Ausgabe Vierundsechzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Von Adventserinnerungen und Ovomaltine schwenkt das Gespräch zum Vorlesen — und warum das eigene Kopfkino jedem Film überlegen ist. Dann wird es politisch: Die Fußball-WM in Katar, Gianni Infantinos bizarre Auftritte und der Ärger darüber, dass die Empörung erst kam, als sie nichts mehr nützte. Die Frage steht im Raum, warum nicht einfach fünf große Fußballnationen gesagt haben: Wir fahren nicht.
„Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn.“
Erwähnte Medien (10)
DFB-Karikatur (Mauer ohne Eier)
Martin Sonneborn / Die Partei
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:06:23 „Martin Sonneborn, hast du gesehen? Die Karikatur, das war großartig. So eine Mauer. Eine deutsche Mauer, die da steht, auf dem Fußballplatz. Und die Hände aber weg von sensiblen Teilen. Und darunter die Zeile, endlich keine Angst mehr vor dem Freistoß und darunter DFB-Team spielt jetzt ohne Eier.“
Im Kontext der Diskussion über die FIFA-WM in Katar und das Einknicken des DFB bei der One-Love-Binde erwähnt Lanz eine satirische Karikatur von Martin Sonneborns Partei Die Partei, die das fehlende Rückgrat des DFB verspottet.
The Sun Also Rises / A Moveable Feast
Ernest Hemingway
🗣 Markus Lanz zitiert daraus bei ⏱ 00:08:47 „Da würde ich dir gerne antworten mit einem großartigen Satz, den ich neulich von Hemingway gelesen habe. Der war irgendwann mal pleite. Und dann wurde er in einem Interview gefragt, wie das denn sein kann, dass so ein großer Autor, wie er, der so viele Bücher verkauft, pleite gehen kann. Und Hemingway sagte, first gradually and then suddenly.“
Lanz zitiert Hemingways berühmtes Bonmot 'first gradually and then suddenly' – das ursprünglich aus 'The Sun Also Rises' stammt, wo es um Bankrott geht – und wendet es auf den möglichen Niedergang der FIFA an. Er argumentiert, dass auch scheinbar stabile Institutionen plötzlich zusammenbrechen können, wenn das Image erst einmal ruiniert ist.
Gegenwartsschrumpfung (Konzept)
Hermann Lübbe
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:14:10 „Der Philosoph Hermann Lübbe hat mal das Wort Gegenwartsschrumpfung erfunden. Er hat gesagt, also Gegenwartsschrumpfung kann man daran sehen, wie schnell Wissen veraltet. Und er brachte damals schon in den 90er Jahren das Beispiel, dass in den Biowissenschaften quasi alle sieben Jahre die Erkenntnisse komplett auf den Kopf gestellt werden.“
Im Gespräch über die rasante Veränderung der Welt und die Herausforderung, Jugendlichen noch verlässliches Wissen zu vermitteln, zitiert Precht den Philosophen Hermann Lübbe und dessen Begriff der 'Gegenwartsschrumpfung'. Der Begriff beschreibt, wie schnell Wissen veraltet – ein Gedanke, den Precht auf die heutige Bildungsdebatte überträgt.
Frisch und Stiller / Homo Faber
Max Frisch
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:22:29 „Also es ist ja auch für die Lehrer schade, wenn die Lektüre, die man in der Schule macht, pflichtmäßig vorgeschrieben ist. Im achten Schuljahr macht man das und weiß ich nicht, ob man wahrscheinlich immer noch Kleider machen möchte. Ja, und dann Max Frisch haben wir schon mal drüber geredet und das ist alles sozusagen festbestimmt, was man macht.“
Precht diskutiert die starren Lehrpläne an deutschen Schulen und kritisiert, dass Lehrer jedes Jahr die gleichen Pflichtlektüren durchnehmen müssen. Er nennt Max Frisch als typisches Beispiel für einen Autor, dessen Werke fest im Schulkanon verankert sind, und plädiert für mehr Freiheit bei der Lektüreauswahl.
