Ausgabe Einundneunzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Eine Katze, die Thunfisch bestellen will, wird zum Ausgangspunkt für ein Gespräch über das Wunder der menschlichen Sprache. Über Wittgensteins Erkenntnis, dass erst das Wort *Hoffen* dem Kind das Hoffen ermöglicht, bis zu Mark Twains Spott über die deutsche Sprache, die nur Tote Zeit hätten zu lernen — die Episode kreist um die Frage, wie Sprache nicht nur unsere äußere, sondern auch unsere innere Welt überhaupt erst erschafft.
„Es gibt kein Hoffen in dem Sinne. Es gibt aber das Wort Hoffen. Und wenn das Kind das Wort Hoffen zum ersten Mal verstanden hat und selbst benutzt, dann geht es von nun an davon aus, dass es hofft.“
Erwähnte Medien (11)
Philosophische Untersuchungen
Ludwig Wittgenstein
🗣 Richard David Precht zitiert daraus bei ⏱ 00:02:00 „Es gibt eine ganz tolle Beobachtung von Wittgenstein aus seinem Spätwerk. Und da geht es um das Wort Hoffen. Und er sagt, Hoffen ist nicht etwas, was ein Kind in sich vorfindet.“
Precht nutzt Wittgensteins Spätwerk, um zu illustrieren, wie Sprache unsere innere Welt formt. Das Beispiel des Wortes 'Hoffen' zeigt, dass bestimmte Gefühlszustände erst durch Sprache greifbar werden — keine Biologie, sondern ein sprachliches Konstrukt.
Deutsch – Eine Liebeserklärung
Roland Kaehlbrandt
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:07:06 „Und ich habe dieser Tage über ein wunderbares Buch gelesen von Roland Kählbrandt, den du wahrscheinlich kennst, Sprachwissenschaftler, der einen Bestseller gemacht hat über Deutsch, eine Liebeserklärung. Und sozusagen davon schwärmt, wie schön diese deutsche Sprache ist und wie vielfältig sie ist.“
Lanz stellt das Buch als zentrale Inspiration für das Gespräch vor. Er nutzt daraus das Beispiel, dass ein einfacher deutscher Satz je nach Betonung völlig unterschiedliche Bedeutungen bekommt, um den Reichtum der deutschen Sprache zu demonstrieren. Das Buch liefert auch die Beobachtung, dass 13 von 100 gesprochenen deutschen Wörtern Höflichkeitspartikel sind.
Eine kurze Geschichte der Menschheit
Yuval Noah Harari
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:24:57 „Also ich würde jetzt zurückgehen, Harari, 6 Millionen Jahre. Stell dir vor, also am allernächsten stehen uns ja, du bist der Zoologe von uns beiden, Schimpansen.“
Lanz referenziert Harari beiläufig, als er die Zeitskala von sechs Millionen Jahren einführt, um über den gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Schimpansen zu sprechen. Die Erwähnung dient als gedanklicher Rahmen für die Diskussion über den Ursprung der Sprache.
Homo Ludens
Johan Huizinga
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:30:55 „Homo ludens, der spielende Mensch. Ja, absolut.“
Im Gespräch über den Ursprung der Sprache diskutieren Lanz und Precht die These, dass Sprache und Musik nicht aus funktionalem Nutzen entstanden sind, sondern aus spielerischer Verspieltheit. Lanz greift das Konzept des 'Homo ludens' auf, das auf Huizingas gleichnamiges Werk zurückgeht, um die Idee zu unterstreichen, dass der spielende Mensch eine zentrale Rolle in der kulturellen Evolution hatte.
Sapiens: A Brief History of Humankind
Yuval Noah Harari
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:38:58 „Harari schreibt das auch so herrlich und sagt, also die Vorstellung, der ist ja Historiker, Geschichtsprofessor in Jerusalem, soweit ich weiß, die Vorstellung, dass Geschichtsprofessoren zusammensitzen in der Kantine und lauter geistig hochtrabendes Zeug und philosophische Dinge und hochintellektuelles Zeug austauschen, ist natürlich Quatsch. Sondern die reden darüber, wer mit wem und was wann und wo und einfach richtig Klatsch und Tratsch.“
Hararis These über den Ursprung der Sprache zieht sich als roter Faden durch diesen Gesprächsabschnitt. Lanz und Precht diskutieren seine Idee, dass Sprache sich primär für Klatsch und Tratsch entwickelt hat – nicht für funktionale Zwecke wie Jagdkoordination. Hararis Argument, dass nur der Mensch über Dinge sprechen kann, die nicht existieren, wird ausführlich zitiert und als Schlüsselunterschied zum Tier herausgearbeitet.
