Was bringt uns der Respekt, wenn wir nichts verdienen
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Die Folge kreist um den Begriff Klassismus — die Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft — und die Debattenlinien, die sich daran entzünden. Zum Auftakt meldet sich die abwesende Nina Pauer per Sprachnachricht und liefert eine kulinarische Gegenwartsdiagnose: Flower Focaccia, kunstvoll belegt wie eine Blumenwiese, hat das Bananenbrot des ersten Lockdowns abgelöst — weil bloßer Kohlenhydrat-Trost nicht mehr reicht und die pandemiegeplagte Gesellschaft jetzt wenigstens beim Backen etwas Schönes gestalten will.
„Letztes Frühjahr brauchten wir alle, waren wir so überrollt von dieser Pandemie, dass wir uns ganz schnell in leere Kohlenhydrate und Zucker und Schokolade und Bananen flüchten mussten, um uns sozusagen infantil, kindlich einfach nur blind zu trösten. Und das reicht jetzt einfach nicht mehr.“
Erwähnte Medien (9)
The Once and Future Liberal: After Identity Politics
Mark Lilla
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:32:18 „Leute wie der amerikanische Politologe Mark Lilla, der griff dann direkt die Identitätspolitik an und sagte, Hillary Clinton hat in ihrem Programm fast nur auf der identitätspolitischen Klaviatur gespielt, sich also für die Minderheitsrechte von Schwulen, Lesben, Transpersonen eingesetzt und darüber quasi den Kern einer linken Politik, nämlich die soziale Frage vernachlässigt.“
Im Kontext der Diskussion über Klassismus und Identitätspolitik nach Trumps Wahlsieg erklärt Ijoma Mangold, wie Mark Lilla die Identitätspolitik der Demokraten kritisierte. Lillas Kernthese – dass die Linke die Klassenfrage zugunsten von Minderheitenrechten vernachlässigt habe – wird als Auslöser für die verstärkte Nutzung des Klassismusbegriffs dargestellt.
Les Illusions perdues (Verlorene Illusionen)
Honoré de Balzac
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:46:17 „Und wenn man jemanden nimmt, der darin als erster gewissermaßen übermächtig wurde in der Weltliteratur, Balzac, der beschreibt nichts anderes als die unterschiedlichen Verhaltensweisen, die Codes, den Habitus von verschiedenen Schichten und Milieus und natürlich auch wie in den verlorenen Illusionen klassischer Aufsteigerbiografie, auch damals schon der Journalismus, wo man durch Skrupellosigkeit und Zynismus, auch wenn man aus einfachsten Verhältnissen kommt, es sehr weit hoch bringen kann, das Erzählen Balzacs verlorene Illusionen.“
Mangold führt Balzac als Beleg dafür an, dass die literarische Beobachtung von Klassengegensätzen kein linkes Vorrecht ist. Die Verlorenen Illusionen werden als klassische Aufsteigerbiografie beschrieben, in der Journalismus als Vehikel des sozialen Aufstiegs durch Skrupellosigkeit dient. Balzac selbst war Monarchist – Mangold betont damit, dass Klassensensibilität politisch unabhängig ist.
À la recherche du temps perdu (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit)
Marcel Proust
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:47:00 „Mein Lieblingsschriftsteller ist Marcel Proust, dessen Recherche auf der Suche nach der verlorenen Zeit handelt in unendlicher Feinabstufung davon, wie sich Milieus über ihre Wortwahl, über ihre Verhaltensweisen voneinander abgrenzen und zwar auf einer Ebene, wo du quasi mit der Briefwaage arbeiten musst und wirst aber feststellen, wie tief dieses strukturierende System sitzt.“
Mangold nennt Proust seinen Lieblingsschriftsteller und die Recherche als Meisterwerk der Milieu-Analyse. Das Werk dient ihm als weiterer Beleg, dass die feinste Beobachtung von Klassenunterschieden in der Literatur stattfindet – in unendlicher Abstufung von Wortwahl und Verhaltensweisen. Es ist Teil seiner Argumentation, dass Gesellschaftsbeobachtung kein linkes Monopol ist.
