Gute Grenzen schlechte Grenzen
Markus Lanz & Richard David Precht
Anlässlich des Tags der Deutschen Einheit geht es um die Paradoxie der Grenzen: Während der Mauerfall und das Schengen-Abkommen von 1995 das Versprechen eines grenzenlosen Europas einlösten, wurden weltweit seit dem Ende des Kalten Krieges mehr Mauern und Zäune errichtet als je zuvor. Mindestens 65 Länder — mehr als ein Drittel aller Staaten — haben neue Barrieren an ihren Grenzen gebaut, ein Trend, den der bulgarische Politologe Ivan Krastev in seinem Buch „Das Licht, das Erlosch
„Überall auf der Welt sind im 21. Jahrhundert tausende Kilometer an neuen Mauern und Zäunen entstanden. Mindestens 65 Länder, also mehr als ein Drittel aller Staaten der Welt, haben neue Barrieren an ihren Grenzen errichtet.“
Erwähnte Medien (8)
Das Licht, das erlosch
Ivan Krastev
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:03:29 „Ich weiß, dass Ivan Krastev, den du ja schon mehrfach zum Interview getroffen hast, der bulgarische Politologe, der in Wien lehrt, glaube ich, der hat schon in diesem berühmten Buch, Das Licht, das Erlosch, und da ist mir das erste Mal so richtig aufgegangen, darüber geschrieben, dass wir eigentlich seit dem Mauerfall, seit der Wiedervereinigung, seit dieser sehr optimistischen Art und Weise, die Welt zu sehen, seitdem haben wir eigentlich immer mehr Grenzen aufgebaut.“
Lanz führt das Buch als Schlüsselwerk ein, das ihm die Augen geöffnet hat: Entgegen dem optimistischen Narrativ nach 1989 – Mauerfall, Schengen, grenzenlose Freiheit – sind weltweit immer mehr Grenzen entstanden. Krastevs These bildet die intellektuelle Grundlage für das gesamte Gespräch über die Paradoxie zwischen dem Versprechen einer grenzenlosen Welt und der Realität tausender neuer Kilometer an Mauern und Zäunen.
Die Bremer Stadtmusikanten
Brüder Grimm
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:06:40 „Und damit sind alle erdenklichen Wege erst in den Köpfen und dann in der Realität geöffnet worden, wie Menschen sich auf die Socken machen können, um irgendwo dahin zu gehen, wo sie, wie die Bremer Stadtmusikanten, ein besseres Leben erwartet.“
Richard David Precht spricht über die Folgen der Globalisierung und der digitalen Kommunikation für Migration. Er vergleicht die Hoffnung von Migranten auf ein besseres Leben in wohlhabenderen Ländern mit dem Märchen der Bremer Stadtmusikanten, die ebenfalls aufbrechen, um anderswo ein besseres Leben zu finden.
Amerika ungeschminkt
Markus Lanz
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:14:08 „auch in der Mediathek zu sehen, Amerika ungeschminkt, wo es insbesondere um genau diese Situation an der Grenze Texas-Renosa geht“
Lanz verweist auf seine eigene Dokumentation über die US-mexikanische Grenze als Beleg dafür, dass Grenzzäune nicht funktionieren
Die verspätete Nation
Helmut Plessner
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:31:09 „Deutschland hat ja nicht im 18. und 19. Jahrhundert wie England und Frankreich einen Nationalstaat errichtet. Das Interessante an Deutschland ist ja, dass es eine wie Helmut Plessner, bedeutender deutscher Philosoph, in einem Buch, was Ende der 50er Jahre in Deutschland erschienen ist, eine verspätete Nation ist.“
Precht erklärt, warum Deutschland eine Sonderrolle in der europäischen Nationalstaatsbildung einnimmt. Er nutzt Plessners Konzept der 'verspäteten Nation', um zu zeigen, dass Deutschland im Gegensatz zu England und Frankreich erst spät einen Nationalstaat gründete und vorher nur ein diffuses Volksgefühl ohne staatliche Struktur existierte. Dieses Argument dient seiner größeren These, dass Nationalstaaten primär als Wirtschaftsräume entstanden und der Abbau von Grenzen Motor des Wohlstands war.
The Great Transformation
Karl Polanyi
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:31:40 „Die Nationalstaaten sind entstanden und da berufe ich mich auf den Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi, also aus Österreich-Ungarn stammend, The Great Transformation von 1944, wo er erzählt, wie der Kapitalismus Stück für Stück Grenzen abgebaut hat.“
Precht stützt seine Argumentation über den Zusammenhang von Kapitalismus und Grenzabbau auf Polanyis Hauptwerk. Er referiert Polanyis These, dass der Kapitalismus einerseits Gemeindeland eingezäunt, aber letztlich eine Dynamik entfaltet hat, die zur Gründung von Nationalstaaten als großen Wirtschaftsräumen führte. Das Buch dient als historische Grundlage für Prechts Warnung, dass der heutige Trend zum Mauerbau wirtschaftlich kontraproduktiv ist.
Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert
Steffen Mau
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:36:19 „Ich glaube von Steffen Mau, der Soziologe, den ich vor einiger Zeit auch mal in der Sendung erleben durfte. Sehr interessanter Mann. Der hat ein tolles Buch zum Thema Grenzen gemacht. Sortiermaschine nennt er die. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert.“
Lanz bringt Steffen Maus Buch als zentralen Beitrag zur Grenzdebatte ein. Maus These, dass moderne Grenzen als 'Sortiermaschinen' fungieren, die Mobilität kontrollieren statt Angreifer abwehren, wird zum Schlüsselbegriff der weiteren Diskussion. Lanz referiert Maus Paradox: Die Globalisierung ermöglicht Privilegierten grenzenlose Mobilität, während sie gleichzeitig neue, raffinierte Grenzformen hervorbringt, die Sozialschwache und Geflüchtete ausbremsen.
Abschottung
Tim Marshall
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:45:01 „Tim Marshall hat das in seinem Buch mal dokumentiert, Abschottung, ist ein sehr interessantes Buch. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben einen Zaun an der Grenze zum Oman. Kuwait hat eine richtig stark gesicherte Grenze zum Irak.“
Lanz zieht Tim Marshalls Buch heran, um mit konkreten Beispielen zu belegen, wie viele Grenzanlagen weltweit existieren – von den Emiraten über Usbekistan bis zur indisch-bangladeschischen Grenze. Die Aufzählung soll verdeutlichen, dass trotz massivster Grenzbefestigungen Menschen immer Wege finden, diese zu überwinden, was Prechts These von der Vergeblichkeit des Mauerbaus stützt.
Die Macht der Geographie
Tim Marshall
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:51:23 „Unter anderem einen kleinen Aufsatz mit dem Titel 'Zur Frage der Himmelsrichtungen'. Im Grunde genommen eine kleine Geschichte, die Tim Marshalls Buch über die Macht der Geografie sehr schön vorweg nimmt.“
Precht erwähnt dieses zweite Tim-Marshall-Buch beiläufig als Vergleichspunkt zu Reinhard Lettaus Text. Er stellt fest, dass Lettaus literarischer Aufsatz über Himmelsrichtungen und Identität Marshalls geopolitische Analyse der Rolle von Geographie für nationale Identitäten und Konflikte auf humorvolle Weise vorweggenommen habe.