Ausgabe Fuenfundsiebzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Die Episode dreht sich um den Hype um Künstliche Intelligenz und ChatGPT, den Lanz und Precht mit historischen Technologie-Revolutionen vergleichen: Edisons Glühbirne brauchte 40 Jahre, bis die Elektrifizierung wirklich durchschlug, und der Neue Markt um 2000 ließ alle an schnellen Reichtum glauben — bis die Blase platzte und das Internet erst danach seine wahre Macht entfaltete. Mit Anekdoten über EMTV, die Haffa-Brüder und Thomas Middelhoffs verpasste Chance mit Jeff Bezos zeichnen sie das Muster nach, das sich bei jeder großen Innovation wiederholt.
„Mit Produkten, die es gar nicht gibt, unendlich reich werden.“
Erwähnte Medien (11)
Die Biene Maja
Waldemar Bonsels
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:03:01 „EMTV, um es jetzt mal deutlich zu sagen. Die die Rechte an Biene Maier plötzlich erworben hatten und alle dachten, jetzt werden alle Milliardäre.“
Markus Lanz erzählt als Einleitung zum Thema ChatGPT die Geschichte der Dotcom-Blase und des Neuen Marktes. Er nennt EMTV als Beispiel für die maßlose Überbewertung von Unternehmen, die durch den Erwerb der Rechte an der Zeichentrickserie 'Die Biene Maja' berühmt wurden.
Autobiografie / Gefängnisbuch von Thomas Middelhoff
Thomas Middelhoff
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:04:16 „Der Thomas Mittelhoff, der dann später im Gefängnis gelandet ist und ein sehr beeindruckendes Buch darüber gemacht hat.“
Lanz erzählt die Geschichte, wie Jeff Bezos bei Bertelsmann vorstellig wurde und abgelehnt wurde. Dabei erwähnt er den damaligen Bertelsmann-Vorstandsvorsitzenden Thomas Middelhoff und dessen Buch über seine Gefängniszeit, das er als beeindruckend bezeichnet.
Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens
Richard David Precht
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:10:47 „Also die gleiche Diskussion, als ich das Buch über künstliche Intelligenz geschrieben habe. Also vor drei, vier Jahren. Das Buch schrieb künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens. Da gab es Chat-GPT in dieser Form noch nicht, aber Watson.“
Precht verweist auf sein eigenes Buch, in dem er bereits vor Jahren die Frage behandelt hat, ob KI Juristen ersetzen wird. Er zieht eine Parallele zwischen der damaligen Diskussion um IBM Watson und der aktuellen Debatte um ChatGPT und argumentiert, dass die prophezeiten Umwälzungen bisher nicht eingetreten sind.
Unbekannter Bestseller über die dunkle Seite der Digitalisierung
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:16:30 „Vor einigen Jahren gab es einen interessanten Bestseller über die Digitalisierung, der genau von dieser Dark Side handelte. Dass wir nicht mehr verstehen, was wir tun und dass wir so abhängig sind. Und wenn wir irgendwann, wie gesagt, der Strom ausfällt oder irgendein Virus das alles kaputt macht, dann kapieren wir die Welt nicht mehr.“
Precht diskutiert die Gefahr, dass wir die Kontrolle über unsere eigenen technischen Systeme verlieren könnten — etwa wenn bei Amazon im Lager die Computer ausfallen. Er verweist auf einen nicht namentlich genannten Bestseller, der genau dieses Szenario der digitalen Abhängigkeit thematisiert.
Brief an Mark über KI-generierte Songs
Nick Cave
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:29:49 „Nick Cave, ein großer Songwriter, der unglaublich schöne Texte, gute Gedanken, wahnsinnig kluger Mensch. Der hat neulich einem jungen Mann zurückgeschrieben, einem gewissen Mark, der ihm mal wieder berichtet, er kriegt seit der Einführung im November letzten Jahres die ganze Zeit von Leuten Songs geschickt, die im Stile von Nick Cave erstellt sind. Und er schreibt ihm dann, lieber Marc, sei mir bitte nicht böse, dieses Lied ist wirklich scheiße.“
Lanz erzählt ausführlich von Nick Caves öffentlichem Antwortbrief an einen Fan, der ihm KI-generierte Songs im Stil von Nick Cave geschickt hatte. Cave beschreibt darin Kreativität als 'Akt des Selbstmords, der alles zerstört, was man in der Vergangenheit produziert hat'. Lanz nutzt den Brief als starkes Argument dafür, dass echte Kunst durch KI nicht bedroht ist.
