Die sogenannte Gegenwart – Ist Achtsamkeit egoistisch
#040

Ist Achtsamkeit egoistisch

Die sogenannte Gegenwart / 21. März 2022 / 15 Medien

Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod

Ausgangspunkt ist Emmanuel Carrères Roman «Yoga», den Ijoma Mangold als Werk eines seiner absoluten Lieblingsschriftsteller vorstellt und in Paris mit dem Autor besprochen hat. Bevor das Buch entfaltet wird, fällt im Gegenwartscheck auf, wie rasant das Wort «Resilienz» von der Achtsamkeitsszene ins militärische Sicherheitsdenken gewandert ist — ein Begriffswandel, der die Zeitenwende im Kleinen spiegelt.

„Man dachte, es sei abgetan, aber nein, es kann mit einem Fingerschnipsen reaktiviert werden oder eben ein vorhandener Begriff neu kodiert werden.“
🗣 Ijoma Mangold

Erwähnte Medien (15)

Radikale Selbstfürsorge jetzt
Buch

Radikale Selbstfürsorge jetzt

Svenja Gräfen

🗣 Nina Pauer empfiehlt aktiv „Ich habe ein anderes Buch noch dazu gelesen, das heißt Radikale Selbstfürsorge jetzt, hier habe ich es, ist von Svenja Gräfen. Die schreibt also etwas eigentlich, also da steht vorne drauf eine feministische Perspektive, aber ich finde, dass es darüber wirklich nur ganz marginal geht.“

Nina Pauer bringt dieses Buch als Kontrapunkt zum Carrère-Roman ein. Sie kritisiert es als zu simpel in seiner These – Selbstfürsorge sei nötig, um politisch handlungsfähig zu bleiben – und als weniger feministisch als angekündigt, eher antikapitalistisch. Mangold schließt sich der Kritik vehement an und nennt es 'erbarmungswürdig'.

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Yoga
Buch

Yoga

Emmanuel Carrère

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:01:14 „Es geht um einen meiner absoluten Lieblingsschriftsteller unter den Zeitgenossen, der französische Autor Emmanuel Carré. Und sein neues Buch heißt Yoga und wir werden es sehr genau entfalten, weil es auf so vielen Ebenen so anregend, interessant, dramatisch und lustig ist.“

Das Buch 'Yoga' von Emmanuel Carrère ist das Hauptthema dieser Episode. Mangold stellt es als Werk vor, das als heiteres Büchlein über Yoga geplant war, sich aber zu einem Protokoll einer schweren psychischen Krise mit Suizidgedanken, Psychiatrieaufenthalt und Lithium-Therapie wandelt. Beide Sprecher diskutieren ausführlich Inhalt, Stil und die vielen Ebenen des Buchs.

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🎨
Kunst

Friedenstaube

Pablo Picasso

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:05:18 „Also ich stimme dir zu, diese, ich glaube, auf Picasso zurückgehende Friedenstaube war mal riesengroß. Picasso hat ihr die Form gegeben durch eine Zeichnung oder so.“

Im Gegenwartscheck diskutieren Nina Pauer und Ijoma Mangold über die Reaktivierung alter Symbole im Kontext des Ukraine-Kriegs. Die Friedenstaube wird als auf Picasso zurückgehende Zeichnung identifiziert.

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Min Kamp
Buch

Min Kamp

Karl Ove Knausgård

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:16:33 „Es ist nämlich nicht Knausgard. Knausgard wäre keine Fiktion, aber die Totalität meines Lebens. Während es bei Carré durchaus regelrechte Gegenstände gibt.“

Ijoma Mangold grenzt Emmanuel Carrères autofiktionales Genre von Karl Ove Knausgårds Werk ab. Knausgårds autobiographische Romanreihe wird als Vergleichspunkt herangezogen, um Carrères spezifischen Stil zu erklären.

