Ausgabe Dreiundsechzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Die Folge kreist um das Phänomen medialer Verkürzung: Richard David Precht ärgert sich über eine Agenturmeldung zu seinem Auftritt im Düsseldorfer Ständehaus, die seine differenzierten Aussagen zum Ukraine-Krieg auf eine alte, längst relativierte Position zusammenstutzte — während seine Hinweise auf 200.000 Tote und die Notwendigkeit von Verhandlungen schlicht fehlten. Markus Lanz berichtet von einer ähnlichen Erfahrung nach seinem Gespräch mit der Klima-Aktivistin Carla Rochel von der Letzten Generation, bei dem er ihre apokalyptischen Szenarien hinterfragte und prompt als Klimaleugner abgestempelt wurde.
„Alles das, was ich auch sonst immer gemacht habe, das taucht allerdings alles in der Agenturmeldung dann nicht mehr auf. So arbeiten die einen oder anderen Journalisten in diesem Land.“
Erwähnte Medien (6)
Global 2000
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:07:45 „Gleichzeitig gab es diese Umweltreporte Global 2000, wo erzählt wurde, dass im Jahr 2000 die Welt in fürchterlichen Umständen sein würde und ich gedacht habe, wir müssen, wir müssen, wir müssen, wir müssen. Wir haben keine Millisekunde zu verlieren.“
Precht erinnert sich an seine eigene apokalyptische Jugend in den 1980er Jahren und vergleicht sie mit dem Klimaaktivismus der heutigen Generation. Der Umweltbericht Global 2000 prophezeite damals dramatische Zustände zur Jahrtausendwende und löste bei dem jungen Precht dieselbe Dringlichkeit aus, die heute die Letzte Generation antreibt.
Anna, die Schule und der liebe Gott
Richard David Precht
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:13:07 „So, und da kommen wir jetzt zu der Frage, die dir mal ein ganzes Buch wert war. Ein gutes Buch übrigens über Bildung, wo du in so einer kleinen Szene beschreibst, wie ein Lehrer die Kreativität eines kleinen Mädchens, ein fiktives Beispiel, Anna hast du sie genannt, glaube ich, erstickt.“
Lanz leitet zum Thema Bildung über und verweist auf Prechts Bildungsbuch, in dem die Geschichte eines Mädchens namens Anna erzählt wird, das den lieben Gott malt. Precht nutzt die Anekdote als Ausgangspunkt für seine Kritik am deutschen Schulsystem, das Kreativität unterdrücke und noch immer nach preußisch-militärischem Vorbild organisiert sei.
The Element
Ken Robinson
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:13:31 „Ich übernehme diese Geschichte. Ich übernehme die von Robin, der so der Bildungspapst in England ist. Ich schreibe das auch dazu, dass das sozusagen dessen die Blitzgeschichte ist.“
Precht erklärt, dass die Anna-Geschichte nicht von ihm selbst stammt, sondern von Ken Robinson, den er als 'Bildungspapst in England' bezeichnet. Robinson verwendete diese Anekdote in seinen Werken und Vorträgen zur Kreativität im Bildungssystem. Precht betont, dass er die Quelle in seinem Buch korrekt angegeben hat.
21 Lektionen für das 21. Jahrhundert
Yuval Noah Harari · 2018
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:15:06 „Ich habe vor einiger Zeit mal bei Harari rumgelesen. Und ich weiß noch, der hat sich darüber lustig gemacht und sagte, Schule... Ist ja heute eigentlich immer noch so, mitten in der Stadt steht irgendwo ein großes Gebäude und da drin gibt es ganz viele Räume, die sind im Grunde alle gleich.“
Lanz zitiert Hararis satirische Beschreibung des modernen Schulsystems, um Prechts Bildungskritik zu untermauern. Harari beschreibt die absurde Gleichförmigkeit von Schulgebäuden und Unterricht. Obwohl kein konkreter Buchtitel genannt wird, passt die Passage thematisch zu Hararis Kapitel über Bildung in '21 Lektionen für das 21. Jahrhundert'.
Das Lied von der Glocke
Friedrich Schiller
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:18:49 „Sind wir da, was Schule angeht, darauf vorbereitet? Sind wir vorbereitet, damit umzugehen? Weil die Schule, die wir beide gerade beschreiben, das ist eine Schule, die darauf ausgerichtet ist, einfach Schillers Glocke, Fakten, Zahlen, Daten auswendig lernen. Zu funktionieren.“
Lanz verwendet Schillers Glocke als Sinnbild für das klassische Auswendiglernen im deutschen Schulsystem. Das Gedicht steht stellvertretend für eine überholte Bildungstradition, in der stumpfes Memorieren im Vordergrund stand – im Gegensatz zur heute nötigen Kompetenz, Desinformation von Information zu unterscheiden.
IQB-Bildungstrend
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:26:56 „Ging jetzt um die vierte Klasse konkret, gab es eine neue Untersuchung, einen neuen Report, Riesenaufschrei überall, alle total entsetzt. Viertklässler können nicht mehr richtig rechnen, können nicht mehr richtig lesen. Das Niveau wird ständig und beständig schlechter, sind heute schlechter als vor zehn Jahren.“
Lanz spricht eine aktuelle Bildungsstudie an, die zeigt, dass Viertklässler in Lesen und Rechnen deutlich schlechter abschneiden als noch vor zehn Jahren. Die Studie wird als Beleg dafür herangezogen, dass das deutsche Schulsystem strukturelle Probleme hat – womit Lanz den Bogen zu Prechts grundsätzlicher Bildungskritik schließt.