Ausgabe Achtunddreissig
Markus Lanz & Richard David Precht
In dieser Folge dreht sich alles um den bulgarischen Politologen Ivan Krastev, der kürzlich bei Precht zu Gast war und beide nachhaltig beeindruckt hat. Ausgehend von Krastevs Analyse der paradoxen Weltlage — 70 Grenzzäune trotz Globalisierungsrhetorik — diskutieren sie die Fragilität Europas und Krastevs ungewöhnlich originelle Einschätzung zu Putin, der laut Krastev stets genau sage, was er denke, nur werde er vom Westen chronisch falsch interpretiert.
„Wir hatten ja mal diese Vorstellung, Francis Fukuyama, der hat gesagt, die Geschichte ist zu Ende. Und heute leben wir in einer Welt, in der uns nicht die Stabilität selbstverständlich ist, sondern wir wieder den Sinn für das Fragile bekommen haben.“
Erwähnte Medien (8)
Das Licht, das erlosch
Ivan Krastev
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:00:56 „Ivan Krastev, der bulgarische Politologe, bei dir zu Besuch. Das klingt jetzt so fürchterlich abgehoben und intellektuell, aber der hat ein paar ganz tolle Bücher gemacht. Das Licht, dass er los ist, glaube ich, ist ein berühmtes Buch, wo er beschreibt, ich erinnere noch den Einstieg, wie er einfach mal darauf hinweist und sagt, in welcher Welt wir eigentlich leben.“
Markus Lanz empfiehlt das Buch des bulgarischen Politologen Ivan Krastev, das sich mit der wachsenden Zahl von Grenzanlagen weltweit beschäftigt. Lanz erinnert sich an den Einstieg des Buches, der aufzeigt, wie paradox unsere globalisierte Welt ist: Während wir von Offenheit reden, werden immer mehr Grenzzäune errichtet — von 16 zur Zeit des Mauerfalls auf mittlerweile rund 70.
The End of History and the Last Man
Francis Fukuyama
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:02:02 „Wir hatten ja mal diese Vorstellung, Francis Fukuyama, der hat gesagt, die Geschichte ist zu Ende. Dann hat man gedacht, klar, jetzt haben wir etwas erreicht, was besser ist als alle historischen Gesellschaften. Und weil wir das bessere Modell haben, wird es sich flächendeckend ausbreiten und es wird immer stabil sein.“
Precht verweist auf Fukuyamas berühmte These vom Ende der Geschichte, um zu verdeutlichen, wie naiv die westliche Annahme dauerhafter Stabilität war. Im Kontrast dazu beschreibt er die heutige Welt, in der das Gefühl für die Fragilität Europas zurückgekehrt ist — ein Wandel, den auch Krastev in seinen Analysen betont.
Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die »Endlösung« in Polen
Christopher Browning
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:22:40 „Du weißt, wir haben ja schon öfter über Christopher Browning gesprochen. Ganz normale Männer. Das ist auch ein Buch, das dich, glaube ich, sehr geprägt hat.“
Lanz und Precht diskutieren ausführlich über Christopher Brownings Buch, das die Geschichte des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 im Holocaust dokumentiert. Das Buch ist zentraler Bezugspunkt für ihre Diskussion über das Böse: Wie konnten ganz normale Familienväter — keine SS-Leute, keine ideologisch Indoktrinierten — zu Massenmördern werden? Precht nennt es ein 'sehr intelligentes Buch, aus dem man wirklich viel lernt'.
Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden
Harald Welzer
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:28:45 „mit Harald Welser kann man auch darüber reden, der viel zum Thema Gewalt zum Beispiel auch geforscht hat und der sagt, es gibt dann irgendwann in dem Moment, in dem sozusagen ein Angriff stattfindet, in dem Moment, in dem du attackiert wirst, in dem Moment, in dem neben dir der, mit dem du gestern Abend noch getrunken hast, einfach in die Luft gesprengt wird“
Markus Lanz verweist auf Harald Welzer als Gewaltforscher, dessen Erkenntnisse über Enthemmung und Gewaltspiralen im Krieg er im Gespräch über das Böse heranzieht. Welzers bekanntestes Werk 'Täter' behandelt exakt das Thema der Sendung: wie gewöhnliche Menschen zu Massenmördern werden.
Artikel über einen US-Drohnen-Operator
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:37:06 „Im Zusammenhang mit dem Henry-Nannen-Preis weiß ich, dass dieser Text mal in der erweiterten Auswahl war. Das ist schon einige Jahre her, aber ich weiß welchen tiefen Eindruck der damals auf mich gemacht hat.“
Nachdem Lanz die Geschichte eines US-Drohnen-Operators erzählt hat, der in einem Container in der Wüste per Knopfdruck ein Haus im Irak zerstörte und dabei ein Kind tötete, erinnert Precht sich, dass ein Text über diesen Fall für den Henry-Nannen-Preis nominiert war. Der genaue Titel und Autor werden nicht genannt.
The Trolley Problem
Judith Jarvis Thomson
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:37:35 „Es gibt ja dieses berühmte Beispiel aus der Philosophie, schon aus den 60er Jahren, von Judith Jarvis Thompson. Eine Geschichte, die viele Hörer dieses Podcasts bestimmt kennen. Das ist so eine moralische Dilemma-Frage.“
Precht nutzt Thomsons berühmtes Trolley-Problem, um die sinnlich-affektive Tötungshemmung des Menschen zu erklären: Die meisten Menschen würden einen Weichenhebel umlegen, um fünf statt einem zu retten, aber kaum jemand würde einen Menschen eigenhändig von einer Brücke stoßen. Er überträgt diesen Unterschied auf den Drohnenkrieg – das Töten per Knopfdruck gleicht dem abstrakten Hebel, nicht dem direkten Kontakt.
Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens
Richard David Precht
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:41:13 „Und ich muss sagen, ich habe das in meinem Buch über künstliche Intelligenz versucht auseinanderzunehmen, weil er ist ja jetzt wie ein Befürworter dessen, möglichst viel KI in Kriegsgeräte einzubauen, dass natürlich Kriege, bei denen kein Mensch zu Schaden kommt, ihren Zweck verfehlen.“
Precht verweist auf sein eigenes Buch, in dem er Stuart Russells Idee widerlegt, Kriege könnten durch KI-gesteuerte Kampfroboter ‚menschenlos' geführt werden. Precht argumentiert, dass solche Waffen vor allem gegen Länder ohne vergleichbare Technik eingesetzt würden und Kriege ohne menschliche Opfer ihren Zweck verfehlten.
American Sniper
Clint Eastwood
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:45:11 „Und der beschreibt, wie unfassbar schwer es ihm gefallen ist, dann irgendwann abzudrücken. Konnte es nicht. Filmstoff. Total. War es ja dann auch. American Sniper. Seine Geschichte ist unter anderem als Vorlage benutzt worden für genau diesen Film.“
Lanz erzählt von seiner Begegnung mit dem Scharfschützen Garrett Rappenhagen, der im Irak ein Ziel tagelang beobachtete und durch das Fernrohr dessen Menschlichkeit erkannte – bis er nicht mehr abdrücken konnte. Lanz stellt eine Verbindung zum Film American Sniper her, für den Rappenhagens Geschichte als Vorlage gedient habe.