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Das Reich Gottes
Buch

Das Reich Gottes

Emmanuel Carrère · 2014

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:16:50 „Sein absolutes Meisterwerk für meinen Geschmack, darüber haben wir interessanterweise schon mal vor einem Jahr, also in einem Weihnachtspodcast 2020, mit Last gesprochen. Sein Meisterwerk für meinen Geschmack ist das Reich Gottes. Und es ist technisch gesehen eine Doppelbiografie der Apostel Paulus und Lukas.“

Mangold bezeichnet 'Das Reich Gottes' als Carrères absolutes Meisterwerk und erklärt dessen Genre: eine Doppelbiografie der Apostel Paulus und Lukas, die gleichzeitig Carrères eigene katholische Phase in den Zwanzigern reflektiert. Es dient als Beispiel für Carrères einzigartigen Stil, bei dem er stets sich selbst als Erzähler präsent hält.

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Limonov
Buch

Limonov

Emmanuel Carrère

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:17:42 „Mein anderes Lieblingsbuch, Limonov. Limonov, ein völlig irrer Typ, der war so ein Punker in der Sowjetunion, Dissident, eingesperrt, dann hat die Sowjetunion rausgeworfen, er ging nach Amerika, da schrieb er ein Skandalbuch, Fuck You America.“

Mangold stellt 'Limonov' als sein zweites Lieblingsbuch von Carrère vor. Es porträtiert die exzentrische Figur Eduard Limonov – Punker, Dissident, Soldat auf serbischer Seite, Gründer der Nationalbolschewistischen Partei. Mangold zieht eine aktuelle Verbindung: Limonovs Traum eines großrussischen Imperiums inklusive der Ukraine werde gerade von Putin realisiert.

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Fuck You America
Buch

Fuck You America

Eduard Limonov

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:17:42 „Er ging nach Amerika, da schrieb er ein Skandalbuch, Fuck You America, das extrem pornografisch und obszön ist, damit wurde er in den 80er Jahren in Paris total berühmt.“

Mangold erwähnt Limonovs Skandalbuch im Rahmen seiner Schilderung von Limonovs wildem Lebenslauf, der Gegenstand von Carrères gleichnamiger Biografie ist. Das Buch machte Limonov in den 80er Jahren in Paris berühmt.

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Einer flog über das Kuckucksnest
Film

Einer flog über das Kuckucksnest

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:22:02 „Weil Elektroschocks kennen wir, glaube ich, in unserem kulturellen Gedächtnis, nur noch so als eine ferne Brutalität einer ganz vergangenen Zeit, die dann noch einmal in einer flog übers Kuckucksnest aktualisiert wurde. Und das führte, glaube ich, weltweit zu dieser Antipsychiatriebewegung und viel, viel Empörung.“

Mangold erwähnt den Film im Kontext von Carrères Beschreibung seiner Elektroschock-Behandlung in der Psychiatrie. Er verweist darauf, dass unser kulturelles Bild von Elektroschocks vor allem durch 'Einer flog über das Kuckucksnest' geprägt sei, Carrère aber zeige, dass die Methode weiterentwickelt wurde und ihm tatsächlich geholfen habe.

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Sex ist verboten
Buch

Sex ist verboten

Tim Parks

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:25:31 „Mich hat das erinnert an ein Buch, was ich mal vor, was weiß ich, wie vielen Jahren rezensiert habe, Tim Parks, das war auch ein Roman, der hieß Sex ist verboten und da ging es auch darum, dass... also auch um so einen Retreat.“

Pauer zieht eine Parallele zwischen Carrères 'Yoga' und Tim Parks' Roman 'Sex ist verboten', den sie einst rezensiert hat. Beide Bücher handeln von strengen Retreat-Erfahrungen mit Schweigegebot und Kontaktverbot. Bei Parks geht es umgekehrt: Eine Frau mit Suizidgedanken geht ins Retreat, und das Buch zeigt die Sehnsucht nach Verstrickung mit anderen Menschen.