Stopping by Woods on a Snowy Evening
Robert Frost
🗣 Richard David Precht empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:47:55 „Es gibt ein Gedicht von Robert Frost. 'Das Wald ist dunkel, zieht mich an, doch muss ich zum Versprechen stehen und Meilen gehen, bevor ich schlafen kann.' Das ist zum Beispiel was, was mir immer, wenn ich durch den dunklen Tann gehe, einfällt. Und die letzte Stufe vor dem An-Nichts-Denken, das ist für mich immer dieses Robert-Frost-Gedicht.“
Precht wird nach seinen Lieblingstexten gefragt und nennt dieses Gedicht als persönlichen Begleiter bei Naturerlebnissen. Er zitiert sowohl die deutsche Übersetzung als auch das englische Original und lobt besonders die Übersetzungsleistung, die aus zwei Paarreimen einen umschließenden Reim gemacht hat, um das gleiche Gefühl zu transportieren.
Wolgalied
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:49:57 „Und das waren diese Männer, die ihre Gefühle nicht gezeigt haben. Aber wenn man denen dann das Volga-Lied vorgespielt hat oder so, dann schossen ihnen die Tränen in den Augen. Und das Volga-Lied ist natürlich eine Fiktion.“
Precht nutzt das Wolgalied als Beispiel dafür, wie Fiktion stärkere Emotionen auslösen kann als reale Erlebnisse. Kriegsveteranen, die bei echten Erinnerungen an gefallene Kameraden keine Tränen zeigten, weinten beim Hören dieses Liedes – ein Beleg für Hararis These, dass fiktive Erzählungen den Menschen stärker bewegen als die Realität.
Anleitung zum Unglücklichsein
Paul Watzlawick
🗣 Richard David Precht empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:54:21 „Du kennst deine Buchanleitung zum Unglücklichsein? Ja, war damals ein ziemlicher Bestes. Er hat viel Witz. Er hat es geschafft, Philosophie mit einer ganz großen Leichtigkeit und Sicherheit und Präzision miteinander zu kombinieren.“
Nachdem Lanz Paul Watzlawick und seine Kommunikationstheorien vorgestellt hat, kommt Precht auf dieses Buch zu sprechen. Er lobt Watzlawicks Fähigkeit, Philosophie mit Witz und Leichtigkeit zu verbinden, und sieht darin eine typisch österreichische Begabung, die er mit Robert Musil vergleicht.
Der Mann ohne Eigenschaften
Robert Musil · 1930
🗣 Richard David Precht empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:54:42 „Weil mein absoluter Lieblingsschriftsteller Robert Musil genau die gleiche Kunst beherrscht hat. Mann ohne Eigenschaften? Ja, also das ist ein wahnsinnig tiefgründiges Buch. Aber jeder einzelne Satz für sich genommen hat eine gewisse Leichtfüßigkeit und immer auch etwas Augenzwinkernes.“
Precht nennt Robert Musil seinen absoluten Lieblingsschriftsteller und zieht eine direkte Linie von Watzlawicks Stil zu Musils Meisterwerk. Er bewundert die Verbindung von Tiefgründigkeit und Leichtigkeit und nutzt das Buch als Beleg für seine These, dass die österreichische Sprache besonders zum Philosophieren geeignet sei.
Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben
Ulrich Roski
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:56:18 „Ja, ich kannte die nur in der Version von Ulrich Roski vorher. Ja, es gibt nämlich ein Lied von Ulrich Roski, so ein Blödelbade der 70er, das exakt denselben Inhalt hat. Und ich weiß bis heute nicht, hat Watzlawick das von Roski oder Roski von Watzlawick?“
Precht merkt an, dass er die Hammer-Geschichte zuerst als Lied von Ulrich Roski kannte, einem Liedermacher der 70er-Jahre. Bei Roski geht es darum, sich eine Flasche Bier zu leihen, aber die Pointe ist dieselbe: Der Nachbar wird in der Vorstellungswelt immer dämonischer. Precht fragt sich, wer die Geschichte von wem übernommen hat.
Planet der Affen
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:58:37 „Ja, vielleicht wird die ganze Zivilisation am Ende nur noch aus einer Welt bestehen, in der sich Realität und Fiktion mit keinem Mittel mehr unterscheiden lassen. Das wäre dann auf dem Planet der Affen quasi das letztmögliche Experiment.“
Im Gespräch über KI-generierte Bilder und die zunehmende Ununterscheidbarkeit von Realität und Fiktion zieht Precht eine dystopische Parallele zu Planet der Affen. Er nutzt die Referenz als Metapher für ein Endstadium der Zivilisation, in dem die Menschheit an ihren eigenen Erfindungen scheitert.