Ausgabe Fuenfzehn
Markus Lanz & Richard David Precht
Die Episode beginnt mit einer scharfen Analyse von Angela Merkels Regierungsstil — ihrer Strategie, Entscheidungen erst dann zu treffen, wenn die mediale Stimmung eine positive Reaktion versprach. Danach entspinnt sich ein persönliches Gespräch über die rätselhafte Beschleunigung der Zeit vor Weihnachten und einen Besuch in der Hamburger Kunsthalle, wo Caspar David Friedrichs *Wanderer über dem Nebelmeer* hängt — ein Gemälde, dessen Echtheit bis heute nicht zweifelsfrei geklärt ist.
„Sie hat immer geguckt, wie ist die gesellschaftliche Stimmung. Und das ist natürlich sehr gut, das zu machen, wenn man lange im Amt bleiben will. Es ist aber das Gegenteil von einer großen politischen Agenda oder von sehr starken Wertüberzeugungen.“
Erwähnte Medien (15)
Berichterstattung über die wichtigen Entscheidungen von Merkel
Matthias Kepplinger
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:00:11 „Ich habe neulich einen total guten Satz von Matthias Kepplinger gelesen, das ist ein Mainzer Medienwissenschaftler, du kennst den möglicherweise, ich kenne den nicht. Der hat die Berichterstattung über die wichtigen Entscheidungen von Merkel mal empirisch untersucht und sagt, was auffällt ist, dass sie sich immer so lange bedeckt gehalten hat, bis sie aufgrund des Tenors in den Medien mit einer positiven Reaktion auf ihre Entscheidungen rechnen konnte.“
Markus Lanz zitiert eine empirische Untersuchung des Mainzer Medienwissenschaftlers Matthias Kepplinger, die Merkels Entscheidungsmuster analysiert hat. Die zentrale These: Merkel hat sich stets so lange bedeckt gehalten, bis die Medienberichterstattung eine positive Reaktion auf ihre Entscheidungen erwarten ließ. Precht stimmt dieser Beobachtung voll zu.
Der Wanderer über dem Nebelmeer
Caspar David Friedrich
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:02:47 „Du gehst da durch so eine Tür und ehe du den Raum betrittst, siehst du schon das Gemälde. Und deswegen wirkt schon die Tür eigentlich wie so ein Passepartout. Und dein Blick kann gar nicht anders, als auf dieses berühmte Gemälde zu kommen. Der Wanderer über dem Nebelmeer.“
Markus Lanz erzählt begeistert von seinem Besuch in der Hamburger Kunsthalle, wo das berühmte Gemälde von Caspar David Friedrich besonders eindrucksvoll inszeniert ist. Er beschreibt, wie tröstlich Kunst in Zeiten von Hysterie und Dauerkrise sein kann. Precht ergänzt, dass das Bild selbst inmitten der napoleonischen Kriege entstand – Friedrich habe damit sein eigenes Gehirn in Sicherheit gebracht.
Die Rache des Omikron
Dirk Rossmann
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:03:37 „Und eine Neuverordnung nach der anderen und dann taucht jetzt noch irgendwie die Rache des Omikron auf und so weiter. Mitgeschrieben von Dirk Rossmann, wie Kester sagen würde.“
Markus Lanz spielt humorvoll auf die Thriller-Romane von Dirk Rossmann an, indem er die Omikron-Variante scherzhaft als neuen Rossmann-Romantitel inszeniert. Ein Kollege namens Kester habe ihm sogar einen möglichen Titel aufgeschrieben. Es handelt sich um eine ironische Anspielung auf Rossmanns bekannte Zukunftsthriller.
Artikel über die Kohl-Jugend
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:06:29 „Ich erinnere mich, als die Zeit von Helmut Kohl zu Ende ging, da hatte die Zeit eine sehr schöne Geschichte darüber geschrieben und schrieb über die Kohl-Jugend. Also über all die jüngeren Leute, die damals 16 waren und die nie einen anderen Kanzler erlebt hatten als Kohl.“
Precht erinnert sich an einen Artikel in der ZEIT, der zum Ende der Ära Kohl über die sogenannte 'Kohl-Jugend' berichtete – junge Menschen, die nie einen anderen Kanzler erlebt hatten. Er zieht die Parallele zur aktuellen Situation mit Merkel, wo eine ganze Generation ihren Abschied als Ende der eigenen Jugend empfindet.
Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?
Richard David Precht
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:07:09 „Also bei mir fällt quasi der Erfolg mit, wer bin ich, zusammen mit Angela Merkel. Und alles das, was danach an öffentlichem Wirken war und auch was ich politisch gemacht habe oder gesagt habe, fiel ja immer in diese Merkel-Zeit.“
Precht reflektiert darüber, dass die Merkel-Ära mit seiner eigenen beruflichen Hochphase zusammenfällt. Sein Durchbruch mit dem Bestseller fiel in die Anfangszeit von Merkels Kanzlerschaft, weshalb er seine Karriere untrennbar mit dieser Epoche verbindet.
Artikel über Merkel und gesellschaftliche Veränderungen
Susanne Gaschke
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:17:31 „Susanne Gaschke hat neulich in der Welt was sehr Lustiges geschrieben. Sie sagte, seit Merkels Amtsübernahme 2005 sind eine Menge Dinge passiert, für die sie nicht verantwortlich ist. Und sie wies darauf hin, dass zum Beispiel seitdem die Zahl der Tätowierten signifikant gestiegen ist, während die Zahl der Kirchenmitglieder signifikant gesunken ist.“
Markus Lanz zitiert einen humorvollen Artikel von Susanne Gaschke in der Welt, der all die gesellschaftlichen Veränderungen auflistet, die während der Ära Merkel stattfanden, ohne dass die Kanzlerin dafür verantwortlich war – vom Anstieg der Tätowierten bis zum Verschwinden der Videotheken. Es dient als launige Einleitung für die Diskussion über den tiefgreifenden Wandel der Merkel-Jahre.
Merkel-Biografie
Jacqueline Boysen
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:21:35 „Es gibt mehrere interessante Bücher von Jacqueline Beusen, glaube ich, heißt sie, oder so spricht man sie, glaube ich, aus. Ich weiß nicht, ob du die kennst, Merkel-Biografin, die sehr früh schon mal die Frage aufgeworfen hat, ob Merkel sowas wie unverhandelbare politische Ziele hat.“
Markus Lanz verweist auf die Merkel-Biografin Jacqueline Boysen, die schon früh die Frage stellte, ob Merkel feste politische Überzeugungen und unverhandelbare Ziele habe. Lanz nutzt die Referenz, um die These der Beliebigkeit und Austauschbarkeit in Merkels Politik zu untermauern.
Bilanz der Ära Merkel
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:27:07 „Ich glaube im Economist war es, die haben eine Bilanz dieser Ära Merkel gezogen und sagten, es gibt nicht eine Reform, die mit dem Namen Merkel in 16 Jahren verbunden ist. Es gibt nicht mal ein Reformchen. Das war sozusagen der Kernvorwurf.“
Markus Lanz zitiert einen Artikel – vermutlich aus dem Economist –, der eine kritische Bilanz der Ära Merkel zieht. Der Kernvorwurf: In 16 Jahren Kanzlerschaft sei keine einzige Reform mit ihrem Namen verbunden. Lanz ist sich nicht ganz sicher, ob es der Economist oder ein Artikel von Thomas Schmidt war.
Dokumentation über die soziale Frage
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:34:15 „Das ist der Grund, warum wir am 4. Januar diese Doku zeigen. Die soziale Frage, das ist das entscheidende Thema. Davon bin ich wirklich felsenfest überzeugt und ich habe mich wirklich erschrocken.“
Markus Lanz erwähnt eine Dokumentation über die soziale Frage, die am 4. Januar ausgestrahlt werden soll. Er verknüpft sie mit seinen eigenen Eindrücken von Obdachlosigkeit in San Francisco und zunehmend auch in deutschen Großstädten wie Berlin und Hamburg.