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Der Zauberberg
Buch

Der Zauberberg

Thomas Mann

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:27:52 „Ich schreibe über meine Breakdowns und natürlich kann man sich fragen, gab es das nicht schon immer, weil man muss ja sofort an die Lungenkliniken, den Zauberberg und also ja, ich denke, das ist.“

Nina Pauer ordnet das Genre der Bücher aus Kliniken und Retreats historisch ein und verweist auf Thomas Manns 'Zauberberg' als Urtyp des Sanatoriumsromans, um zu zeigen, dass dieses literarische Motiv eine lange Tradition hat.

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Die Blechtrommel
Buch

Die Blechtrommel

Günter Grass

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:28:03 „Oskar Mazzerat, der auch aus der Nervenheilanstalt in der Blechtrommel berichtet.“

Mangold ergänzt die Reihe literarischer Werke, die aus Nervenheilanstalten erzählen, um Günter Grass' 'Die Blechtrommel', in der der Protagonist Oskar Matzerath aus einer Nervenheilanstalt heraus seine Geschichte erzählt.

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📰
Artikel

Decolonizing Yoga

🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:54:12 „Und dann wird noch so eine Seite verlinkt, Decolonizing Yoga. Es gibt den Yoga-Boom und die, die damit verdienen, sind auch mit dem ganzen Drumherum.“

Nina Pauer referiert aus dem Buch 'Radikale Selbstfürsorge jetzt' von Svenja Gräfen, das Yoga im Kontext kultureller Aneignung diskutiert. Dabei wird eine Webseite oder Initiative namens 'Decolonizing Yoga' als Quelle erwähnt.

Zum Artikel bei Michaeljoelhall.com
Interview mit Judith Holofernes
Artikel

Interview mit Judith Holofernes

🗣 Ijoma Mangold zitiert daraus bei ⏱ 00:56:50 „Die Judith Holofernes, die ja auch eine leidenschaftliche Meditiererin ist, hatte gerade in einem Interview mit unserer Zeitung, mit der Zeit gesagt, du kannst halt 100 Stunden meditieren und trotzdem ein erstaunlicher Arsch sein.“

Ijoma Mangold zitiert Judith Holofernes aus einem aktuellen Zeit-Interview, um die Diskussion über die moralische Aufladung von Yoga und Meditation pointiert zusammenzufassen. Das Zitat wird von beiden als perfektes Schlusswort für die Debatte gewürdigt: Spirituelle Praxis macht einen nicht automatisch zu einem besseren Menschen.

Zum Artikel bei ZEIT Online
Zeitmagazin-Porträt über Jessamyn Stanley
Artikel

Zeitmagazin-Porträt über Jessamyn Stanley

🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:57:20 „Einmal noch Jessamyn Stanley heißt sie, die übergewichtige amerikanische tolle Yoga-Influencerin, über die das Zeitmagazin auch mal groß berichtet hat.“

Nina Pauer erinnert an die afroamerikanische Yoga-Influencerin Jessamyn Stanley, über die das Zeitmagazin ausführlich berichtet hatte. Sie nutzt das Beispiel als Gegenargument zur These des besprochenen Buchs, dass Yoga nur von dünnen, weißen, privilegierten Frauen in wohlhabenden Vierteln praktiziert werde.

Zum Artikel bei ZEIT Online
Ode an die Freude (Symphonie Nr. 9)
Musik

Ode an die Freude (Symphonie Nr. 9)

Ludwig van Beethoven

🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:05:13 „Wir erinnern uns die unglaubliche Inszenierung, die Macron nach der Wahl zum Präsidenten hinlegte, als er da durch den Innenhof, glaube ich, das Louvre schritt und dazu nur die Klänge von Beethovens Ode an die Freude.“

Ijoma Mangold analysiert Macrons Talent für politische Bildinszenierung und kontrastiert dessen neue Hoodie-Auftritte mit der klassischen französischen Grandeur. Als Paradebeispiel nennt er Macrons ikonischen Gang durch den Louvre-Innenhof nach seiner Wahl zum Präsidenten, untermalt ausschließlich von Beethovens Ode an die Freude – ein Moment maximaler theatralischer Wirkung.

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