Soziologe Steffen Mau - Warum bleibt der Osten so anders
Matze Hielscher & Gäste
Steffen Mau erklärt, warum Ostdeutschland 34 Jahre nach der Wiedervereinigung politisch und kulturell so anders tickt — von Oststolz und Osttrotz bis zur Transformationsmüdigkeit einer ganzen Region. Er beschreibt, wie ausgerechnet die jüngeren Generationen sich stärker als ostdeutsch identifizieren als ihre Eltern, und warum die Landtagswahlerfolge von AfD und BSW eine gefährliche Weichenstellung markieren könnten.
„Meine Güte, das ist doch so schön hier. Euch geht es doch gut. Ihr habt auch zum Teil sehr großen Wohlstand erlangt und trotzdem gibt es irgendwie dieses Gefühl... Ja, da hat mir jemand irgendwie was weggenommen. Da hat mich jemand ungerecht behandelt.“
Erwähnte Medien (20)
Interview in der SZ mit Hartmut Rosa
🗣 Matze Hielscher referenziert bei ⏱ 00:01:43 „es war Anfang des Jahres, da hast du ein Interview gegeben in der SZ zusammen mit Hartmut Rosa“
Matze bezieht sich auf ein gemeinsames Interview von Steffen Mau und Hartmut Rosa in der Süddeutschen Zeitung, in dem Mau vor dem Kippen der Demokratie warnte.
Interview in der Süddeutschen Zeitung (Anfang 2024)
Steffen Mau / Hartmut Rosa
🗣 Matze Hielscher referenziert bei ⏱ 00:03:07 „Du hast, ich meine, es war Anfang des Jahres, hast du ein Interview gegeben in der SZ zusammen mit Hartmut Rosa. Und da hast du gesagt, mit dem Blick auf die Landtagswahlen, dass die Demokratie kippen könnte.“
Matze Hielscher erwähnt zu Beginn des Gesprächs ein gemeinsames Interview von Steffen Mau und dem Soziologen Hartmut Rosa in der Süddeutschen Zeitung, in dem Mau vor einem Kippen der Demokratie mit Blick auf die ostdeutschen Landtagswahlen gewarnt hatte. Es dient als Einstieg in die Diskussion über die aktuelle politische Lage.
Wie Demokratien sterben
Steven Levitsky / Daniel Ziblatt
🗣 Steffen Mau referenziert bei ⏱ 00:05:04 „Ja, das wird sicherlich nicht nur ein Zeitpunkt sein. Also das heißt ja auch immer, Demokratien sterben langsam, gibt ja auch so einen Buchtitel. Und der sagt natürlich schon, dass das in kleinen Schritten beginnt.“
Steffen Mau spricht über die Gefahr für die Demokratie nach den ostdeutschen Landtagswahlen und verweist auf den Buchtitel als konzeptionellen Rahmen für seine These der schleichenden demokratischen Erosion. Er nutzt die Idee, um sein eigenes Konzept der 'Allmählichkeitsschäden der Demokratie' einzuführen.
Triggerpunkte
Steffen Mau
🗣 Matze Hielscher referenziert bei ⏱ 00:08:09 „wie Ungleichverein schreiben oder Trägerpunkte, dann bin ich in meiner Arbeit am besten“
Matze erwähnt das Buch als weiteres wichtiges Werk von Steffen Mau über gesellschaftliche Konfliktlinien.
Triggerpunkte
Steffen Mau
🗣 Steffen Mau referenziert bei ⏱ 00:08:49 „Und deswegen jetzt auch die Triggerpunkte waren natürlich ein Buch, wo wir mal gezeigt haben, was eigentlich mit einem soziologischen Instrumentarium und auch mit so einer empirischen Analyse möglich ist. Und wo ich glaube, dass wir da weit über das, was so üblicherweise diskutiert wird, über neue Konfliktlinien und gesellschaftliche Spannungszustände, dass wir da weit darüber hinausgehen konnten.“
Steffen Mau beschreibt seine Arbeitsweise als Soziologe und erklärt, dass er Phänomene nicht nur kommentieren, sondern empirisch fundieren möchte. Er nennt sein Buch Triggerpunkte als Beispiel dafür, wie soziologische Forschung über die übliche öffentliche Diskussion über gesellschaftliche Spannungen hinausgehen kann.
