Ausgabe Vierunddreissig
Markus Lanz & Richard David Precht
Precht hat über Ostern Heidegger gelesen und destilliert daraus zwei Gedanken, die überraschend aktuell sind: Erstens die Idee der Geworfenheit — dass wir immer schon in einer Welt sind, bevor wir über sie nachdenken, was uns fundamental von künstlicher Intelligenz unterscheide. Zweitens Heideggers These, die Technik habe im 20. Jahrhundert die Metaphysik abgelöst und die Welt dabei entzaubert — ein Befund, der angesichts von KI fast prophetisch wirkt.
„Der Zauber ist jetzt die Technik selber, aber über die Technik hinaus bleibt kein Zauber mehr übrig.“
Erwähnte Medien (12)
Sein und Zeit
Martin Heidegger
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:04:14 „Und er hat so getan, als hätte er Sein und Zeit, sein Hauptwerk von 1927, als hätte er das in dieser Hütte verfasst. Ja, muss man sich vorstellen, am Ende auch noch im Winter, so Schnee um Toast, Hütte im Schwarzwald, raues Klima, der Naturbursche mit seiner Strick- und Lotenjacke und so weiter sitzt da und grübelt allein vor sich. Stimmt natürlich alles nicht.“
Precht erzählt, wie Heidegger sich als harter Denker in seiner Schwarzwaldhütte inszenierte, obwohl er sein Hauptwerk 'Sein und Zeit' in Wahrheit im komfortablen Gasthof Bühnerhof geschrieben hat. Die Anekdote dient als Beispiel für Heideggers Selbstinszenierung als philosophischer 'Naturbursche'.
The Revenant
Alejandro González Iñárritu
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:05:32 „Da ging es um den Film The Revenant. Ich weiß nicht, ob du den gesehen hast. Ja, den habe ich gesehen. Das ist ein spektakulär guter Film. Und das ist ja auch der Film, für den er dann den Oscar bekommen hat.“
Lanz zieht eine Parallele zwischen Heideggers Selbstinszenierung in der Schwarzwaldhütte und Leonardo DiCaprios Dreh von 'The Revenant'. Auch dort wurde der Mythos des archaischen Leidens in der Wildnis gepflegt, obwohl direkt um die Ecke ein komfortables Hotel stand.
Freiheit für alle: Das Ende der Arbeit wie wir sie kannten
Richard David Precht
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:07:54 „Ich habe nämlich in deinem Buch über die Arbeit gelesen, Richard. Und muss dir sagen, ich bin ein weiteres Mal wirklich fasziniert davon. Ich habe beim ersten Mal nicht die über 500 Seiten in Gänze geschafft und habe mir jetzt den Rest mal vorgeknöpft.“
Lanz hat über Ostern Prechts umfangreiches Buch über die Zukunft der Arbeit weitergelesen und lobt es ausdrücklich für seine Verständlichkeit und ausbalancierte Argumentation. Das Buch bildet die inhaltliche Grundlage der gesamten Episode, insbesondere das Kapitel über die Revolution der Arbeitswelt und warum KI diesmal tatsächlich Arbeitsplätze vernichten könnte.
Modern Times
Charlie Chaplin
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:12:44 „Auch damals noch, man denke mal an den Chaplin-Film Modern Times, der Mensch ein Rädchen im Getriebe. Aber im Zuge der zweiten industriellen Revolution sinkt das Arbeitsvolumen weiter runter.“
Precht erwähnt Chaplins 'Modern Times' als Sinnbild für die Entmenschlichung der Fließbandarbeit während der zweiten industriellen Revolution. Der Film dient als kulturelle Referenz für die Erfahrung des Menschen als austauschbares Rädchen im industriellen Getriebe.
Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen
Yuval Noah Harari
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:15:00 „Wir haben uns ewig lange darüber unterhalten, wie Menschen ausgebeutet werden, was der Charakter von Arbeit ist und wie man sozusagen die Ungerechtigkeit, die da drin ist, überwinden kann. Aber jetzt wird das ersetzt durch ein völlig neues Gefühl, nämlich nicht mehr das Gefühl ausgebeutet zu werden, sondern das Gefühl überflüssig zu werden. Und das ist viel schlimmer, sagt er, viel, viel schlimmer.“
Markus Lanz bringt Hararis zentrale These ein, dass die Arbeitswelt sich von Ausbeutung zu Überflüssigkeit wandelt. Die Idee der 'nutzlosen Klasse', die durch Automatisierung entsteht, ist ein Kerngedanke aus Hararis Homo Deus. Precht relativiert den Vergleich mit der historischen Ausbeutung.
10xDNA – Das Mindset der Zukunft
Frank Thelen
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:16:56 „Ich erinnere mich an ein wirklich gutes Buch, in dem man so faktisch einfach alles mal nachlesen kann, diesbezüglich was technische und auch digitale Revolution angeht. Ein Buch von Frank Thelen, das ich sehr mag. Da beschreibt er wie dieses Model T von Ford, was die eigentliche Revolution war.“
Lanz empfiehlt ein Buch von Frank Thelen als faktenreiche Quelle zur technischen und digitalen Revolution. Konkret zitiert er daraus die Geschichte von Fords Model T und wie das Fließband den Verkaufspreis von 850 auf 350 Dollar senkte – als Beispiel dafür, wie technische Innovation ganze Gesellschaften umwälzt.
Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens
Harald Welzer
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:19:02 „Harald Welzer ist jemand, den ich auch sehr, sehr schätze und der sich viele Gedanken darüber macht und der in einem seiner letzten Bücher, ich glaube auch in Nachruf auf mich selbst, das ist ein total interessantes Buch.“
Lanz erwähnt Welzers Buch, das nach dessen Herzinfarkt entstand und existenzielle Fragen stellt: Warum laufen wir als Gesellschaft in eine Richtung, ohne sie jemals zu hinterfragen? Lanz zitiert daraus die Frage, was der Mann gedacht hat, der auf den Osterinseln den letzten Baum fällte, und überträgt das auf unseren Umgang mit Ressourcen und Mobilität.
Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen
Jared Diamond
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:20:14 „Die spannende Frage ist übrigens diese Frage, die er da zitiert, die ist ja von Jared Diamond, also diesem großen Kulturanthropologen und Evolutionsbiologen. Und ich habe mit Welser mal darüber diskutiert, schon vor ein paar Jahren.“
Precht ordnet die berühmte Osterinsel-Frage, die Lanz aus Welzers Buch zitiert, ihrem Urheber Jared Diamond zu. Precht diskutiert Diamonds These weiter und argumentiert, die eigentlich spannende Frage sei nicht, was der letzte Baumfäller dachte, sondern wann der richtige Zeitpunkt gewesen wäre aufzuhören – als noch die Hälfte des Waldes stand.
Die Bibel
Martin Luther (Übersetzung)
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:31:29 „All die Berufe, von denen die Bibel nur so wimmelt. Da kommen ja nur kleine Leute vor. Da kommen ja alles arbeitende Leute vor. Da wird ja sogar der Zöllner, dieser verhasste Beruf des Zöllners, der wird auch damit einbezogen.“
Precht verweist auf die Bibel als Beleg dafür, dass das Christentum eine Religion der arbeitenden, einfachen Menschen war. Er hebt hervor, dass in den biblischen Erzählungen durchweg kleine Leute vorkommen – Bauern, Fischer, Handwerker, sogar verachtete Zöllner. Das stützt seine These, dass das Christentum dem Arbeiten erstmals eine positive, würdevolle Bedeutung gab und damit den Grundstein für das abendländische Arbeitsethos legte.
Utilitarianism
John Stuart Mill
🗣 Richard David Precht zitiert daraus bei ⏱ 00:38:41 „Es gibt ja diesen Satz von John Stuart Mill, besser ein unglücklicher Sokrates als ein glückliches Schwein. Und diesen Satz würde ich nie unterschreiben. Und ich kannte den in der viel qualifizierteren Version eines Freundes meiner Familie, der immer gesagt hat, lieber ein glücklicher Fliesenleger als ein unglücklicher Professor.“
Precht zitiert Mills berühmten Satz aus dem Utilitarismus, um ihm zu widersprechen. Im Gespräch über den Wert des Handwerks und die Frage, ob Kinder unbedingt Abitur brauchen, stellt Precht Mills intellektuellen Elitismus die bodenständige Weisheit eines Familienfreundes gegenüber: Glück im Beruf sei wichtiger als akademischer Status. Das Zitat unterstreicht seine Haltung, dass ein zufriedener Handwerker mehr wert ist als ein unglücklicher Akademiker.
Inventing the Future
Dennis Gabor
🗣 Markus Lanz zitiert daraus bei ⏱ 00:48:12 „Du zitierst in deinem Buch auch einen englischen Physiker, Nobelpreisträger, der genau diese Frage stellt und zwar ganz brutal. Was wird aus The Really Definitely Stupid Man? Also was wird aus all den Dummen? Das ist geschrieben in den 50er Jahren.“
Lanz verweist auf ein Zitat des Physik-Nobelpreisträgers Dennis Gabor, das Precht in seinem Buch aufgreift. Gabor stellte bereits in den 1950er Jahren die provokante Frage, was mit jenen Menschen geschieht, die in einer zunehmend automatisierten Welt intellektuell nicht mithalten können. Precht und Lanz nutzen die bewusst brutale Formulierung, um das bis heute ungelöste Problem der Qualifikationslücke zu diskutieren.
Götzen-Dämmerung
Friedrich Nietzsche · 1889
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:58:37 „Nietzsche hat noch gesagt, Ende des 19. Jahrhunderts, kein Mensch sucht das Glück, nur die Engländer. Weil Happiness ist ein wichtiger Begriff in der angelsächsischen Philosophie, im Utilitarismus.“
Precht zitiert Nietzsches berühmten Aphorismus aus den 'Sprüchen und Pfeilen' der Götzen-Dämmerung, um zu illustrieren, dass die Suche nach Glück und Sinn im Leben historisch kein universelles Anliegen war, sondern eine moderne Entwicklung der Sinngesellschaft.