Der Fall Julian Assange
Markus Lanz & Richard David Precht
Nach der Nawalny-Folge fordern viele Hörer eine Sendung über Julian Assange — die Hosts liefern und sezieren, warum die öffentliche Debatte die beiden Fälle ständig gegeneinander ausspielt: Wer ein positives USA-Bild hat, hält Nawalny für wichtiger; wer die USA kritisch sieht, ruft nach Assange. Dabei verbinde beide derselbe rücksichtslose Mut, sich mit übermächtigen Gegnern anzulegen, obwohl sie genau wussten, was ihnen blüht.
„Kann man nicht anerkennen, dass beide auf ihre Art und Weise ohne Rücksicht auf eigene Verluste den Mut hatten, gegen Herrschende vorzugehen, gegen sehr, sehr mächtige Gegner vorzugehen, von denen sie wussten, wie die mit ihnen umspringen würden?“
Erwähnte Medien (11)
Pentagon Papers
Daniel Ellsberg
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:07:47 „1971 hat Daniel Ellsberg, der im Pentagon arbeitete, Der New York Times und der Washington Post 7000 Seiten illegal kopierte Papiere zur Verfügung gestellt. Über den Vietnamkrieg. Die Pentagon Papers.“
Precht nutzt die Pentagon Papers als historischen Vergleichsfall zu Wikileaks, um die Frage aufzuwerfen, wo der Unterschied zwischen Ellsbergs Heldentat und Assanges Veröffentlichungen liegt
Die Verlegerin
Steven Spielberg
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:09:15 „So wird das heute auch gesehen. 2017 ist der Film Die Verlegerin in die Kinos gekommen mit Meryl Streep. Zwei Oscar-Nominierungen. Ja, super Film. Der das alles berichtet.“
Precht erwähnt den Film als Beleg dafür, dass die Veröffentlichung der Pentagon Papers heute als Heldentat angesehen wird. Er nutzt den Film als Brücke zu seiner Fangfrage an Lanz: Wo liegt der grundsätzliche Unterschied zwischen Ellsbergs Tat und dem, was Assange getan hat?
Bedingt abwehrbereit
Rudolf Augstein
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:12:38 „Rudolf Augstein, der Gründer, Herausgeber des Spiegels. Der hatte also militärische Papiere veröffentlicht, bedingt abwehrbereit, hieß die Geschichte dazu, über die Militärstrategie, deutsche Militärstrategien. Und daraufhin hat der damalige Verteidigungsminister Strauß ihn kurzerhand erstmal einsperren lassen.“
Precht zieht die Spiegel-Affäre von 1962 als weiteres Beispiel heran, um zu argumentieren, dass Assange ein politischer Gefangener ist. Wenn Augstein für die Veröffentlichung geheimer Militärdokumente als politischer Gefangener galt, müsse dasselbe für Assange gelten.
Bedingt abwehrbereit
Rudolf Augstein
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:12:58 „Rudolf Augstein, der damals also geheime militärische Papiere im Spiegel veröffentlicht hat. Muss man einmal kurz erklären. Rudolf Augstein, der Gründer, Herausgeber des Spiegels. Der hatte also militärische Papiere veröffentlicht, bedingt abwehrbereit, hieß die Geschichte dazu“
Precht vergleicht die Spiegel-Affäre von 1962 mit dem Fall Assange als Beispiel für einen politischen Gefangenen wegen journalistischer Veröffentlichungen
Collateral Murder
WikiLeaks
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:14:38 „Wenn wir über Julian Assange reden, dann reden wir vor allen Dingen über Videoaufnahmen, die ihn und Wikileaks weltberühmt gemacht haben. Wir reden über die Aufnahmen, wir haben die alle noch im Kopf, also wenn man einmal darüber liest, dann taucht das sofort wieder auf. Die Aufnahmen dieser Zielkamera, dieses Kampfhubschraubers über Bagdad.“
Lanz beschreibt ausführlich das berühmte WikiLeaks-Video vom 12. Juli 2007, das einen US-Hubschrauberangriff auf Zivilisten in Bagdad zeigt. Er schildert die verstörenden Details — den verletzten Kameramann, die zynischen Kommentare der Soldaten, den beschossenen Kleinbus mit zwei Kindern — als zentrales Dokument der Assange-Debatte.