Kleider machen Leute
Gottfried Keller
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:22:40 „Im achten Schuljahr macht man das und weiß ich nicht, ob man wahrscheinlich immer noch Kleider machen möchte. Ja, und dann Max Frisch haben wir schon mal drüber geredet und das ist alles sozusagen festbestimmt, was man macht.“
Precht kritisiert die starren Lehrpläne, in denen Pflichtlektüre für jedes Schuljahr festgelegt ist. Er nennt als Beispiele typische Schullektüren wie Kleider machen Leute und Max Frisch, die Lehrer jedes Jahr aufs Neue durchnehmen müssen, und plädiert für mehr Wahlfreiheit.
The One World Schoolhouse / Khan Academy
Salman Khan
🗣 Richard David Precht empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:24:35 „Ich denke ja zum Beispiel, das ist eine Idee, die ist mir gekommen, als ich Salman Khan gelesen habe. Salman Khan ist ein pakistanischer Unternehmer, der wahnsinnig erfolgreich in den USA war und der kostenlose Lernsoftware für die ganze Welt bereitstellt. Die Khan Akademie heißt das.“
Precht beschreibt, wie ihn die Lektüre von Salman Khans Buch auf die Idee brachte, Digitalisierung für individuelles Lernen einzusetzen. Er schildert begeistert, wie die Khan Academy in Indien Straßenkindern Schulabschlüsse ermöglicht, und leitet daraus sein Konzept für digitalen Mathematikunterricht ab, der individuelle Lerntempos berücksichtigt.
...und ich war nie in der Schule
André Stern
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:34:28 „André Stern, ja. Den habe ich mal getroffen. Das ist einer der faszinierendsten Menschen, den ich je begegnet bin. Der nie eine Schule besucht hat? Der nie in der Schule war, genau. In Paris geboren, ist fast mein Alter. Musiker, Komponist, Autor, kann toll schreiben.“
Lanz erzählt ausführlich von seiner Begegnung mit André Stern, der ohne jede Schulbildung aufwuchs und dennoch ein vielseitig gebildeter Mensch wurde. Stern ist bekannt für sein Buch über seine schulfreie Kindheit, das Lanz hier implizit referenziert, wenn er ihn als Autor beschreibt, der über sein Leben ohne Schule berichtet.
Faust
Johann Wolfgang von Goethe
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:43:52 „Der Faust, das ist jetzt natürlich erst was für Fortgeschrittene. Da ist alles drin. Da geht es um den Kapitalismus, da geht es auf wirklich geistreiche Art und Weise um Religion. Da geht es um Liebe, da geht es um Macht, da geht es um Gut und Böse.“
Precht spricht über projektbezogenes Lernen in Schulen und nennt ein 'Projekt Goethezeit' als Beispiel. Er zeigt am Faust, wie fächerübergreifend man damit arbeiten könnte – von Kapitalismus über Religion bis zu Gut und Böse. Mephisto deutet er als das personifizierte Geld und verknüpft das Werk mit Adam Smiths Kapitalismustheorie.
Der Wohlstand der Nationen
Adam Smith
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:44:36 „Und so erklärt Adam Smith den Kapitalismus. Jeder denkt an sich und nachher ist für alle an alle gedacht. Und es ist eine Auseinandersetzung Goethes mit Adam Smiths Wohlstand der Nationen.“
Im Kontext seiner Faust-Interpretation erklärt Precht, dass Goethes Mephisto als personifiziertes Geld gelesen werden kann – 'die Kraft, die Böses will und Gutes schafft'. Das sei eine literarische Auseinandersetzung mit Adam Smiths ökonomischer Grundthese aus dem Wohlstand der Nationen, wonach individuelles Eigeninteresse letztlich dem Allgemeinwohl dient.
Harry Potter
J.K. Rowling
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:48:06 „Also Slytherin, Gryffindor und so weiter. Also mehr Harry Potter in die Schule. Und dann spielerische Konkurrenz gegeneinander. Nicht unbedingt Besenreiten, aber Theaterwettbewerbe, Kopfrechenwettbewerbe, von mir aus Informatikwettbewerbe.“
Precht beschreibt seine Vision einer Schule, die in Lernhäuser nach dem College-Prinzip unterteilt ist. Als anschauliches Bild für dieses Häuser-System verweist er auf die Hogwarts-Häuser aus Harry Potter – Slytherin, Gryffindor etc. – und fordert spielerische Konkurrenz zwischen den Häusern statt Notentyranei.