Früher koksen, heute Darmspiegelung
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Das 9-Euro-Ticket löst einen Kulturkampf aus: Unter dem Schlachtruf der „Syltokalypse
„Wir fahren jetzt alle nach Sylt, stürmt die Insel der Schönen und Reichen.“
Erwähnte Medien (8)
Das Wetter. Magazin für Text und Musik
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:15:33 „Und zwar habe ich mir neulich eine hippe Zeitschrift gekauft. Ich weiß nicht, ob du von der schon mal gehört hast. Das Wetter. Magazin für Text und Musik heißen die. Gibt es schon ein paar Jahre. Sind in Szene-Kreisen recht wichtig für so diese Mischung aus junger deutscher Gegenwartsliteratur und Rap.“
Lars Weisbrod stellt das Magazin 'Das Wetter' vor, das er als Aufhänger für seinen Gegenwartscheck nutzt. In der Zeitschrift lag ein Werbeflyer einer feministischen Porno-Website, deren Marketing-Claim 'Wir brechen Tabus, aber halten uns an die Regeln' er als perfekte Zusammenfassung der Gegenwart präsentiert.
Don't Look Up
Adam McKay
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:21:52 „Und eine besonders schöne Szene habe ich dir als Nachricht geschickt, ist die Szene aus dem Film Don't Look Up, wo Leonardo DiCaprio und alle um den Tisch sitzen, kurz bevor der Meteorit dann wirklich einschlägt und sie alle in dem Bewusstsein um den Abendbrottisch sitzen und noch einmal zusammenkommen als Familie und Freunde.“
Nina Pauer beschreibt ein Meme, das eine Szene aus Don't Look Up nutzt, um die Stimmung auf Sylt vor dem Start des 9-Euro-Tickets zu illustrieren. Die Szene, in der die Figuren vor dem Weltuntergang zusammensitzen und sagen 'we did have it all, didn't we', wird als Metapher für die vermeintliche Bedrohung der exklusiven Sylt-Welt durch den Massenansturm verwendet.
Zurück nach Westerland
Die Ärzte
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:23:33 „Ich will zurück nach Westerland. Ich will wieder an die Nordsee. Also es donnert. Ich habe es eben auch noch mal kurz, um in Stimmung zu kommen und aufzuwachen. Ja, es ist ja dann doch ganz schön, die Gitarren da am Anfang ballern einem schon so das Gehirn so ein bisschen weg. Die Ärzte, 1988 war das sogar schon.“
Nina Pauer hat einen Ohrwurm von dem Ärzte-Song und zitiert ausführlich den Text. Der Song wird als musikalische Ikone und Hymne auf Sylt beschrieben, die erstaunlich aktuell zum 9-Euro-Ticket-Diskurs passt – mit der ironischen Punk-Perspektive auf die reiche Insel und dem Satz 'es ist zwar etwas teurer, dafür ist man unter sich'. Lars Weisbrod ordnet den Song pophistorisch ein als Party-Classic, der auf mehreren Ebenen komplex funktioniert.
Westerland
Die Ärzte
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:25:42 „88, okay, lieber Jens Balzer, hoffentlich sage ich nichts Falsches, waren die Ärzte da so auf dem Weg natürlich schon aus dem echten Punk in... Was auch immer das ist, was sie dann gemacht haben. Schlager-Pop-Punk, ja. Das war sehr weg. Aber natürlich, das war 88. Da ist natürlich noch völlig durchzogen dieser Song von dieser linken Punk-Idee.“
Der Song 'Westerland' von Die Ärzte wird ausführlich als kulturelles Schlüsselwerk über Sylt diskutiert. Mangold ordnet ihn in die Punk-Geschichte ein und betont die ironischen Schichten des Songs – die Ärzte wollen einerseits nicht nach Sylt, andererseits doch. Der Song wird als Vorläufer der aktuellen 9-Euro-Ticket-Debatte über Demokratisierung und Klassenkampf auf Sylt gelesen.
Mein Sylt
Fritz J. Raddatz
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:28:38 „Uns fiel auch Fritz Radatz, der in den 70ern und 80ern Feuilleton schimpft der Zeit war. Und auch der, der dort begraben liegt, der hat ein Buch geschrieben, Mein Sylt, und da hat man so dieses hymnische Besingen der Natur, was auch auf jeden Fall als Sylt-Säule oder Basis dieser Insel und die wirklich große Liebe von so vielen Leuten dieser Insel ist.“
Nina Pauer erwähnt Fritz J. Raddatz' Buch 'Mein Sylt' als Beispiel für die hymnische, naturverliebte Seite der Sylt-Rezeption. Raddatz, der langjährige Feuilletonchef der ZEIT, liegt auf Sylt begraben. Pauer zitiert eine Passage über den Himmel und die Vögel im Rantumer Becken, um zu zeigen, dass die Natursehnsucht eine fundamentale Säule des Sylt-Mythos ist.
Faserland
Christian Kracht
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:30:54 „Also, es fängt damit an, dass ich bei Fischgosch in List auf Sylt stehe und ein Jewe aus der Flasche trinke. Ich vermute mal, viele, viele, viele Zuhörerinnen und Zuhörer, die sich diesen Podcast hier antun, werden auch sofort wissen, dass das der Anfang des Romans Faserland von Christian Kracht ist. Erschienen 1995, berühmterweise beginnt er ganz oben in Deutschland, in List auf Sylt, ganz im Norden von Sylt.“
Christian Krachts Roman wird ausführlich besprochen als literarische Schlüsselreferenz für die Sylt-Metaphorik. Mehrere Passagen werden wörtlich vorgelesen und analysiert – die Deutschlandreise des snobistischen Ich-Erzählers, die Verbindung von Landschaft und NS-Geschichte, sowie das Panorama der reichen-Leute-Szene mit Kokain, Champagner und Wachsjacken.
Pro und Contra: 9-Euro-Ticket und Sylt
Isabella Wolbert / Ole König
🗣 Nina Pauer empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:50:10 „Wir hatten ja ein Pro und Contra, vielleicht sollte man das noch sehr empfehlen, Pro und Contra bei uns im Streitressort vor, glaube ich, vorletzte Ausgabe, wo die Isabella Wolbert, die Chefin der Linksjugend, 21 Jahre alt, die hat geschrieben, Sylt ist nicht nur eine Insel, es ist eine Idee.“
Nina Pauer empfiehlt ausdrücklich einen Pro-und-Contra-Beitrag aus dem ZEIT-Streitressort. Isabella Wolbert (Linksjugend) argumentiert, die Idee von Sylt als kapitalistisches Versprechen müsse zerstört werden; der Sylter Unternehmer Ole König hält dagegen und spricht von 'neosozialistischen Tendenzen'. Die beiden Positionen spiegeln die Klassendebatte der Episode wider.
Der Zauberberg
Thomas Mann
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:55:47 „Die Zauberbergenatur, oder? Diese tolle Naturbeschreibung, da musste ich immer an Atlantikwellen denken. Also die Indifferenz der Natur vor dem kleinen Menschlein, der niedergerungen wird durch Schneemassen oder Wellen. Und das interessiert keinen.“
Nina Pauer zieht eine Verbindung zwischen Thomas Manns Naturbeschreibungen im Zauberberg und der Gewalt der Nordsee auf Sylt. Die Indifferenz der Natur gegenüber dem Menschen – bei Mann durch Schneemassen, auf Sylt durch Atlantikwellen – wird als zeitlose Metapher für die menschliche Ohnmacht genutzt.