Ausgabe Einundzwanzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Anlässlich des 80. Jahrestags der Wannsee-Konferenz und eines neuen ZDF-Films sprechen die beiden über die 15 maschinengeschriebenen Seiten des einzig erhaltenen Protokolls — jenes Dokument, in dem die Ermordung von bis zu elf Millionen europäischen Juden hinter Euphemismen wie *Sonderbehandlung* versteckt wurde. Dabei reflektieren sie, wie unterschiedlich der Holocaust im deutschen Geschichtsunterricht der 60er und 70er Jahre behandelt wurde — zwischen Verschweigen und dem Glück, auf engagierte Lehrer zu treffen.
„Das Grauen entsteht dadurch, dass das, worum es geht, die ganze Zeit eigentlich nicht wirklich benannt wird.“
Erwähnte Medien (12)
Eichmann und Komplizen
Robert Kempner
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:01:36 „Das hat nach dem Krieg erstmal keinen interessiert und erst als Robert Kempner es in Eichmann und Komplizen 1961, als der Eichmann-Prozess lief, veröffentlicht hat. Erfuhr es Beachtung, es ist auch eine große Polemik drumherum entstanden.“
Lanz erzählt die Geschichte des einzigen erhaltenen Protokolls der Wannsee-Konferenz. Er erwähnt, dass Robert Kempner das Dokument erst 1961 im Kontext des Eichmann-Prozesses in diesem Buch veröffentlichte und es dadurch erstmals öffentliche Beachtung fand.
Die Wannseekonferenz
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:01:55 „Und am Montag, 24. Januar, läuft um 20.15 Uhr im ZDF und ich habe den vorab gesehen, ein unglaublich beeindruckender Film über genau diese Konferenz. Ist jetzt schon in der Mediathek zu sehen, empfehle ich wirklich sehr. Ist ein Kammerspiel.“
Markus Lanz empfiehlt einen ZDF-Film über die Wannsee-Konferenz, der als Kammerspiel inszeniert ist. Er beschreibt ausführlich, wie das Grauen des Holocaust in dem Film durch die bürokratische Sprache der Teilnehmer – insbesondere das Wort 'Sonderbehandlung' statt 'Ermordung' – transportiert wird. Der Film bildet den thematischen Rahmen der gesamten Episode.
Mord mit anschließendem Frühstück
Norbert Frey
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:03:14 „Ich habe ein großartiges Stück von Norbert Frey, das ist ein Professor für neuere Geschichte aus Jena, in der Süddeutschen Zeitung gelesen, der das kommentiert hat. Mord mit anschließendem Frühstück. Wo er beschreibt, wie dieser Geschichtsunterricht in den 60er Jahren noch in Deutschland abgelaufen ist.“
Lanz zitiert einen Artikel des Historikers Norbert Frey in der Süddeutschen Zeitung, der die Wannsee-Konferenz kommentiert und dabei beschreibt, wie der Geschichtsunterricht in den 1960er Jahren in Deutschland ablief – oft endete er bei Bismarck, und nur wenige Lehrer wagten sich an das Thema Holocaust.
Nacht und Nebel
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:04:38 „Und ich erinnere mich dann die wirklichen Schreckensbilder von den KZs und auch diesen Film bei Nacht und Nebel. Das war ein Pflichtfilm für Schulklassen damals. Ich glaube ein französischer Film mit russischem Archivmaterial aus den KZs, den gesehen zu haben und das war natürlich markerschütternd.“
Precht erinnert sich an seine Schulzeit Ende der 1970er Jahre und den Dokumentarfilm 'Nacht und Nebel', der als Pflichtfilm für Schulklassen gezeigt wurde. Der französische Film mit russischem Archivmaterial aus den KZs war für ihn zutiefst verstörend und markerschütternd.
Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen
Hannah Arendt
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:08:11 „Ja, das ist die von Hannah Arendt sogenannte Banalität des Bösen. Das hat sie ja über Eichmann gesagt, der verantwortlich war für die Logistik der Entlösung.“
Precht greift Hannah Arendts berühmtes Konzept der 'Banalität des Bösen' auf, um zu erklären, wie Eichmann als Bürokrat funktionierte – pflichtbewusst und ordentlich, ohne sich das Grauen im Detail vorzustellen. Das Konzept dient ihm als Brücke zum Thema Verdrängung und Enthumanisierung.
Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die »Endlösung« in Polen
Christopher Browning
🗣 Richard David Precht empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:12:27 „Genau, das ist der Titel des Buches von Christopher Browning, der diesen sehr, sehr minutiös dokumentierten Fall in seinem Buch »Ganz normale Männer« schildert.“
Precht erzählt ausführlich die Geschichte des Hamburger Reservepolizeibataillons 101, das im Juli 1942 in Polen an Massenerschießungen teilnahm. Er stützt sich auf Brownings Buch, das für ihn psychologisch und sozialpsychologisch das interessanteste Werk zum Holocaust ist – weil es zeigt, wie ganz normale Familienväter zu Massenmördern wurden, nicht aus Überzeugung, sondern aus Gruppendruck.
Du sollst leben
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:18:26 „Ich erinnere mich, ich habe mal eine Reportage gedreht, Du sollst leben. Da habe ich damals, war unglaublich bewegend, Sully Perel getroffen.“
Lanz erzählt von einer Reportage, die er selbst über den Holocaust-Überlebenden Sully Perel gedreht hat. Die Begegnung mit Perel und dessen Lebensgeschichte hat ihn tief beeindruckt und dient ihm als persönlicher Zugang zum Thema der Episode.
Hitlerjunge Salomon
Agnieszka Holland
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:18:38 „Sully Perel ist, also die Geschichte von Sully, das ist ein Mann, der ist mittlerweile in seinen Mitte 90. Er war zu seinem 90. Geburtstag in Tel Aviv, der lebt in der Nähe von Tel Aviv. Und seine Geschichte ist weltberühmt geworden als die Geschichte vom Hitlerjungen Salomon.“
Lanz erwähnt den Film 'Hitlerjunge Salomon' als die weltberühmt gewordene Verfilmung der Lebensgeschichte von Sully Perel – einem jüdischen Jungen, der sich als Hitlerjunge tarnte und auf einer SS-Akademie in Braunschweig ausgebildet wurde, ohne dass jemand seine wahre Identität kannte.
Die Blechtrommel
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:28:03 „Also erst durch den Film Die Blechtrommel, den ich mit 15 gesehen habe, da war der gerade in die Kinos gekommen, da habe ich zum ersten Mal die braunen Uniformen und so gesehen. Erst zum ersten Mal kriegt ja das Dritte Reich für mich eine Farbe.“
Precht beschreibt, wie er sich das Dritte Reich als Kind immer in Schwarz-Weiß vorgestellt hatte – geprägt durch alte Filmaufnahmen und einen Schwarz-Weiß-Fernseher zu Hause. Erst der Kinofilm 'Die Blechtrommel', den er mit 15 Jahren sah, gab dem Dritten Reich für ihn erstmals Farbe und damit eine neue Dimension der Realität.
Das Tagebuch der Anne Frank
Anne Frank
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:34:15 „Ich fasse diese Kamera an und in dem Moment wird mir klar, das muss die Kamera sein, mit der all die Bilder, die wir kennen von Anne Frank, diese Schwarz-Weiß-Bilder, die sind mit dieser Kamera gemacht worden.“
Im Rahmen der Erzählung über Eva Schloss und ihre Verbindung zur Familie Frank erwähnt Lanz die ikonischen Schwarz-Weiß-Fotografien von Anne Frank. Obwohl nicht das Tagebuch direkt zitiert wird, ist Anne Frank als Autorin und historische Figur untrennbar mit ihrem Werk verbunden, und die gesamte Passage kreist um das Vermächtnis der Familie Frank.
Die Vogelwelt von Auschwitz
Günther Niethammer
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:37:31 „Und hat dann anschließend einen Sonderforschungsantrag eingereicht, um die Vogelwelt von Auschwitz zu erkunden. Das findet man im Netz, die Veröffentlichung. Das heißt auch die Vogelwelt von Auschwitz. Wahnsinn. Da ist ein Fachaufsatz daraus entstanden.“
Precht erzählt die verstörende Geschichte des Ornithologen Günther Niethammer, der als SS-Mann in Auschwitz stationiert war und sich von seinen regulären Pflichten entbinden ließ, um einen ornithologischen Fachaufsatz über die Vogelwelt rund um das Lager zu verfassen. Precht nutzt diese Geschichte, um die bizarre Koexistenz von kontemplativer Naturbeobachtung und industriellem Massenmord zu illustrieren.
Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die »Endlösung« in Polen
Christopher Browning
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:40:54 „Du sagst, diese Geschichte dieser ganz normalen Männer, dieses Buch muss man echt nochmal lesen, hat dich immer interessiert.“
Lanz greift die vorherige Diskussion über die Täterforschung auf und empfiehlt explizit das Buch 'Ganz normale Männer' von Christopher Browning zur erneuten Lektüre. Es geht um die Frage, wie gewöhnliche Menschen zu Tätern des Holocaust werden konnten – das zentrale Thema dieses Gesprächsabschnitts.