangled Life' oder ein ähnliches populärwissenschaftliches Pilzbuch handeln.
Mycelium Running: How Mushrooms Can Help Save the World
Paul Stamets
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:01:50 „How Mushrooms Can Save the World heißt ein berühmtes Buch, wie Pilze die Welt retten können, nämlich dank ihrer Dezentralität.“
Im Einstieg zum Thema Dezentralität wird das Buch als Beispiel für den Pilz-Trend genannt, der Dezentralität in der Natur feiert. Es wird als bekanntes Werk eingeführt, das die Rettung der Welt durch dezentrale Pilznetzwerke propagiert.
The Medium is the Message
Marshall McLuhan
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:14:29 „Naja, man könnte sagen, seit Marshall McLuhan, das Medium ist die Botschaft. Das heißt, das Medium selber muss halt inszeniert werden.“
Im Gespräch über das Phänomen des 'Meta-Selfies' – bei dem die Selfie-Situation selbst von einem Fotografen fotografiert wird – verweist Mangold auf McLuhans berühmte These, dass das Medium selbst die Botschaft ist. Er nutzt McLuhan, um zu erklären, warum heute immer die Hinterbühne der Medienproduktion mitgezeigt werden muss.
My Octopus Teacher
🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:20:56 „es gibt ja einen sehr erfolgreichen Oscar-prämierten Film über den Oktopus“
Erwähnt als Beispiel für die kulturelle Faszination mit dem Oktopus als dezentralem Lebewesen
My Octopus Teacher
🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:21:35 „Ich kenne mich da null aus, aber es gibt ja einen sehr erfolgreichen Oscar-prämierten Film über den Oktopus.“
Im Kontext der Diskussion über dezentrale Intelligenz in der Natur wird ein Oscar-prämierter Film über den Oktopus erwähnt. Es handelt sich sehr wahrscheinlich um 'My Octopus Teacher' (2020), der 2021 den Oscar für den besten Dokumentarfilm gewann. Der Oktopus wird als Beispiel für ein empathiefähiges Lebewesen mit dezentralem Nervensystem angeführt.
Star Trek: Discovery
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:29:32 „Beschäftigte sich die ganze erste Staffel der neuen Star-Trek-Serie Discovery, die vor drei Jahren oder so lief, damit, dass irgendwie die Enterprise plötzlich nicht mehr einen Antimaterie-Materie-Antrieb hatte, oder was die sonst immer sagen, sondern einen Pilzantrieb. Sie reden immer davon, dass es im Universum ein Netzwerk aus Myzelen gibt und auf denen reisen sie irgendwie.“
Lars Weisbrod nutzt die Serie als Beispiel dafür, wie das Pilz-Paradigma die Popkultur durchdringt. Das harte Physik-Paradigma der klassischen Star-Trek-Welt wird durch eine biologische Pilz-Metapher abgelöst — für ihn ein Zeichen des kulturellen Trends zur Dezentralität und zu organischen Netzwerkstrukturen.
Star Trek: Picard
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:30:12 „In der anderen neuen Star Trek Serie, Picard, in der zweiten Staffel, passiert etwas ganz Interessantes mit den Aliens, mit dem Volk der Borg.“
Die Borg werden in der neuen Serie als positive, konsensbasierte Utopie eines dezentralen Kollektivs dargestellt
Vertrauen. Ein Mechanismus zur Reduktion von sozialer Komplexität
Niklas Luhmann
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:46:18 „Von Niklas Luhmann gibt es auch aus den frühen 70er Jahren einen schönen schmalen Band, der heißt »Vertrauen«. Mit dem selbsterklärenden Untertitel »Ein Mechanismus zur Reduktion von sozialer Komplexität«. Der Gedanke dahinter ist simpel wie unabweisbar.“
Im Gespräch über die Rolle von Vertrauen in dezentralen Systemen bringt Mangold Luhmanns Klassiker als theoretische Fundierung ein. Das Buch erklärt, warum komplexe Gesellschaften nur funktionieren, weil wir permanent Unbekannten Vertrauen entgegenbringen — ein Argument, das Mangold gegen eine naive Verteufelung von Vertrauen ins Feld führt, wie sie in der Krypto-Szene manchmal anklingt.