The Bonfire of the Vanities (Fegefeuer der Eitelkeiten)
Tom Wolfe
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:47:16 „Und als letztes Beispiel quasi ein Erbe von Balsak, der vor kurzem glaube ich verstorben, amerikanische Schriftsteller, wir kennen alle Tom Wolfe, The Bonfire, Fegefeuer der Eitelkeiten, der macht in seinen Romanen auch nichts anderes als klassenspezifische Codes genau aufzudröseln. Fegefeuer der Eitelkeit schafft er quasi auch für jedes Milieu seine eigene Sprache.“
Mangold reiht Tom Wolfe als drittes Beispiel nach Balzac und Proust ein – als modernen amerikanischen Erben der literarischen Klassenbeobachtung. Fegefeuer der Eitelkeiten wird hervorgehoben, weil Wolfe darin für jedes Milieu eine eigene Sprache schafft und klassenspezifische Codes aufdröselt.
Gott verbrennt
🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:52:00 „All die Kinder aus nicht-akademischen Familien haben zum größten Teil alle Abi gemacht. Und das waren natürlich sehr geordnete Verhältnisse. Bei denen hingen keine, wie es bei Gott verbrennt heißt, keine Gansperos an der Wand.“
Mangold beschreibt seine Schulerfahrung in den 70er/80er Jahren und argumentiert, dass geordnete Verhältnisse im Elternhaus wichtiger für sozialen Aufstieg seien als materielle Ausstattung. Dabei zitiert er beiläufig eine Formulierung aus einem Werk mit dem Titel 'Gott verbrennt', möglicherweise ein Transkriptionsfehler.
Capitalism Alone
Branko Milanovic
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:56:07 „Daraufhin hat mir ein Twitter-User und Podcast-Hörer ein Buch empfohlen, das Capitalism Alone heißt, von dem Volkswirt Branko Milanovic. Auf Deutsch heißt es Kapitalismus global. Ich habe das Buch gelesen, du hast es inzwischen auch gelesen, wir beide sind recht große Fans von dem Buch.“
Lars Weisbrod greift auf eine frühere Folge zurück, in der über Kapitalismuskritik diskutiert wurde. Das Buch wurde ihm daraufhin von einem Hörer empfohlen. Beide Hosts haben es gelesen und schätzen es sehr. Weisbrod nutzt Milanovics Argumentation, um zu belegen, dass Transferleistungen und Steuersysteme nachweislich Ungleichheit reduzieren – gegen Mangolds These, Sozialtransfers seien wenig effektiv.
Die Geissens – Eine schrecklich glamouröse Familie
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:59:37 „Was passiert, wenn du dieses Unterschichtenfernsehen plus die Leute haben aber Geld zusammendenkst, dann kriegst du eine ganz andere Sendung raus, die für mich viel würdevoller ist, wo ich auch es überhaupt nicht finde, dass man sie nur guckt, indem man nur Verachtung hat, sondern eine Art von Zuneigung gemischt mit sich lustig machen, eine okaye Sache, nämlich die Geissens.“
Im Kontext der Diskussion über Unterschichtsfernsehen und Klassismus stellt Weisbrod die Geissens als Gegenbeispiel dar. Sein Argument: Da die Geissens genug Geld haben, um die Teilnahme an Reality-TV jederzeit abzulehnen, ist ihre Sendung würdevoller als klassisches Unterschichtsfernsehen. Das zeige, dass es letztlich ums Geld gehe, nicht um kulturelle Abwertung.
Die Geissens – Eine schrecklich glamouröse Familie
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:59:52 „eine okaye Sache, nämlich die Geissens. Kennst du die Geissens? Ja, klar, natürlich. Die Geissens.“
Als Gegenbeispiel zum Unterschichtsfernsehen angeführt – eine Reality-Show, in der ökonomisches Kapital die fehlende kulturelle Distinktion kompensiert
Die feinen Unterschiede (La Distinction)
Pierre Bourdieu
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:01:17 „Da würde ich auch hier wieder unbedingt mit Bordieu argumentieren. Diese verschiedenen Kapitalien sind ja wechselseitig restituierbar. Also du kannst natürlich, wenn du ein geringes kulturelles Kapital hast, wie die Geissens, kannst du es substituieren durch reales ökonomisches Kapital.“
Bourdieus Konzepte von kulturellem, sozialem und ökonomischem Kapital werden von beiden Sprechern wiederholt als analytisches Werkzeug herangezogen. Lars Weisbrod nennt explizit 'soziales Kapital und kulturelles Kapital, diese ganze Bordier', Ijoma Mangold argumentiert mehrfach mit Bourdieus Kapitalsorten-Theorie.