Die digitale DDR
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Anlass ist Dave Eggers' dystopischer Roman „Every
„Ich mache es für den Algorithmus — weil wenn ich die ganze Zeit nur die harten politischen Infos poste, verliere ich nämlich ganz viel Reichweite.“
Erwähnte Medien (13)
Every
Dave Eggers
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:02:11 „Den neuen Roman, über den wir nämlich heute reden wollen, über den ganz viele Leute gerade reden. Er heißt Every. Every ist eine düstere Silicon Valley Dystopie, in der ein übermächtiges Digitalunternehmen aus dem Silicon Valley unsere Gesellschaft umbaut.“
Every ist das Hauptthema dieser Podcast-Folge. Lars Weisbrod stellt den Roman als Fortsetzung von 'The Circle' vor und ist begeistert davon, wie viele Gegenwartsdiskurse — von Corona über Klima bis Wokeness — darin zusammenlaufen. Ijoma Mangold ist literaturkritisch skeptischer, erkennt aber die inhaltliche Relevanz an.
The Circle
Dave Eggers
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:17:36 „Denn Every ist eine Fortsetzung von einem Roman, den Dave Eggers 2013 geschrieben hat. Und der hat ihn, kann man sagen, glaube ich, richtig berühmt gemacht. Vielen wird dieser Titel etwas sagen, manche werden ihn sogar gelesen haben. 2013 erschien von Dave Eggers The Circle oder auf Deutsch Der Circle.“
The Circle wird als Vorgänger-Roman von Every ausführlich besprochen. Ijoma Mangold erklärt, wie das Buch 2013 im Kontext von Big Data, NSA-Überwachung und Wikileaks einschlug. Er kritisiert Eggers als schlechten Autor, dem es an Ambivalenz und Grautönen fehle, und bemängelt die fehlende fiktionale Glaubwürdigkeit des Romans.
The Circle
Dave Eggers
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:17:44 „2013 erschien von Dave Eggers The Circle oder auf Deutsch Der Circle. Das war in den Filthors eine Riesensache damals.“
Vorgängerroman von Every, wird als Kontext und Vergleich herangezogen
Das konsumistische Manifest
Norbert Bolz
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:43:12 „Norbert Bolz fällt mir gerade ein, Norbert Bolz, mittlerweile bestimmt 20 Jahre altes Buch, das konsumistische Manifest, wirklich ein subversiver Titel, weil gegen Konsum waren sich sonst alle einig, übrigens von rechts bis links.“
Mangold erinnert sich an Norbert Bolz' Buch, weil es thematisch zu Eggers' Every passt: Während sich in der Realität links wie rechts alle einig sind, dass Konsumismus etwas Erbärmliches sei, war Bolz' Titel vor 20 Jahren bewusst provokant — eine Pro-Konsum-Position. In Eggers' Roman übernimmt ausgerechnet der Monopol-Konzern Every diese konsumkritische Haltung und will die Produktvielfalt abschaffen.
Competition is for Losers
Peter Thiel
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:44:17 „Genau, Peter Thiel ist sehr berühmt für seinen Satz, Competition is for Losers. Competition is for Losers, ja.“
Mangold zitiert Peter Thiels berühmten Vortrag bzw. Essay über Monopole, um die reale Parallele zu Eggers' fiktivem Every-Konzern zu verdeutlichen. Thiels These — dass wahre Innovation Monopole schafft und Wettbewerb ein Zeichen von Mittelmäßigkeit ist — spiegelt sich in Eggers' Roman, wo Every den Markt komplett dominiert und die Produktvielfalt abschaffen will.
Zero to One
Peter Thiel · 2014
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:45:09 „Diese herrliche Paradoxie entwickelt der Peter Thiel da sehr schön und sagt aber natürlich die wirklich guten Zufallsklassen, die legen es auf ein Monopol an. Nur dann hat man wirklich was Neues geschaffen und einen Markt dominiert.“
Ijoma Mangold erläutert Peter Thiels Monopol-Theorie im Kontext von Dave Eggers' Every. Die Diskussion über Monopolisten, die ihren Markt groß definieren um nicht als solche zu gelten, und die These dass die besten Unternehmen Monopole anstreben, stammt aus Thiels Buch Zero to One. Der Vortrag 'Competition is for Losers' wurde bereits erfasst, aber das zugrundeliegende Buch nicht.
