Joana Mallwitz – Warum berührt uns Musik so sehr
Matze Hielscher & Gäste
Joana Mallwitz erzählt, wie sie als zutiefst introvertierter Mensch zur Dirigentin wurde — getrieben von dem Wunsch, das Gefühl des Wegfliegens beim Musikhören selbst zum Klingen zu bringen. Sie beschreibt, wie Komponisten ganze Welten bauen, durch die sie das Publikum führt, und warum sie auf der Bühne nie weinen darf: Ihre Aufgabe ist es, so zu dirigieren, dass das Publikum in Tränen ausbricht.
„Es gibt Stücke, bei denen breche ich in Tränen aus, wenn ich nur dran denke. Aber natürlich nicht, während ich das auf der Bühne dirigiere. Du willst auch nicht, dass ein Sänger heult beim Singen, sondern er soll so singen, dass du heulst.“
Erwähnte Medien (8)
Smells Like Teen Spirit
Nirvana
🗣 Matze Hielscher referenziert bei ⏱ 00:26:38 „Meine Musik, meine Urknallmusik, war, würde ich behaupten, Nirvana, Smells Like Teen Spirit. Im Fernsehen sehen diesen Typen da mit seinem Pullover und dann geht das los und da stehen die Cheerleader. Und da habe ich eine Connection gespürt auch.“
Matze Hielscher teilt sein eigenes musikalisches Erweckungserlebnis als Gegenstück zu Mallwitz' Schubert-Moment. Er beschreibt, wie er als Jugendlicher das Musikvideo sah und Kurt Cobains Schmerz, Wut und Arroganz spürte — obwohl er den Text kaum verstand. Die Musik gab seinen eigenen Problemen mit Eltern und Lehrern plötzlich einen Soundtrack.
Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90 (Italienische)
Felix Mendelssohn Bartholdy
🗣 Joana Mallwitz referenziert bei ⏱ 00:41:53 „Du kannst dich nicht jetzt hinstellen und sagen, hey, wir spielen morgen irgendwie Mendelssohns Italienische und lass mal einfach offen sein und gucken, was kommt. Das ist beliebig. Das ist beliebig und das ist der absolut größte Scheiß.“
Mallwitz erklärt ihr Ideal der Konzertpraxis: Man müsse vorher alles analysieren, proben und planen – und dann im Konzert alles vergessen und offen sein. Die Italienische dient als Gegenbeispiel: Sich ohne Vorbereitung hinzustellen und auf Intuition zu vertrauen, sei nicht Freiheit, sondern Beliebigkeit.
Das Rheingold
Richard Wagner
🗣 Joana Mallwitz referenziert bei ⏱ 00:43:02 „Das war im Rheingold, in der Oper, in den Wagner. Und wir hatten das natürlich geprobt. Und man weiß auch, es gibt ja viele Dinge, auf die man Rücksicht nimmt. Und auch, welches Tempo ist gut für den Sänger und so weiter.“
Mallwitz erzählt von einem magischen Konzertmoment, in dem sie und das Orchester im Graben spontan ein viel größeres Accelerando spielten als je zuvor geprobt – ohne dass sie es anzeigen musste. Sie nutzt diese Rheingold-Aufführung als Beispiel dafür, wie Vertrauen und Offenheit im Moment zu etwas führen können, das über das Geplante hinausgeht.
Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67
Ludwig van Beethoven
🗣 Joana Mallwitz referenziert bei ⏱ 00:55:43 „Also, nimm mal Anfang 5. Sinfonie Beethoven. Jeder kennt das. Ist laut, ist eine bestimmte Tonart, ist ein bestimmter Takt und so weiter. Aber wie schnell ist es genau? Wie lang hältst du die Formate? Ist es da-da-da-da, da-da-da-da oder ist es bam-bam-bam-ba?“
Mallwitz veranschaulicht am berühmten Schicksalsmotiv, wie viel Interpretationsspielraum selbst in scheinbar eindeutigen Noten steckt. Tempo, Länge der Fermaten, Artikulation – all das seien Entscheidungen, die nur der Dirigent für das Gesamtwerk treffen könne und die das Stück grundlegend verändern.
Momentum
🗣 Matze Hielscher referenziert bei ⏱ 01:14:21 „Ich habe dich in der Dokumentation Momentum gesehen und da sieht man dich so kurz vorm Auftritt. Und da habe ich gedacht, boah, die ist ja kurz vor einer Panikattacke. Also man konnte sehen oder auch wirklich fühlen, boah, das ist jetzt gleich für dich ein krasser Moment, da rauszugehen.“
Matze Hielscher bezieht sich auf eine Dokumentation über Joana Mallwitz, in der man sie unmittelbar vor einem Auftritt sieht. Die Szene zeigt ihre intensive körperliche Anspannung und schweres Atmen kurz bevor sie auf die Bühne geht. Matze nutzt diese Beobachtung als Einstieg in das Thema Lampenfieber und Bühnenpräsenz.
Dokumentation über Joana Mallwitz
🗣 Matze Hielscher referenziert bei ⏱ 01:35:20 „Ich frage mich immer, und vielleicht weißt du das auch für dich, was ist es, also du hast auch gesagt in der Dokumentation, vielleicht am Ende am meisten über mich selbst herausgefunden haben.“
Matze Hielscher bezieht sich auf eine Dokumentation, in der Joana Mallwitz mitgewirkt hat und in der sie sagte, sie habe dabei am meisten über sich selbst herausgefunden. Er nutzt dieses Zitat als Überleitung zur Frage, was sie durch ihren Beruf bereits über sich gelernt hat. Der genaue Titel der Dokumentation wird nicht genannt.
Azzurro
Adriano Celentano
🗣 Joana Mallwitz erwähnt beiläufig bei ⏱ 02:09:47 „Aber wir haben da gegrölt und Azzurro in Pomerito. Wir waren die allerbeste Klassengemeinschaft. Das war genial. Das war total der Hack.“
Joana Mallwitz erzählt von ihrer italienischen Lehrerin, die die ganze Klasse italienische Popsongs und Volkslieder auswendig lernen ließ. Azzurro war eines dieser Lieder. Die Methode führte dazu, dass die Klasse nicht nur besser Italienisch lernte, sondern auch zur besten Klassengemeinschaft zusammenwuchs — ein Erlebnis, das Mallwitz bis heute als Beleg für die verbindende Kraft von Musik anführt.
Die lustige Witwe
Franz Lehár
🗣 Joana Mallwitz referenziert bei ⏱ 02:14:54 „Ich habe in Frankfurt vor einigen Jahren jetzt schon Lustige Witwe dirigiert, Operette. Und dann sind meine Eltern mal in die Vorstellung gekommen. Und mein Vater war hinterher so aufgelöst, also so hatte ich ihn noch nie gesehen.“
Mallwitz erzählt eine persönliche Familiengeschichte: Als sie in Frankfurt die Operette dirigierte, besuchte ihr Vater die Vorstellung und war zutiefst berührt — seine Mutter (Mallwitz' Oma) hatte diese Operettenmelodien immer zu Hause gesungen, und es war die früheste Erinnerung des Vaters an die Stimme seiner Mutter. Die Anekdote dient als emotionaler Beweis für Mallwitz' These, dass Melodien und Stimmen über Generationen hinweg in Erinnerung bleiben.