Liegt die Zukunft auf dem Land
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Die Episode kreist um eine durch Corona verstärkte Bewegung von der Stadt aufs Land — eine Neuausrichtung der Geografie und damit auch der Lebensform. Zuvor liefert der Gegenwartscheck eine amüsante Debatte über Silent Meditation auf Clubhouse: das gemeinsame digitale Schweigen als neue Kommunikationsform, die Ijoma Mangold rührt, während Lars Weisbrod gesteht, dass ihm bei dem Wort Clubhouse inzwischen schaudert.
„Das ist schon eine hohe Stufe unserer digitalen Sophistication, dass man gewissermaßen digital vernetzt mit anderen gemeinsam schweigt.“
Erwähnte Medien (11)
Die Harald Schmidt Show
Harald Schmidt / SAT.1 · 1995
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:05:15 „Das ist, wenn man so völlig sich selbst überschätzt und wir denken, wir sind Harald Schmidt, der mal eine Sendung ohne Bild gemacht hat oder auf Französisch.“
Lars Weisbrod vergleicht Ijomas Idee eines Silent Podcasts scherzhaft mit Harald Schmidts legendären Stunts in seiner Late-Night-Show, in der Schmidt einmal eine Sendung ohne Bild ausstrahlte oder auf Französisch moderierte. Die Referenz dient als humorvoller Maßstab für übertriebene Selbstüberschätzung.
Everydays: The First 5000 Days
Beeple
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:16:18 „Da gab es diesen großen Vorgang, dass ein Internetkünstler, der bisher mit seinen Internet-Kunstwerken kein Geld verdienen konnte, weil in der Kunst natürlich immer die Originalität, also die Einzigartigkeit prämiert wird. Bipol heißt der, dessen Kunstwerk wurde bei Christie's letzte Woche für sage und schreibe 69 Millionen Dollar, glaube ich, verkauft. Das ist ungefähr das dritteuerste Kunstwerk eines noch lebenden Künstlers, das je unter den Hammer kam.“
Ijoma Mangold erklärt das Phänomen der NFTs und nennt als prominentestes Beispiel die Versteigerung von Beeples digitalem Kunstwerk bei Christie's für 69 Millionen Dollar. Er nutzt es als Beleg dafür, dass durch die Blockchain-Technologie erstmals digitale Einzigartigkeit und damit ein völlig neuer Kunstmarkt entstanden ist.
Buddenbrooks
Thomas Mann
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:18:23 „Zum Beispiel, wenn man die Erstausgabe von Thomas Manns Buddenbrocks kauft, könnte man ja auch sagen, was hat man davon, man kann ja das Taschenbuch kaufen und dann liest man den gleichen Roman. Naja, aber es gibt eben in der menschlichen Seele so etwas wie die Sammlerleidenschaft und auch das Bedürfnis, in einer herausgehobenen und singulären Weise an einem Nimbus teilzuhaben, der einem selber viel bedeutet.“
Ijoma Mangold zieht die Erstausgabe der Buddenbrooks als Analogie heran, um das Prinzip der NFTs zu erklären. Sein Argument: So wie ein Thomas-Mann-Fan irrational viel für eine Erstausgabe zahlt, obwohl der Text im Taschenbuch identisch ist, zahlen NFT-Käufer für die zertifizierte Einzigartigkeit eines digitalen Objekts – in beiden Fällen geht es um Sammlerleidenschaft und die Teilhabe an einem Nimbus.
Der Herr der Ringe
J.R.R. Tolkien
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:33:21 „Und keiner von denen hat auch Lust auf Herr der Ringe, sondern die wollen alle FC Bayern Poster aufhängen, so. Und da bin ich ja mein ganzes Leben lang vor geflohen und da habe ich so Angst, dass ich dann dahin zurück müsste.“
Weisbrod erwähnt 'Herr der Ringe' beiläufig als Beispiel für seine eigenen kulturellen Interessen, die in der ländlichen 'Bedarfsgemeinschaft' seiner Kindheit niemand teilte. Es dient als Chiffre für die Angst, kulturell isoliert zu sein, wenn man aufs Land zieht.