Der Weg zur Knechtschaft
Friedrich August von Hayek
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:47:42 „Wir sind, ich bin ja wirklich der Meinung, wir sind nicht auf dem Weg in die Knechtschaft, wie Friedrich von Hagen gesagt, aber zumindest sind wir auf dem Weg in die Planwirtschaft.“
Mangold zitiert Hayeks berühmtes Werk als Referenzpunkt für seine eigene politische Einordnung. Er sieht zwar nicht die klassische Knechtschaft im Hayek'schen Sinne kommen, wohl aber eine neue Form der Planwirtschaft — was direkt an Eggers' Every-Dystopie anschließt, in der ein Silicon-Valley-Konzern de facto eine zentrale Wirtschaftssteuerung betreibt.
Standardsituationen der Technologiekritik
Kathrin Passig
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:00:01 „Mir fällt gerade, nur um das zu untermauern, auch die, die ich sehr schätze, Katrin Passig, was hat die an Witz und Pointenreichtum eingesetzt, um sich über jede Form des Digitalskeptizismus lustig zu machen und auch unendlich auf diese Sachen, ja, als die Eisenbahn aufkam, sagten die Leute, es verträgt kein menschliches Gehirn, so schnell von Punkt A zu Punkt B zu kommen.“
Ijoma Mangold verweist auf Kathrin Passigs berühmten Text, in dem sie wiederkehrende Muster der Technologiekritik historisch einordnet und parodiert. Er nennt sie als Beispiel für die damalige Stimmung, Digitalskeptizismus nicht ernst zu nehmen – im Kontrast zu Dave Eggers' Circle, der genau diese Skepsis literarisch bediente.
A Cypherpunk's Manifesto
Eric Hughes
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:01:21 „Natürlich die Vordenker der gesamten Digitalisierung, die Cypherpunks, die schon in den Früh-90er-Jahren das berühmte kryptografische, glaube ich heißt es, Kryptomanifest geschrieben haben, denen vollkommen klar war, was Big Data mit uns machen wird und die suchten nach digitalen Lösungen für die Überwachungsgefahr.“
Ijoma Mangold verweist auf das Cypherpunk-Manifest der frühen 90er als historischen Beleg dafür, dass die Gefahren der Digitalisierung schon früh erkannt wurden. Er argumentiert, dass es digitale Gegenmittel gegen Überwachung gibt – etwa Kryptowährungen wie Bitcoin und Monero.
Die Steinstrategie
Holm Friebe
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:04:21 „Ich denke da an Holm Friebe, der mal so eine Mischung aus echten Lebensratgeber und Unternehmensphilosophie-Parodie geschrieben hatte. Ich glaube, das hieß die Steintheorie. Die Steinstrategie, Wahnsinn.“
Im Kontext der satirischen Management-Theorien aus Eggers' Roman erinnert Ijoma Mangold an Holm Friebes Buch, das Managementratgeber parodiert, indem es empfiehlt, es den Steinen gleichzutun – eine ironische Verklärung der Trägheit als Gegenentwurf zu den üblichen Appellen an produktive Zerstörung und ständige Neuerfindung.
Die Mäuse-Strategie für Manager
Spencer Johnson
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:04:34 „Hat viele immer erklärt, weil es gibt so viele Managementberater, die aus dem Bereich des Tierischen und dann auch der Flora kommen, die Mäusestrategie. Und er hat dann gesagt, er geht noch unter die Flora. Er sagt einfach, man muss es sozusagen machen wie die Steine.“
Lars Weisbrod erwähnt die Mäusestrategie als Beispiel für die Tradition tierischer Management-Metaphern, von der sich Holm Friebes Steinstrategie als Parodie absetzt, indem sie noch weiter ins Unbelebte geht.
Der schwarze Schwan
Nassim Nicholas Taleb
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:05:19 „Und sie würde lauten Antifragilität in Bezug auch auf, wie heißt der Autor des Schwarzen Schwans? Taleb. Taleb. Taleb. Ja.“
Ijoma Mangold identifiziert Nassim Nicholas Taleb über dessen bekanntestes Werk Der Schwarze Schwan, um dann auf Talebs Konzept der Antifragilität zu kommen, das er als Management-Theorie des Jahres 2022 prognostiziert.
Antifragilität
Nassim Nicholas Taleb
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 01:05:27 „Der denkt viel über Antifragilität nach und das meint, wie bauen wir Systeme so, dass sie mit unerwarteten Ereignissen, die tendenziell bedrohlich sind und die das Fortführen des Systems gefährden können, so umgehen, dass zumindest Teile des Systems weiterarbeiten.“
Als Antwort auf die Prognosefrage nennt Ijoma Mangold Antifragilität als Management-Theorie des Jahres 2022. Er erklärt Talebs Kernidee: Systeme sollten nicht nur robust, sondern so gebaut sein, dass sie von Störungen profitieren, statt an ihnen zu zerbrechen – eine Lektion, die er aus der Pandemie-Erfahrung ableitet.