Endlich wieder Streit über Geschmack
Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Im Mittelpunkt steht Christian Krachts neuer Roman "Eurotrash", der als Werk des "debattenschwersten Autors der deutschen Gegenwartsliteratur" heiß erwartet wurde. Zuvor im Gegenwartscheck: eine spitze Lockdown-Beobachtung über inflationäre Geburtstagsanrufe und eine kleine Kulturgeschichte der Producer Tags im Deutschrap — jene eingesprochenen Produzenten-Signaturen wie "Miksu McCloud, was für ein Beat", mit denen Beatmaker sich ihren Anteil am Aufmerksamkeitskuchen sichern.
„Ich habe noch nie so viele Geburtstagsanrufe bekommen wie in diesem Jahr. Und ich glaube, das hängt nicht damit zusammen, dass die emotionale Bindung zu meinen Freunden noch intensiver geworden ist, sondern dass sie halt alle Zeit haben, weil sie im Lockdown sitzen.“
Erwähnte Medien (13)
Eurotrash
Christian Kracht
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:00:59 „Es geht um Christian Krach, dessen neuer Roman Eurotrash am vergangenen Donnerstag erschienen ist. Und alles Weitere gibt es gleich nach dem Gegenwartscheck.“
Eurotrash ist das Hauptthema dieser Podcast-Folge. Ijoma Mangold kündigt das Buch als das heiß erwartete Werk des 'debattenschwersten Autors der deutschen Gegenwartsliteratur' an. Die eigentliche Besprechung folgt nach dem Gegenwartscheck-Segment.
Sex and the City
Darren Star
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:06:22 „Jaja, das hatten wir doch auch in der Sex and the City-Folge, ich weiß nicht, ob wir... Ja, das stimmt, du hast es gesagt, dass du, wenn du das HBO, wie nennt man das, Rauschen, oder es ist ja eher so ein akustisches... kein Geräusch, aber ein akustischer Effekt, dass der bei dir schon ganz viel Reminiszenzen auslöst.“
Ijoma Mangold verweist auf eine frühere Podcast-Folge über Sex and the City, in der Lars über das charakteristische HBO-Jingle gesprochen hat. Der Verweis dient als Parallele zum Phänomen der Producer Tags im Rap – akustische Markenzeichen, die Vorfreude und Wiedererkennung auslösen.
Artikel über Deutschland-Diskurs in der Süddeutschen Zeitung
Peter Richter
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:08:28 „Der Peter Richter hatte kürzlich in einem hübschen Artikel in der Süddeutschen Zeitung von einer Szene geschrieben“
Artikel über das veränderte internationale Bild von Deutschland und deutscher Effizienz
Faserland
Christian Kracht
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:28:16 „Noch viel mehr gleich auf der ersten Seite erzählt er sein Zürich, wo er Faserland endet. Und er erinnert sich, dass vor 25 Jahren, vor einem Vierteljahrhundert, schreibt er eine Geschichte geschrieben, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun leider nicht mehr einfällt, Faserland genannt hatte.“
Faserland (1995) ist der Debütroman von Christian Kracht und wird als Vorgängerwerk zu Eurotrash ausführlich besprochen. Beide Kritiker erinnern sich an ihre Erstlektüre: Mangold las es als Student in München und war fasziniert vom provokativen Snobismus; Weisbrod las es mit 15 und war verstört von der Szene, in der ein Sozialdemokrat als ausländerfeindlich beschrieben wird.
Es reitet der Tod
Wilhelm Petersen
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:29:27 „Ein SS-Maler, Petersen, Wilhelm Petersen, ein Gemälde von dem in seinem Arbeitszimmer in Kampen auf Sylt hängen hatte, das hieß Es reitet der Tod.“
Mangold beschreibt die Familiengeschichte des Eurotrash-Erzählers: Der Großvater mütterlicherseits war in der SS und hatte ein Gemälde des SS-Malers Wilhelm Petersen in seinem Arbeitszimmer hängen. Das Bild symbolisiert die NS-Verstrickung der Familie.