Erinnerungen über Merkel
Alice Schwarzer
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:36:54 „Ich habe Alice Schwarzer dieser Tage nochmal gehört. Und die schreibt auch in ihren Erinnerungen über Merkel. Die hat sie mal als junge Familienministerin. Und die beiden haben sich mal in Köln bei so einem Edelitaliner über Stunden ausgetauscht.“
Markus Lanz bezieht sich auf Alice Schwarzers Erinnerungen, in denen sie über frühe Begegnungen mit Merkel schreibt. Er zitiert daraus, wie Merkel als junge Frauenministerin sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz bestrafen wollte und nach negativen Erfahrungen lernte, weder ihr Frausein noch ihr Ostdeutschsein in den Vordergrund zu stellen.
Die Kanzlerin. Eine Fiktion
Thorsten Körner
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:40:10 „Ich habe dieser Tage reingelesen auf Empfehlung von Kester, Kester Schlenz, der uns immer ein bisschen begleitet. Ein Buch von Thorsten Körner, der ein großartiges Buch über diese Ära Merkel geschrieben hat. Der heißt ein Kapitel Kartoffelsuppe.“
Markus Lanz empfiehlt ein Buch von Thorsten Körner über Angela Merkel, das ihm von Kester Schlenz empfohlen wurde. Er liest daraus vor, wie Merkel es meisterlich geschafft hat, Privates mit Anekdoten über ihre Kartoffelsuppe abzuschirmen, und zitiert mehrere elegante Formulierungen des Autors.
Willy-Brandt-Biografie
Thorsten Körner
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:41:55 „Er ist ein ganz subtiler Biografienschreiber, hat auch eine sehr schöne Wölkerts-George geschrieben. Also wenn man mal biografiert werden möchte, dann am liebsten von ihm.“
Richard David Precht lobt Thorsten Körner als feinfühligen Biografen und erwähnt, dass er auch eine Biografie über jemanden geschrieben hat – die Transkription ist hier unklar ("Wölkerts-George"), es handelt sich vermutlich um eine weitere Biografie Körners. Precht kennt ihn persönlich aus einer gemeinsamen Jury beim Adolf-Grimme-Preis.
Nibelungenlied
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:43:11 „Da hat sie sich immer sehr wirkungsvoll gefühlt und sehr frühzeitig in medialem Drachenblut gebadet. Und niemand hat hier das Lindenblatt gefunden.“
Precht nutzt die Metapher aus der Nibelungensage – Siegfrieds Bad im Drachenblut und das verwundbare Lindenblatt – um Merkels Fähigkeit zu beschreiben, sich gegen mediale Angriffe zu immunisieren. Die literarische Anspielung dient als Bild für Merkels mediale Unangreifbarkeit.
Erinnerungen
Helmut Kohl
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:45:04 „Helmut Kohl hat, als er ausgeschieden ist, gesagt, er schreibt keine. Und dann hat er es dann doch gemacht.“
Precht und Lanz diskutieren darüber, ob Angela Merkel Memoiren schreiben wird. Precht verweist auf das Beispiel Helmut Kohls, der zunächst keine Memoiren schreiben wollte, es dann aber doch tat, und äußert sich generell skeptisch über die Qualität von Politiker-Memoiren.
A Promised Land
Barack Obama
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:46:18 „Das ist der erste Teil, der bis jetzt raus ist. Und ich finde, da gibt es schon ein paar interessante Stellen drin, tatsächlich ein paar interessante Stellen. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass damals bei diesem legendären White House Correspondents Dinner, wo er eigentlich Donald Trump sozusagen mit auf die Bühne geholfen hat.“
Markus Lanz spricht ausführlich über Obamas Memoiren und hebt zwei zentrale Passagen hervor: die Geschichte des White House Correspondents Dinner, bei dem Obama sich über Trump lustig machte und damit möglicherweise dessen politische Karriere auslöste, sowie die detaillierte Schilderung der einsamen Entscheidung zum Einsatz gegen Bin Laden in Abbottabad.