Lütten Klein
Steffen Mau
🗣 Steffen Mau referenziert bei ⏱ 00:20:08 „Ich habe ja ein Buch geschrieben, Lütten Klein, über das Viertel, aus dem ich komme. Das hat auch so eine biografische Komponente, ist aber auch ein soziologisches Buch oder gesellschaftsinterpretierendes Buch. Und da habe ich schon gesehen, okay, ich muss eigentlich ein doppeltes Verfahren anwenden.“
Steffen Mau erklärt die Herausforderung, als Ostdeutscher über Ostdeutschland zu forschen. Lütten Klein ist sein Buch über das Rostocker Viertel, in dem er aufgewachsen ist. Er beschreibt die Doppelbewegung von wissenschaftlicher Distanz und biografischer Nähe, die er bei diesem Buch anwenden musste — ein Verfahren, das er mit Hitchcocks Kameratechnik vergleicht.
Stern 111
Lutz Seiler
🗣 Matze Hielscher referenziert bei ⏱ 00:26:57 „Gerade in dieser Zeit zwischen 89, 90, du hast bestimmt auch Stern 111 gelebt. Ja, natürlich, ja. Was ja hier direkt um die Ecke spielt im Grunde. Das hat mich total fasziniert, diese unglaubliche Welt, wo wir jetzt noch so Kleinigkeiten von Seen, also es geht im Grunde ja auch um diese Art, jemand der nach Berlin kommt und einfach eine Wohnung besetzt und da lebt und sich irgendwie versucht zu finden und in dieser Zeit und die Eltern, so ein fantastisches Buch fand ich damals.“
Nachdem Steffen Mau von seiner Zeit als Hausbesetzer im Prenzlauer Berg nach dem Mauerfall erzählt, zieht Matze Hielscher die Verbindung zum Roman Stern 111. Er schwärmt von dem Buch, das genau diese Wendezeit-Erfahrung literarisch einfängt — das Besetzen von Wohnungen, das Sich-Finden in der neuen Freiheit — und das offenbar direkt in der Nachbarschaft des Gesprächsortes spielt.
Baseballschlägerjahre
Christian Bangel
🗣 Matze Hielscher referenziert bei ⏱ 00:32:15 „Für alle, die es nicht wissen, es gab die großen Angriffe auf Asylantenheimen. Und vor allen Dingen das Sonnenblumenhaus war so eins, ein großes. Also da gab es diese ganzen, alles, was man dann so als Baseballschlägerjahre später so zusammengefasst hat in dem Buch, ist eigentlich da, das steht so sinnbildlich, es ist eigentlich so das Originalbild.“
Matze Hielscher ordnet die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen 1992 historisch ein und verweist auf den Begriff 'Baseballschlägerjahre', der die rechtsextreme Gewalt der 90er Jahre in Ostdeutschland zusammenfasst. Er beschreibt das Sonnenblumenhaus als das sinnbildliche Originalbild für diese Epoche, die später unter diesem Begriff bekannt wurde.
Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft
Steffen Mau
🗣 Steffen Mau referenziert bei ⏱ 00:49:47 „Ja, ich vertrete ja so ein bisschen so eine These in dem Buch, die auch andere vertreten, da bin ich nicht der Einzige, dass es eigentlich keinen so einen 1968 für die DDR gegeben hat und 1968 jetzt sozusagen als Moment des gesellschaftlichen Aufbruchs, auch als Befragung der nachfolgenden Generationen.“
Auf Matzes Frage, warum die DDR ihre Vergangenheit kaum aufgearbeitet habe, verweist Steffen Mau auf eine zentrale These seines eigenen Buchs: Der Osten hatte kein '68 — keinen generationellen Aufbruch, der die Eltern- und Großelterngeneration zu ihrer Rolle im Dritten Reich befragt hätte. Zuvor hatte Matze den Stadtteil Lütten Klein als Nachbarschaft zum Schauplatz der Pogrome verortet, was Buch und Biografie direkt verknüpft.