Faserland
Christian Kracht
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:32:19 „Der neue Roman von Christian Kracht wurde bereits vom Verlag angekündigt als irgendwie eine Fortsetzung von Faserland.“
Vorgängerroman von Christian Kracht aus dem Jahr 1995, der als Referenzwerk ausführlich besprochen wird
Imperium
Christian Kracht
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:32:48 „Ich muss einen kleinen Disclaimer machen. Ich habe tatsächlich bis heute das Buch Imperium von ihm nicht gelesen, die anderen schon. Falls du mir das gleich vorwirfst, dass ich das nicht gelesen habe und deswegen das alles nicht verstehe.“
Weisbrod gibt zu, dass er Imperium als einzigen Kracht-Roman nicht gelesen hat. Mangold erwähnt später, dass nach Erscheinen von Imperium der Spiegel Kracht als 'Türsteher rechten Denkens' bezeichnete, was die kontroverse Rezeptionsgeschichte des Autors verdeutlicht.
Ich werde hier sein im Sonnenlicht und im Schatten
Christian Kracht
🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:44:02 „Dann kam raus dieser für mich ja ganz besondere Roman, der kracht so auszeichnet, dass er auch sowas geschrieben hat. Im Sonnenschein und im Schatten. Den du als Vertreter des deutschen Literaturbetriebs Establishments natürlich in deiner Rezension auch ignoriert hast.“
Weisbrod verteidigt sich gegen den Vorwurf, er stehe nur auf Realismus, indem er diesen alternate-history-Roman als seinen besonderen Kracht-Favoriten nennt. Er erzählt, wie eine Frau, in die er verliebt war, ihm nach einer Lesung einen Satz daraus schickte und ihn damit wieder zum Kracht-Fan machte. Mangold räumt ein, dass die Literaturkritik mit fantastischer Literatur Schwierigkeiten hat.
1979
Christian Kracht
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:44:20 „Und habe zum Beispiel 1979 gar nicht gelesen, als es rauskam.“
Roman von Christian Kracht, den Lars zunächst nicht gelesen hatte, aber später als großartig empfand
1979
Christian Kracht
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:45:24 „Dann habe ich 1979 irgendwann gelesen und das Buch ist natürlich der reine Wahnsinn. Also wenn man irgendwas wissen will darüber, wie das 20., das 21. Jahrhundert funktioniert, muss man dieses Buch lesen.“
Weisbrod beschreibt 1979 als 'reinen Wahnsinn' und essenzielle Lektüre zum Verständnis des 20. und 21. Jahrhunderts. Mangold ergänzt später, man könne den Roman als Verklärung der Abdankung des westlichen Individualismus lesen, in dem ein Schnösel sich freiwillig in ein chinesisches Straflager begibt.
Die Toten
Christian Kracht
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:50:15 „Diese Faszination, die Christian Kracht dann tatsächlich ja für viele Positionen der Gegenmoderne hat, das spielt er auch in Die Toten ganz grandios durch, der führte immer wieder zu diesem Verdacht, ob wir es da in einem weitesten Sinne irgendwie rechtslastigen Autor zu tun hätten.“
Mangold erwähnt Die Toten im Kontext der Kracht-Debatte über dessen angebliche Rechtslastigkeit. Der Roman wird als Beispiel dafür angeführt, wie Kracht seine Faszination für Positionen der Gegenmoderne literarisch durchspielt.
Philosophische Untersuchungen
Ludwig Wittgenstein
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 01:07:51 „Wir haben es schon mehrmals Wittgenstein genannt, es ist wie bei Wittgenstein der Hase und die Ente. Dieses Bild, wo man manchmal einen Hasen sieht und manchmal eine Ente.“
Weisbrod greift auf Wittgensteins berühmtes Hasen-Enten-Kippbild zurück, um das ästhetische Problem bei Kracht zu beschreiben: Je nach Blickwinkel wirkt ein preziöses Bild entweder als bewusste Ironie oder als schlechtes Schreiben – und es gibt keine stabile Entscheidung zwischen beiden Lesarten.
Das Literarische Quartett
Marcel Reich-Ranicki
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:09:15 „Schau mal, wie oft im literarischen Quartett seligen Angedenkens, als Reich Ranitzky es noch leitet, wie oft kam das zu der Situation, wo, was weiß ich, meistens Sigrid Löffler sagte, ja, dieser Roman ist ein Roman über die Langeweile. Und dann hat sich Reich Ranitzky erregt, aber auch ein Roman über die Langeweile darf selber nicht langweilig sein.“
Mangold verweist auf das Literarische Quartett unter Reich-Ranicki, um zu illustrieren, dass der Streit über ironisch-bewusst schlechte vs. tatsächlich schlechte Literatur eine alte Aporie des Literaturdiskurses ist. Die Sendung dient als historisches Beispiel für genau diese wiederkehrende Debatte.