Harald Welzer – Wie können wir Deutschland neu erfinden
Matze Hielscher & Harald Welzer
Harald Welzer spricht darüber, warum er sich aus den großen Talkshow-Debatten zurückgezogen hat — nicht aus Resignation, sondern weil die eingespielten Formate nichts mehr bewirken. Er beschreibt einen massiven Rollback in Richtung fossiler Vergangenheit, eine politische Klasse ohne echte Lösungen und eine Generation, die die beste Zeit der Weltgeschichte erlebt hat, aber erstaunlich wenig dafür kämpft, diese Errungenschaften zu verteidigen.
„Die Deutsche Bahn hat mehr Schaden an der Demokratie angerichtet als echte Demokratiefeinde.“
Erwähnte Medien (13)
Neues Buch von Harald Welzer
Harald Welzer
🗣 Matze Hielscher empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:02:15 „Und dann habe ich dein neues Buch gelesen. Und habe gedacht, könnte es sein, dass Harald nicht mehr ganz bewusst auf den ganz großen Bühnen ist, sondern sich eher kleinere Orte sucht. Hat sich so dein Wirkungskreis verändert, habe ich mich gefragt.“
Matze Hielscher erzählt, dass er Ende letzten Jahres Harald Welzer vermisst hat und dann dessen neues Buch gelesen hat. Aus dem Buch hat er herausgelesen, dass Welzer sich vom großen öffentlichen Diskurs zurückzieht und stattdessen im Kleinen wirken will. Später referenziert Matze Details aus dem Buch – etwa dass Welzer lange schläft, morgens Fahrrad fährt und sich Brötchen und eine Zeitung an der Tankstelle holt.
Looney Tunes (Wile E. Coyote / Road Runner)
🗣 Harald Welzer referenziert bei ⏱ 00:09:33 „Ich glaube, Zizek hat das mal in so einem Bild gefasst, wie in diesem Zeichentrickfilm, wo der Kojote noch über die Klippe läuft und nochmal so 20 Meter in der Luft bleibt, bis er versteht, da ist jetzt kein Boden mehr. Und fällt da halt runter. Und wir sind auch in so einer Situation als Westen.“
Harald Welzer nutzt die berühmte Szene aus dem Road-Runner-Zeichentrickfilm als Metapher für die Lage des Westens: Man laufe bereits über dem Abgrund, habe es aber noch nicht bemerkt, weil Wohlstand und Infrastruktur die Illusion von festem Boden aufrechterhalten. Er schreibt das Bild dem Philosophen Slavoj Žižek zu.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
🗣 Harald Welzer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:16:04 „Ich kaufe immer die FAZ. Aber wenn man sich mit den Tankstellenleuten unterhält, sind die sofort dabei zu erklären, dass ihr Absatz an Zeitungen und Zeitschriften so radikal nach unten geht. Und es wird wahrscheinlich bald da keine mehr geben.“
Im Gespräch über seinen ruhigen Morgenalltag – Fahrrad, Tankstelle, Brötchen – erzählt Harald Welzer, dass er täglich die FAZ kauft. Er verbindet das mit der Beobachtung, dass die Zeitungsauswahl an Tankstellen immer kleiner wird und der Absatz radikal sinkt, als Symptom eines größeren kulturellen Wandels.
Mythos Bildung
Aladin El-Mafaalani
🗣 Harald Welzer referenziert bei ⏱ 00:59:53 „Aladin El Mafalani, der Mensch, der diese wunderbaren Untersuchungen über Jugendliche macht, der schlicht und ergreifend sagt, dieses System ist tot, das ist unrettbar. Wir haben ein riesiges Problem dadurch, dass wir über Jahrzehnte junge Menschen vernachlässigt haben.“
Welzer führt El-Mafaalani als Kronzeugen für die These an, dass das deutsche Schulsystem nicht mehr reformierbar sei. Ein konkreter Buchtitel wird nicht genannt, aber El-Mafaalani ist vor allem für seine Arbeiten über Bildungsungleichheit und Jugend bekannt, insbesondere 'Mythos Bildung'. Die Zuordnung zum genauen Werk bleibt unsicher.
Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte
Sönke Neitzel
🗣 Harald Welzer referenziert bei ⏱ 01:00:37 „Du kannst mit Sönke Neitzel sprechen, einem Militärhistoriker über die Bundeswehr. Und er sagt dir über die Bundeswehr ganz genau dasselbe. Er sagt, das ist extrem wichtig, also aus seiner Sicht, dass das alles verbessert wird, Verteidigungshaushalt aufgeblasen wird und so weiter. Er sagt, das würde aber nicht funktionieren, weil das System selbst einfach nicht mehr funktioniert.“
Welzer reiht Neitzel neben El-Mafaalani als weiteres Beispiel für Experten ein, die ihre jeweiligen Systeme als nicht mehr reformierbar beschreiben. Neitzel vergleiche die Bundeswehr mit einem Unternehmen, das 60 Prozent seines Personals entlassen müsste, um überhaupt neu anfangen zu können. Ein konkreter Buchtitel wird nicht genannt, die Zuordnung zu 'Deutsche Krieger' ist eine plausible Vermutung.
Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens
Harald Welzer
🗣 Harald Welzer referenziert bei ⏱ 01:04:38 „Ich habe ja das letzte Buch hier, die Nachrufe auf mich selbst, ging es ja ums Aufhören. Und Aufhören ist ja etwas, wo du erstmal einen Raum schaffst, um eine Erkenntnis überhaupt zu haben und auch zuzulassen.“
Welzer verknüpft sein früheres Buch über die Kultur des Aufhörens mit seinem Plädoyer für gesellschaftliches Innehalten. Er argumentiert, dass Deutschland einen Moment der Pause brauche, um die Dysfunktionalität seiner Systeme überhaupt erst erkennen zu können – genau die Grundidee seines Buches.
Das Haus der Gefühle
Harald Welzer
🗣 Matze Hielscher referenziert bei ⏱ 01:15:16 „In deinem Buch, das Haus der Gefühle, gibt es mehrere sehr gute Sätze und einer ist, wir müssen unser Land wieder als guten Ort verstehen lernen, wieder auf eigene Fähigkeiten vertrauen lernen. Was würdest du sagen hat, also wir haben ja über diese Systeme gesprochen, was hat Deutschland erst einmal zu einem unguten Ort gemacht?“
Matze Hielscher zitiert eine zentrale These aus Welzers aktuellem Buch und nutzt sie als Gesprächsimpuls. Das Buch argumentiert, dass antidemokratische Tendenzen weniger auf rationale Überlegungen zurückgehen als auf ein diffuses Hintergrundgefühl der Unbeheimatheit – daher der Titel 'Das Haus der Gefühle'. Welzer entfaltet daraufhin seine Analyse der gesellschaftlichen Erosion.
Wie Demokratien sterben
Steven Levitsky / Daniel Ziblatt
🗣 Harald Welzer referenziert bei ⏱ 01:48:08 „Das andere Buch, was ich noch erwähnen wollte, ist vor einigen Jahren erschienen, Zieblatt und Lewicki, wie Demokratien sterben. Und das ist am amerikanischen Beispiel, aber nicht vor dem zweiten Amtszeit Trump, sondern nach der ersten geschrieben. Eine total einleuchtende Analyse, was die republikanische Partei in den USA gemacht hat, auch schon vor Trump.“
Als zweites Schlüsselwerk zum Thema Machtmissbrauch empfiehlt Welzer dieses Buch, das analysiert, wie die Republikanische Partei systematisch ungeschriebene demokratische Regeln gebrochen hat – bereits vor Trumps erster Amtszeit. Welzer nutzt diese Analyse, um den Fall der Richterwahl von Frau Brosius-Gersdorf in Deutschland einzuordnen und warnt, dass genau dieser Modus der Regelbrüche auch hierzulande Schule machen wird.