Apocalypse Now
Francis Ford Coppola
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:15:51 „Irgendwie eine Szene wie aus Apokalypsen. Ja, wirklich. Genau. Genau so muss man sich das vorstellen.“
Lanz vergleicht die verstörenden Hubschrauber-Aufnahmen aus Bagdad mit dem Film Apocalypse Now, um die surreale Brutalität der Szene zu verdeutlichen. Der Vergleich fällt beiläufig, als er die zynischen Kommentare der US-Soldaten beim Beschuss von Zivilisten beschreibt.
Panama Papers
Süddeutsche Zeitung / ICIJ
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:18:14 „Das sind ganz tolle investigative Journalisten, die sich monatelang in irgendwelchen Kellern, wo irgendwelche Server stehen und so weiter, eingraben und dann diese Panama Papers in dem Fall zum Beispiel scannen. Über Monate hinweg.“
Markus Lanz vergleicht die Arbeitsweise von Wikileaks mit der sorgfältigen investigativen Arbeit der Süddeutschen Zeitung bei den Panama Papers. Er betont den Unterschied im Quellenschutz und der redaktionellen Aufbereitung als Argument dafür, warum Assanges Vorgehen nicht als klassischer Journalismus gelten könne.
Schachnovelle
Stefan Zweig
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:30:00 „Und das ist natürlich auch etwas, das bringt dich irgendwann um. Also ich könnte mir nicht vorstellen, so mein Leben irgendwie zu fristen ist. Da denkt jeder an die Schachnovelle.“
Lanz beschreibt die Haftbedingungen von Julian Assange im britischen Hochsicherheitsgefängnis – 23 Stunden Isolationshaft täglich auf engstem Raum. Er zieht spontan die Parallele zu Zweigs Schachnovelle, in der ein Gefangener durch monatelange Isolationshaft in den Wahnsinn getrieben wird. Die Erwähnung unterstreicht seine These, dass solche Haftbedingungen einer Demokratie unwürdig seien.
Schachnovelle
Stefan Zweig
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:30:48 „Da denkt jeder an die Schachnovelle. Also der Kontaktentzug macht wahnsinnig.“
Lanz vergleicht die Isolationshaft von Assange mit der psychischen Zerstörung durch Isolation, wie sie in der Schachnovelle beschrieben wird
Der Mauretanier
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:34:14 „Also ich hatte dir beim letzten Mal erzählt von dem Mauritanier, diese wahre Geschichte von jemandem, der für einen der wichtigen Drahtzieher des 11. September gehalten wurde und dann sehr lange in Guantanamo war.“
Precht verweist auf die Geschichte von Mohamedou Ould Slahi, der unschuldig jahrelang in Guantanamo festgehalten wurde – bekannt durch den Film 'The Mauritanian' (2021) bzw. das zugrundeliegende Buch. Er nutzt den Fall als Gegenargument zu Lanz' Einschätzung, dass die USA im Fall Assange letztlich fair handeln würden: Selbst Obama habe Slahis Freilassung trotz erwiesener Unschuld jahrelang verzögert.
Ein verheißenes Land
Barack Obama
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:38:40 „Ich weiß, wie, das habe ich damals in der Beschäftigung mit der Biografie von Obama, da geht es nämlich auch darum. Und man ist ja irritiert und sagt, warte mal, so einer wie Obama, Friedensnobelpreisträger, von dem viele sagen, der gehört ja zu den Guten. Der ist da sehr hart in dieser Sache.“
Lanz erwähnt seine frühere Beschäftigung mit einer Obama-Biografie, in der auch dessen harte Haltung gegenüber Whistleblowern thematisiert wird. Er zeigt sich überrascht, dass ausgerechnet Obama als Friedensnobelpreisträger in Sachen Assange und Whistleblowing so unnachgiebig war. Der genaue Titel der Biografie wird nicht genannt – es könnte Obamas eigene Memoiren oder eine Fremdbiografie sein.