Philosophiegeschichte
Richard David Precht
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:32:02 „Ich schreibe gerade den vierten Band meiner Philosophiegeschichte zu Ende. Ich beginne ja all meine Bände mit einer Bildbeschreibung. In diesem Fall mit einem Werk der klassischen Moderne, was also jeder, der sich für Kunst interessiert, kennt.“
Precht erwähnt beiläufig, dass er gerade den vierten Band seiner mehrbändigen Philosophiegeschichte fertigschreibt. Er nutzt dies als Überleitung, um über Picassos Demoiselles d'Avignon als Beispiel für radikale Kreativität zu sprechen, die KI nicht leisten könne.
Spiegel-Online-Kolumne über ChatGPT
Sascha Lobo
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:42:52 „Es gibt dieses schöne Beispiel Sascha Lobo, schöne Grüße, den ich sehr schätze, hat das in seiner Kolumne dieser Woche beschrieben. Er sagte, die Frage, ob Donald Trump wiedergewählt werden sollte, hat die Maschine gesagt, Donald Trump ist nicht berechtigt, jetzt nochmal anzutreten, weil er schon zweimal Präsident war.“
Lanz zitiert aus Sascha Lobos aktueller Kolumne, in der dieser amüsante Fehler von ChatGPT dokumentiert. Neben dem Trump-Beispiel nennt Lanz auch die absurde Behauptung der KI, Elefanten würden Eier legen. Die Kolumne dient als Beleg dafür, dass ChatGPT trotz überzeugender Darstellung faktischen Unsinn produziert.
Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?
Richard David Precht
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:43:51 „Weißt du, was Chat-GPT sagt, wenn man fragt, wie heißt das letzte Buch von Richard David Precht? Das letzte Buch von Richard David Precht heißt Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Und wurde im Jahre 2017 veröffentlicht.“
Lanz demonstriert die Fehleranfälligkeit von ChatGPT, indem er dessen Antwort auf die Frage nach Prechts letztem Buch vorliest. Die Maschine nennt fälschlicherweise dieses Buch als sein letztes, datiert es auf 2017 statt 2007, und beschreibt den Inhalt falsch. Precht korrigiert amüsiert, dass es sein fünftes von zwanzig Büchern war.
Principia Ethica
George Edward Moore
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:46:24 „Also da müssen Leute, die Chat-GPT programmiert haben, gute Kenner der analytischen Philosophie gewesen sein. Es ist nämlich eine wichtige Erkenntnis, der analytische Philosophie geht zurück auf die Prinzipia Ethica von Moore aus dem Jahr 1903, dass Gut keine natürliche Eigenschaft von Dingen ist.“
Als ChatGPT antwortet, dass die Qualität eines Podcasts subjektiv sei, erkennt Precht darin eine zentrale Erkenntnis der analytischen Philosophie. Er verweist auf Moores Principia Ethica von 1903, wonach 'gut' keine natürliche Eigenschaft von Dingen ist, sondern eine persönliche Bewertung – und lobt ironisch die philosophische Bildung der ChatGPT-Programmierer.
On Bullshit
Harry Frankfurt
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:47:19 „Aber die Definition von Bullshit ist ja nicht, dass es einfach nur Quatsch ist. Die klassische Definition von Bullshit, so wie man es eigentlich versteht, ist ja, dass du etwas mit unglaublicher Überzeugungskraft vorträgst und es ist trotzdem Mist.“
Markus Lanz beschreibt, wie ChatGPT falsche Antworten mit großer Überzeugungskraft vorträgt. Er verweist dabei auf die 'klassische Definition von Bullshit', die der Kernthese von Harry Frankfurts berühmtem philosophischen Essay 'On Bullshit' (2005) entspricht: Bullshit zeichnet sich nicht durch Falschheit aus, sondern durch Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit bei gleichzeitiger Überzeugungskraft.
Artikel über KI-Herausforderungen für Juristen
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:58:52 „Ich habe neulich einen interessanten Text darüber gelesen, vor welche Herausforderungen das Juristen stellt. Der Albtraum von Juristen ist ja, wenn sie Dinge nicht mehr begründen können.“
Lanz und Precht diskutieren über die Auswirkungen von KI auf verschiedene Berufsfelder. Lanz erwähnt einen kürzlich gelesenen Text, der beschreibt, wie KI die juristische Arbeit verändert – insbesondere das Problem, dass KI zwar zu Ergebnissen kommt, aber die für Juristen zentrale Begründungsarbeit nicht transparent leisten kann.