Grenzgang
Stefan Thome
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:38:56 „Gab es dann eine Gegenbewegung, die wurde angeführt von dem Sinologen und Surkamp-Autor Stefan Thome. Grenzgang hieß sein Roman von 2007, der nicht nur in der Provinz spielte, sondern ausdrücklich auch die Rituale und die soziale Situation in einer dörflichen Gemeinde als Thema und als Gegenstand hatte.“
Mangold beschreibt die Gegenbewegung zum Berlin-Mitte-Roman in der deutschen Gegenwartsliteratur. Stefan Thomes 'Grenzgang' von 2007 wird als Wegbereiter eines neuen Genres genannt, das bewusst die Provinz und das dörfliche Leben ins Zentrum stellt, statt die Großstadt.
Dorfroman
Christoph Peters
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:39:12 „Zuletzt ist jetzt der letzte Herbst erschienen von Christoph Peters, der Dorfroman, der heißt tatsächlich als Titel auch Dorfroman und ich glaube, der Erfolg oder warum dieses Genre so ergiebig ist, hat mit etwas zu tun, das ich jetzt selber von mir kenne.“
Im Kontext der Provinzliteratur-Diskussion nennt Mangold Christoph Peters' 'Dorfroman' als jüngstes Beispiel für das Genre. Er nutzt das Buch als Sprungbrett, um zu erklären, warum ihn auf dem Land die Biografien aller Dorfbewohner so faszinieren — eine Neugierde, die er in der Großstadt nicht empfindet.
Unter Leuten
Juli Zeh
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:39:56 „Und dann gibt es natürlich einen sehr schönen Roman von der Juli C., der ein großer Bestseller war und dann auch sehr, sehr gut verfilmt worden ist. Ich glaube, im ZDF war der so vor einem Jahr zu sehen unter Leuten.“
Mangold empfiehlt Juli Zehs Bestseller 'Unter Leuten' als Paradebeispiel für den Dorfroman, in dem er sich selbst wiedererkennt. Das Buch zeige, wie im Dorf die Biografien der Menschen sichtbarer sind und aneinander stoßen, während sie in der Stadt weganonymisiert werden.
Unter Leuten (Verfilmung)
Juli Zeh
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:39:56 „Und dann gibt es natürlich einen sehr schönen Roman von der Juli C., der ein großer Bestseller war und dann auch sehr, sehr gut verfilmt worden ist. Ich glaube, im ZDF war der so vor einem Jahr zu sehen unter Leuten.“
Mangold erwähnt beiläufig die ZDF-Verfilmung von Juli Zehs 'Unter Leuten', die etwa ein Jahr zuvor ausgestrahlt wurde. Die Verfilmung wird als gelungen bezeichnet ('sehr, sehr gut verfilmt'), der Fokus liegt aber auf dem Roman.
DRAMA
Shindy
🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:40:31 „das letzte Album des Gangster-Rappers Shindy. Das ist, hoffentlich sage ich jetzt nichts falsch, vor zwei Jahren erschienen“
Lars analysiert ausführlich Shindys Album als Kunstwerk über die Provinz, das die wirtschaftliche Power von Bietigheim-Bissingen gegenüber Berlin feiert
Drama (Album)
Shindy
🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:41:03 „Und zwar das letzte Album des Gangster-Rappers Shindy. Das ist, hoffentlich sage ich jetzt nichts falsch, vor zwei Jahren erschienen. Und Shindy ist eine interessante Figur. Er gehörte so zu diesem Berliner Bushido-Clan-Umfeld, aber hat schon immer Wert drauf gelegt, sozusagen natürlich damit auch geflext, dass er in Berlin nur im Hotel übernachtet.“
Weisbrod präsentiert Shindys Album als sein 'Provinzkunstwerk' der Gegenwart. Er ist begeistert davon, wie Shindy eine geschlossene Geschichte über seine Herkunft aus Bietigheim-Bissingen erzählt und die wirtschaftliche Power der schwäbischen Provinz gegen das Berliner Gangster-Rap-Klischee ausspielt — ein fast marxistischer Gedanke über den Besitz der Produktionsmittel.
Weeds
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:48:04 „Weeds hieß die, lief in Deutschland auf ProSieben über eine Vorstadtmutter, die irgendwie Gras verkauft oder so. Und es gab aber einen Vorspann, der dieses typisch kalifornische Suburbia, in dem sie lebt, zeigt, von oben so aus Vogelperspektive.“
Weisbrod nennt die Serie 'Weeds' als Quelle seiner Suburbia-Sehnsucht. Obwohl die Serie das amerikanische Vorstadtleben als Dystopie inszeniert, gesteht er, dass er sich nachts auf YouTube nur den Vorspann anschaut, um sich in diese Welt hineinzuträumen. Die Serie dient ihm als Sinnbild für seine unironische Liebe zur Vorstadt.