Ausgabe Neunzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Im Mittelpunkt steht Jonas Kratzenberg, ein 22-Jähriger aus Aachen, der seinen fassungslosen Eltern — Ärztin und Polizist, pazifistischer Haushalt — eröffnete, er fahre in die Ukraine zum Kämpfen. Dort schloss er sich internationalen Brigaden an, einer bunt zusammengewürfelten Truppe aus Israelis, Kanadiern, Belarusen und sogar Russen, die für 500 Euro Sold und das Versprechen auf 3000 Euro Frontzulage kämpften — Geld, das wegen grassierender Korruption selten ankam.
„Nichts ist weiter weg von denen als Krieg.“
Erwähnte Medien (7)
Letzte Worte vor der Hinrichtung
Julius Leber
🗣 Markus Lanz zitiert daraus „Julius Leber, der auch berühmter SPD-Mann, der 1945 in Plötzensee hingerichtet worden ist, war einer der Beteiligten am Attentat am 20. Juli von Stauffenberg, und der sagt dann, auch da Gänsehaut, für eine so gute und gerechte Sache ist der Einsatz des eigenen Lebens der angemessene Preis.“
Lanz zitiert die letzten Worte des SPD-Politikers Julius Leber, der als Beteiligter am Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 von der Gestapo verhaftet und 1945 in Plötzensee hingerichtet wurde. Das Zitat reiht sich ein in die Darstellung sozialdemokratischen Heldentums gegen den Nationalsozialismus.
Weiße Raben
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:08:38 „Ich hatte ja damals erzählt von dieser Dokumentation Weiße Raben über den Tschetschenien-Krieg. Und ich habe ja Gott sei Dank solche Dinge nie erlebt, aber in diesem Dokumentarfilm kam das alles so nahe. Diese unglaubliche Verrohung zu der ganz normalen Menschen fähig sind in Kriegssituationen und die Dinge mit einem machen, die man sich bei sich selbst in seinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen kann.“
Im Kontext der Berichte über Kriegsgräuel in der Ukraine erinnert Precht an die Dokumentation 'Weiße Raben' über den Tschetschenien-Krieg. Er nutzt den Film als Beleg dafür, wie normale Menschen im Krieg zu extremer Verrohung fähig sind – ein Phänomen, das sich nun in der Ukraine wiederholt.
Bloodlands
Timothy Snyder
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:19:36 „Ich meine, deswegen sagte ich gerade Bloodlands, Timothy Snyder, der in Yale ja Geschichtsprofessor war oder ist, gibt dieses Buch, du hast das bestimmt gelesen, über diesen Streifen in Osteuropa sozusagen, vom Baltikum über Polen, Belarus bis runter zur Krim. Das ist der Schauplatz im 20. Jahrhundert dieser unvorstellbaren Gewalt.“
Lanz verweist auf Timothy Snyders Standardwerk 'Bloodlands', um die historische Dimension der Gewalt in Osteuropa einzuordnen. Der Streifen zwischen Baltikum und Schwarzem Meer war im 20. Jahrhundert Schauplatz extremer Gewalt sowohl durch Deutsche als auch durch Russen – ein Kontext, der die heutige Angst der baltischen Staaten und Polens vor Russland erklärt.
Rede über den Nationalsozialismus (1932)
Kurt Schumacher
🗣 Markus Lanz zitiert daraus bei ⏱ 00:33:29 „Von Kurt Schumacher gibt es einen großartigen Satz. Wenn wir irgendetwas beim Nationalsozialismus anerkennen, dann ist es die Tatsache, dass ihm zum ersten Mal in der Politik die restlose Mobilisierung menschlicher Dummheit gelungen ist.“
Lanz zitiert Kurt Schumachers berühmten Satz über den Nationalsozialismus als Beispiel dafür, dass man die Geschichte der SPD an prägnanten Sätzen ihrer Protagonisten erzählen kann. Schumacher war der erste SPD-Vorsitzende in der Bundesrepublik und berühmter Gegenspieler Adenauers.
Artikel über Politik als Serviceleistung
Bernd Ulrich
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:41:55 „Bernd Ulrich von der Zeit hat einen ähnlichen Gedanken dieser Tage geschrieben, den ich super finde. Irgendwie, schreibt er, ist in Deutschland der Gedanke abhandengekommen, dass Politik nicht nur darin besteht, den Willen des Volkes in Umfragen zu erahnen und dann gleich einer Servicekraft umzusetzen.“
Lanz zitiert einen aktuellen Artikel von Bernd Ulrich in der ZEIT, der die These vertritt, dass Politik nicht bloß darin bestehen sollte, Umfragewerte umzusetzen wie eine Servicekraft. Lanz nutzt das Zitat, um Prechts frühere Beobachtung über den 'Staat als Dienstleister' zu untermauern und die Diskussion über Robert Habecks Klimapolitik einzuordnen.
Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft
Helmut Schelsky
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:45:45 „Ich denke, dass wir der Sozialdemokratie die Mittelstandsgesellschaft verdanken. Diese berühmte nivellierte Mittelstandsgesellschaft, wie der Soziologe Schelsky das in den 60er Jahren genannt hat.“
Precht verweist auf Helmut Schelskys soziologisches Konzept der 'nivellierten Mittelstandsgesellschaft' aus den 1960er Jahren, um die zentrale Errungenschaft der SPD zu beschreiben: eine Gesellschaft, in der die Mittelschicht die breiteste Bevölkerungsschicht bildet – im Gegensatz etwa zu England, wo die Labour Party dies nicht erreicht habe.
Dokumentationen über Willy Brandt
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:48:42 „Wenn es um die Person geht, Willy Brandt, und ich habe viele Dokumentationen über Brandt gesehen, habe ich kein so positives Urteil, wie das allgemeine Image von Brandt ist.“
Precht erwähnt, dass er viele Dokumentationen über Willy Brandt gesehen hat, die sein differenzierteres Bild des Kanzlers geprägt haben. Er nutzt dies als Grundlage für seine These, dass Brandt nicht der durchgängige Gesinnungsmoralist war, als der er oft dargestellt wird, sondern ein chamäleonhafter Instinktpolitiker.