Haus der Gefühle (Konzept)
Alexander Kluge
🗣 Harald Welzer referenziert bei ⏱ 02:11:01 „Und wenn ich das ignoriere, dass wir in einem Haus der Gefühle leben, was ja übrigens nicht meine Erfindung ist, sondern die von Alexander Kluge, wenn ich das ignoriere, dann gehe ich sozusagen fehl auf meiner Suche, was kann man denn tun.“
Harald Welzer erklärt die Herkunft des zentralen Konzepts seines neuen Buches. Er schreibt den Begriff 'Haus der Gefühle' explizit Alexander Kluge zu und grenzt sich damit als Weiterentwickler, nicht als Urheber der Idee ab.
Unverfügbarkeit
Hartmut Rosa
🗣 Matze Hielscher referenziert bei ⏱ 02:15:41 „Was ich interessant fand, ist das Thema, da kommst du immer wieder drauf zurück, ist auch die Unverfügbarkeit. Was ursprünglich auf Hartmut Rosa zurückgeht, Resonanz. Und das ist ja eigentlich genau diese Weltbeziehung.“
Matze Hielscher bringt Hartmut Rosas Konzept der Unverfügbarkeit ins Gespräch, das eng mit dessen Resonanztheorie verbunden ist. Welzer greift das auf und erklärt, warum das Unverfügbare – also nicht planbare, nicht vorformatierte Erlebnisse – zentral für eine echte Verbundenheit mit der Welt ist. Rosa wird als theoretischer Bezugspunkt für Welzers eigene Überlegungen im Buch eingeordnet.
Ulysses
James Joyce
🗣 Harald Welzer referenziert bei ⏱ 02:21:51 „Also du kannst dir ja kein Buch vorstellen, was alles erklärt. Und es wäre, wenn es alles erklären würde, das so wie bei Ulysses von James Joyce oder sowas, was schon unheimlich ziseliert ist, ist ja sterbenslangweilig.“
Harald Welzer nutzt James Joyces Ulysses als Gegenbeispiel zu seiner eigenen Herangehensweise. Ein Buch, das alles bis ins letzte Detail auserzählt, werde sterbenslangweilig – er plädiert stattdessen dafür, Lücken zu lassen, die der Leser selbst füllt.
Grooming, Gossip, and the Evolution of Language
Robin Dunbar
🗣 Harald Welzer referenziert bei ⏱ 02:23:53 „Und die Schlussfolgerung, die ich dann anhand von Beispielen, aber auch einer Theorie von Robin Dunbar dazugefügt habe, ist, dass Smalltalk das Wichtigste ist, was wir machen können. Und zwar, weil es immer die gemeinsame Versicherung ist, dass wir zur selben Welt gehören.“
Welzer bezieht sich auf Robin Dunbars Theorie über die soziale Funktion von Sprache, um zu begründen, warum Smalltalk nicht überflüssig ist, sondern das zentrale Mittel menschlicher Zugehörigkeit. Dunbar argumentiert, dass scheinbar funktionslose Kommunikation uns als Menschen verbindet – Welzer übernimmt das für sein Buch.
Die gute Ordnung
Harald Welzer
🗣 Matze Hielscher referenziert bei ⏱ 02:27:34 „Und sie haben inspiriert durch dich, durch die gute Ordnung, also man braucht einen guten Ort, haben sie gesagt, naja, wir haben ja hier einen guten Ort, was machen wir damit?“
Matze Hielscher erzählt von einer Porzellanmanufaktur-Familie in Sachsen, die durch Welzers Idee der 'guten Ordnung' inspiriert wurde, ihren Dorfsaal einmal im Monat für eine offene Bühne zu öffnen. Welzers Konzept guter Orte hat hier direkt praktische Wirkung entfaltet.