Ausgabe Neunundzwanzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Ausgangspunkt ist das frisch erschienene Buch *Freiheit für alle*, doch die Diskussion kippt schnell ins Grundsätzliche: Der Krieg in der Ukraine zwingt dazu, über Freiheit nicht mehr als Zukunftsversprechen der Digitalisierung nachzudenken, sondern als etwas, das gerade mit Waffengewalt verteidigt werden muss. Die zentrale Frage, inspiriert von Ex-CIA-Chef Leon Panetta, lautet: Gewinnt am Ende die Autokratie oder die Demokratie?
„Und jetzt erleben wir diesen furchtbaren Rückfall im Muster des 20. Jahrhunderts, die eigentlich als Muster noch älter sind.“
Erwähnte Medien (9)
Freiheit für alle: Das Ende der Arbeit wie wir sie kannten
Richard David Precht
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:00:46 „Und dann kam mir dein Buch in den Sinn. Dein Buch, über das wir schon einige Male gesprochen haben, Freiheit für alle. Das ist doch jetzt dieser Tage irgendwie rausgekommen, oder nicht?“
Markus Lanz leitet das Gespräch über Freiheit ein, indem er auf Prechts gerade erschienenes Buch verweist. Das Buch handelt von der Hoffnung, dass Digitalisierung und Robotisierung den Menschen mehr Freiheit bringen – eine These, die angesichts des Ukraine-Kriegs in einem neuen, bedrückenden Licht steht.
Artikel von Leon Panetta über Autokratie vs. Demokratie
Leon Panetta
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:01:39 „Ich habe heute Nacht eben auch einen Artikel von Leon Panetta gelesen, dem ehemaligen CIA-Chef und war ja auch kurz Verteidigungsminister in den USA. Auf jeden Fall der CIA-Chef von Barack Obama, der damals auch an der Aktion in Abu Dhabat beteiligt war, der die eigentlich befähigt hat.“
Markus Lanz beschreibt, dass er nachts einen Artikel des ehemaligen CIA-Chefs Leon Panetta gelesen hat, in dem dieser den Ukraine-Krieg als entscheidenden Kampf zwischen Autokratie und Demokratie einordnet. Panetta sieht darin einen Schlüsselmoment für den weiteren Verlauf des 21. Jahrhunderts.
Politik
Aristoteles
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:05:17 „Also es geht ganz ursprünglich auf Aristoteles zurück. Da fängt das schon an, wo er die Polis beschreibt und die Teilhabe.“
Im Gespräch über die philosophischen Grundlagen des Freiheitsbegriffs verweist Precht auf Aristoteles als Ursprung der Unterscheidung von Freiheitsbegriffen, insbesondere seine Beschreibung der Polis und der politischen Teilhabe, bevor Kant und Isaiah Berlin diese Konzepte weiterentwickelten.
Two Concepts of Liberty
Isaiah Berlin
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:05:33 „Und das ist dann noch berühmter geworden in den Formulierungen des amerikanisch-baltischen Philosophen Isaiah Berlin. Da heißt es negative und positive Freiheit. Die werden oft missverstanden. Beides ist gut.“
Precht erklärt die philosophische Unterscheidung zwischen negativer Freiheit (vom Staat verschont werden) und positiver Freiheit (am Staat mitwirken können). Er führt Isaiah Berlins berühmte Formulierung als Weiterentwicklung von Kants Begriffen an, um zu zeigen, dass beide Freiheitsdimensionen für eine liberale Demokratie unverzichtbar sind.
Putins Fernsehansprache vor der Invasion der Ukraine
Wladimir Putin
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:19:09 „Wenn du diese Rede, wenige Tage vor dem echten Angriff, wenn du die gehört hast, da fröstelst du mich heute noch, da sitzt der da wütend, lässt seine Tirade los. Und dann sagt er im Grunde, ich will zurück vor 1917.“
Lanz beschreibt Putins wütende Fernsehansprache wenige Tage vor Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine, in der Putin die Existenz der Ukraine als eigenständigen Staat infrage stellte und deren Entstehung als Erfindung Lenins bezeichnete. Lanz erinnert sich, die Rede am Montagabend nach Hart aber fair gesehen zu haben.
Rede Wladimir Putins im Deutschen Bundestag
Wladimir Putin
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:23:49 „Zwischen dem Putin in den ersten Jahren seiner Regierung, dem Putin, der im Bundestag gesprochen hat und die große Versöhnung beabsichtigt hat und ich bin sicher ehrlich beabsichtigt hat damals und dem Putin heute, dem russischen Diktator, dem Autokraten.“
Precht verweist auf Putins berühmte Rede im Bundestag im Jahr 2001, in der dieser auf Deutsch die Versöhnung zwischen Russland und dem Westen beschwor. Er nutzt die Rede als Kontrast zum heutigen Putin, um die enorme Veränderung und Verbitterung des russischen Präsidenten zu illustrieren.
Süddeutsche Zeitung – Artikel über Alisher Usmanov und Briefkastenfirmen
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:42:46 „Es gab dieser Tage ein sehr interessantes Stück dazu bei den Kollegen der Süddeutschen, wo sie nochmal beschrieben haben, dass wir natürlich zulassen, dass über Briefkastenfirmen werden dann hier Immobilien einfach gekauft.“
Im Kontext der Diskussion über russische Oligarchen und deren Vermögenswerte in Europa verweist Lanz auf einen aktuellen Artikel der Süddeutschen Zeitung. Der Artikel beschreibt, wie über Briefkastenfirmen Immobilien in Deutschland erworben werden, ohne dass die wahren Eigentümer offengelegt werden müssen.
Das Licht, das erlosch
Ivan Krastev
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:43:15 „Und ich habe von Ivan Krastev, den du glaube ich auch sehr schätzt, der dieses großartige Buch gemacht hat, schon vor ein paar Jahren, Das Licht, das erlosch. Über den Zusammenbruch nicht nur der Sowjetunion, sondern des ganzen Ostblocks und die Frage, wie wir neue Nationalismen plötzlich haben und über neue Grenzzäune erstehen. Das ist ein ganz großartiges Buch.“
Lanz bringt Krastevs Buch ins Gespräch, um die These zu untermauern, dass die Ära der rein ökonomisch getriebenen Globalisierung vorbei ist. Er zitiert anschließend Krastevs Spiegel-Interview, in dem dieser Business-School-Wissen mit dem wissenschaftlichen Sozialismus von 1990 vergleicht – beides überholt. Lanz empfiehlt das Buch als hellsichtige Analyse der post-sowjetischen Ordnung.
Spiegel-Interview mit Ivan Krastev
Ivan Krastev
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:43:32 „Der hat dem Spiegel in dieser Woche Folgendes gesagt. Ein Freund von mir arbeitet an einer der großen Business Schools. Und ich habe zu ihm gesagt, alles, was du lehrst, ist sinnlos. Genauso sinnlos wie 1990 wissenschaftlicher Sozialismus.“
Lanz zitiert ein aktuelles Spiegel-Interview mit Ivan Krastev, in dem dieser die These aufstellt, dass die Welt der Globalisierung und des freien Handels, in der die Ökonomie sich nicht für Politik interessiert, vorbei sein wird. Lanz nutzt das Zitat, um den durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Paradigmenwechsel zu unterstreichen.