Liste der 500 wichtigsten deutschen Intellektuellen
🗣 Steffen Mau referenziert bei ⏱ 00:54:37 „Vor ein paar Jahren mal vom Cicero, glaube ich, so eine Liste der 500 wichtigsten deutschen Intellektuellen, die hatte ich mir mal angeguckt, weil ich das auch mal für ein Buch benutze, weil ich das ganz interessant fand. Und da habe ich mir geguckt, wie viele Ostdeutsche sind da eigentlich drin.“
Mau nutzt eine vom Magazin Cicero veröffentlichte Rangliste der 500 wichtigsten deutschen Intellektuellen, um die Unterrepräsentation ostdeutscher Stimmen in der deutschen Öffentlichkeit zu belegen. Der erste Ostdeutsche (Wolf Biermann) tauchte erst auf Platz 54 oder 57 auf, unter den ersten 100 waren nur etwa drei Ostdeutsche. Mau verwendet diese Daten auch in einem seiner eigenen Bücher.
Der Osten: eine westdeutsche Erfindung
Dirk Oschmann
🗣 Steffen Mau referenziert bei ⏱ 00:59:29 „Dirk Oschmann“
Steffen Mau nennt Oschmann als einen der Autoren, die zur neuen Ostdeutschland-Debatte beitragen.
Nachwendekinder
Anna Rabe
🗣 Steffen Mau erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:59:29 „Auch Anna Rabe. Aber auch viele, wirklich eine ganze Menge von Büchern und interessanten Leuten.“
Steffen Mau nennt Anna Rabe als Teil der neuen Welle ostdeutscher Autorinnen und Autoren.
Diesseits der Mauer
Katja Hoyer
🗣 Steffen Mau referenziert bei ⏱ 01:01:31 „Also die Erfolge jetzt von Katja Hoyers Buch, die sind ja jetzt nicht irgendwie einer großen Leistung als Historikerin zu verdanken, sondern weil sie sagt, die DDR war eben nicht nur schlecht und ich will jetzt auch mal das bunte Bild der DDR zeigen. Es kommt ja dieses Aber noch dazu.“
Mau übt deutliche Kritik an Katja Hoyers DDR-Buch, dessen Erfolg er nicht historischer Qualität, sondern dem Bedürfnis nach einer positiveren DDR-Erzählung zuschreibt. Er wirft dem Buch vor, vieles zu idealisieren und falsch zu interpretieren – insbesondere die Darstellung des DDR-Bildungswesens als paradiesisch, obwohl es keine freie Bildungs- und Berufswahl gab. Mau sieht darin eine problematische Tendenz zum Rosa-Rot-Zeichnen der DDR.
The End of History and the Last Man
Francis Fukuyama
🗣 Matze Hielscher erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:03:40 „Also das, was man sagt, das Ende der Geschichte, was man ja so ausgerufen hat mit der Wende, dachte ich eigentlich, das war dann irgendwie mit 2000.“
Matze Hielscher verweist beiläufig auf Francis Fukuyamas berühmte These vom 'Ende der Geschichte', um das Gefühl der frühen 2000er Jahre zu beschreiben, als die Ost-West-Thematik scheinbar keine Rolle mehr spielte. Er kontrastiert dieses trügerische Gefühl der Normalität mit dem späteren Wiederaufflammen der Spannungen ab den 2010er Jahren.