Digital Socialism
Evgeny Morozov
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:54:45 „Hat mir mal sehr gut vermittelt der Netzdenker, Netzkritiker, ich hoffe ich spreche den Vornamen richtig aus, Evgenij Morozov, der in meiner Lieblingszeitschrift New Left Review einen Artikel über Digital Socialism geschrieben hat, ich werde ihn unten verlinken.“
Lars Weisbrod empfiehlt begeistert einen Artikel von Evgeny Morozov in der New Left Review, der eine dezentrale sozialistische Alternative zum Markt entwirft. Morozovs These: Eine sozialistische Planwirtschaft müsste heute nicht mehr zentral sein, sondern könnte dezentral funktionieren — etwa durch Big Data statt Preismechanismen. Weisbrod kommt im Gespräch mehrfach auf diesen Text zurück und kündigt an, ihn unter der Folge zu verlinken.
The Second Coming
William Butler Yeats
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:06:27 „Dichter William Butler, Yates, »The Center Cannot Hold«, das ist ein berühmtes Gedicht, das hat er nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben, 1919, »The Second Coming«, also die Wiederkunft, sehr stark in so einer christlichen Bildsprache eingefangen. Und da gibt es gewissermaßen die Vorstellung, das heißt, »Things fall apart, the center cannot hold«.“
Mangold zitiert Yeats' Gedicht von 1919, um eine gegenläufige Semantik zur Dezentralitäts-Begeisterung aufzuzeigen: In der älteren Tradition ist das Zerbrechen des Zentrums eine Schreckensvorstellung, ein Vorbote der Apokalypse. Er kontrastiert damit die moderne positive Bewertung von Dezentralität mit der historischen Angst vor dem Verlust der zentralen Ordnung.
A Cyborg Manifesto
Donna Haraway
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 01:08:17 „Donna Haraway, die Philosophin, zitiere ich hier manchmal, auf sie geht das zurück, auch eine Hoffnung, dass der Mensch aus dem Mittelpunkt rückt. Donna Haraway hätte auch noch die Borg mit dazu genommen, weil sie natürlich Cyborg-Fan ist.“
Im Kontext des Posthumanismus und der Überwindung des Anthropozentrismus wird Donna Haraway als Urheberin dieser Denkrichtung genannt. Ihre berühmte Cyborg-Theorie wird implizit referenziert, wenn Lars Weisbrod sie als 'Cyborg-Fan' bezeichnet, der Technik, Natur und Pilze gleichberechtigt nebeneinander stellen will.
Tausend Plateaus (Mille Plateaux)
Gilles Deleuze, Félix Guattari
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:09:27 „Und zwei der glänzendsten Vertreter waren Félix Guattari und Gilles Deleuze. Und die sind auch mit einem Gedankenmodell berühmt geworden, das ausdrücklich antihierarchisch war. Die haben die Metapher oder das Bild des Rhizoms eben genutzt.“
Mangold erinnert sich an sein Studium in den 90er Jahren und den Poststrukturalismus. Er beschreibt, wie Deleuze und Guattari den hierarchischen Wissensbaum durch das Rhizom als antihierarchisches Ordnungsmodell ersetzen wollten — ein Wurzelgeflecht ohne Zentrum, analog zum Pilzmyzel. Mangold findet diese Idee hochattraktiv und sieht darin eine intellektuelle Vorgeschichte heutiger dezentraler politischer Utopien.
Encyclopédie
Denis Diderot / Voltaire
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:09:49 „Bis dahin war die zentrale Metapher, auch noch bei Voltaire und Diderot, als sie die Enzyklopädie schrieben, der des Wissensbaumes, wo gewissermaßen aus der Wurzel heraus nach oben hin in einer Taxonomie sich die verschiedenen Wissensbereiche entfalten.“
Mangold erwähnt die Enzyklopädie von Diderot als Gegenmodell zum Rhizom von Deleuze/Guattari. Die Enzyklopädie verkörpert die ältere, hierarchische Wissensordnung des Baumes mit einer zentralen Wurzel, von der aus sich das Wissen taxonomisch verzweigt — genau das Modell, das die Poststrukturalisten überwinden wollten.