Beyond the Wall
Katja Hoyer
🗣 Steffen Mau referenziert bei ⏱ 01:04:30 „die Erfolge jetzt von Katja Hoyers Buch, die sind ja jetzt nicht irgendwie einer großen Leistung als Historikerin zu verdanken, sondern weil sie sagt, die DDR war eben nicht nur schlecht und ich will jetzt auch mal das bunte Bild der DDR zeichnen.“
Steffen Mau kritisiert Katja Hoyers DDR-Buch als zu idealisierend, insbesondere deren Darstellung des DDR-Bildungswesens.
After Europe
Ivan Krastev
🗣 Steffen Mau referenziert bei ⏱ 01:04:55 „Das ist auch so eine These von Ivan Krastev, dass das doch zu einer auch stärkeren Spaltung innerhalb von Europas zwischen den mittel- und osteuropäischen Ländern und den westeuropäischen Ländern geführt hat, weil sozusagen diese Flüchtlingsbewegungen sehr unterschiedlich aufgenommen worden sind.“
Mau greift die These des bulgarisch-österreichischen Politologen Ivan Krastev auf, wonach die Flüchtlingskrise 2015/16 eine tiefe Spaltung innerhalb Europas ausgelöst habe. Die unterschiedliche Aufnahmebereitschaft in West- und Osteuropa erklärt Krastev mit der kürzeren Geschichte nationaler Souveränität in den osteuropäischen Ländern. Mau nutzt diese These als Parallele zur innerdeutschen Ost-West-Spaltung.
Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch
Francis Fukuyama
🗣 Matze Hielscher erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:05:39 „das Ende der Geschichte, was man ja so ausgerufen hat mit der Wende“
Matze verweist auf Fukuyamas berühmte These, um die Stimmung der frühen 2000er Jahre zu beschreiben, als Ost-West-Unterschiede irrelevant schienen.
Der Osten: eine westdeutsche Erfindung
Dirk Oschmann
🗣 Matze Hielscher referenziert bei ⏱ 01:29:08 „Bücher der Oschmann oder der Maurer?“
Matze Hielscher wirft die Frage ein, ob Bücher wie die von Oschmann im Westen überhaupt wahrgenommen werden. Steffen Mau greift das später auf und bemerkt, dass bei Oschmann rund 80 Prozent der Verkäufe im Osten stattgefunden hätten – das Buch sei eher ein ostdeutsches Selbstverständigungsbuch gewesen als eine gesamtdeutsche Debatte.
Gesprächsband
Jürgen Habermas
🗣 Steffen Mau referenziert bei ⏱ 01:51:19 „Jürgen Habermas bringt ja demnächst einen Gesprächsband raus und der sagt auch, dass sie eigentlich zur goldenen Generation gehören, dieser Nachkriegszeit, der Stabilität des westlichen Modells, der erfolgreichen Etablierung von Ökonomie, auch der enorme ökonomische Boom, auch die Mehrung an Lebenschancen.“
Im Kontext der Frage, wie die nächsten 20 Jahre aussehen könnten, verweist Mau auf einen bald erscheinenden Gesprächsband von Jürgen Habermas. Habermas reflektiere darin, dass seine Generation unter paradiesischen Bedingungen gelebt habe – wirtschaftlicher Boom, Stabilität, wachsende Freiheit. Mau nutzt das als Kontrastfolie zur heutigen Verunsicherung und dem Verlust an Zukunftszuversicht.
Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert
Steffen Mau
🗣 Steffen Mau erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:57:43 „Ich habe davor ein Buch über Grenzen gemacht, über Transnationalisierung, also das sind so die Felder, die mich interessieren, eigentlich schon wie das gesellschaftliche Modell, das wir eigentlich kennen, wie sich das fundamental doch verändert.“
Mau zählt seine Forschungsfelder auf, um zu zeigen, dass er kein reiner Ost-Experte ist. Das Grenzen-Buch behandelt Transnationalisierung und die Frage, wie sich das gesellschaftliche Modell durch Globalisierung und Migration fundamental verändert. Er nennt es als Beleg für sein durchgehendes Grundmotiv: gesellschaftliche Transformationen und deren Spannungszustände.