Barbara Bleisch - Was passiert in der Mitte des Lebens
Matze Hielscher & Gäste
Philosophin Barbara Bleisch spricht über ihr Buch „Mitte des Lebens
„Nicht alles, was du hast, hast du dir verdient, sondern du hattest auch Glück. Und das scheint mir eine so wichtige Einsicht zu sein. Das möchte ich manchmal wirklich Menschen sagen, die so sehr behaupten, sie hätten alles verdient.“
Erwähnte Medien (19)
Nikomachische Ethik
Aristoteles
🗣 Barbara Bleisch zitiert daraus bei ⏱ 00:19:12 „Bei Aristoteles gibt es diese ein bisschen altertümliche Formulierung, aber ich finde sie schön, dass das Glück etwas zu tun hat, dass man sozusagen in Einklang mit der Tüchtigkeit der eigenen Seele ist.“
Barbara Bleisch spricht über das Gefühl des Erblühens in der Mitte des Lebens und darüber, herauszufinden, was einem wirklich entspricht. Sie zitiert Aristoteles' Konzept der Eudaimonia, wonach Glück im Einklang mit der Tugend der Seele besteht.
Warum wir unseren Eltern nichts schulden
Barbara Bleisch
🗣 Matze Hielscher empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:33:43 „Du hast ein Buch geschrieben, das habe ich nicht gelesen, das Buch liegt noch da und zwar, warum wir unseren Eltern nichts schulden. Und es gibt einen Satz, die Eltern-Kind-Beziehung kann besser gelingen, wenn sie nicht getragen ist von dem Gefühl, Erwartung gerecht werden zu müssen und etwas schuldig zu sein. Und das ist echt ein, also da werde ich noch viel drüber nachdenken.“
Matze spricht Barbara Bleisch auf ihr Buch an und zitiert eine zentrale These daraus. Das Buch argumentiert philosophisch, dass Kinder ihren Eltern nichts schulden – weder das Leben noch die investierte Fürsorge. Bleisch erklärt, dass Beziehungen entlastet werden, wenn man vom transaktionalen Schulddenken wegkommt und stattdessen die lebendige Beziehung auf Augenhöhe in den Mittelpunkt stellt.
Der Froschkönig
Brüder Grimm
🗣 Barbara Bleisch referenziert bei ⏱ 00:45:37 „Ja, weisst du was, ich mag Märchen sehr gerne. Und es gibt ja dieses Märchen, was alle kennen, nämlich der Froschkönig. Und da ist es doch so, dass diese Prinzessin mit dieser goldenen Kugel spielt. Und die rollt in diesen Brunnen rein. Und dann holt der Frosch diese Kugel raus.“
Barbara Bleisch nutzt das Märchen vom Froschkönig als Gleichnis für ihre These über das Schulddenken. Die Prinzessin durchbricht das Gläubiger-Schuldner-Verhältnis, indem sie den Frosch an die Wand wirft – und erst dadurch wird Liebe möglich. Bleisch sieht darin ein starkes Bild dafür, dass echte Beziehungen erst entstehen können, wenn man das Aufrechnen aufgibt.
Bridgerton
Chris Van Dusen
🗣 Barbara Bleisch erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:49:21 „Heute würde man das wahrscheinlich toll finden, weil die jungen Menschen Bridgerton gucken, wo Korsette getragen werden, aber das war damals nicht so in.“
Im Gespräch über ihre Jugenderfahrung mit einem Stoffkorsett wegen Rückenleiden erwähnt Bleisch beiläufig die Serie Bridgerton. Sie stellt einen ironischen Kontrast her: Was für sie als Teenager peinlich war, wäre heute durch die Popularität von Bridgerton vielleicht sogar modisch.
Schicksal als Chance
Thorwald Dethlefsen
🗣 Barbara Bleisch referenziert bei ⏱ 00:50:28 „Das ist ganz gefährlich, zum Beispiel auch für Menschen, die jetzt, nehmen wir mal an, die haben eine Krebserkrankung. Und dann sagt irgendjemand so, es gibt doch diese Bücher, Schicksal als Chance, Krankheit als Weg, da kriege ich immer gleich das Magengrimmen.“
Barbara Bleisch reagiert skeptisch auf Matzes Idee, dass schwierige Erfahrungen im Nachhinein etwas Gutes haben. Sie nennt die Bücher "Schicksal als Chance" und "Krankheit als Weg" als Beispiele für eine Form des positiven Denkens, die sie problematisch findet – besonders wenn sie auf schwer kranke Menschen angewendet wird.
Krankheit als Weg
Thorwald Dethlefsen
🗣 Barbara Bleisch referenziert bei ⏱ 00:50:28 „Und dann sagt irgendjemand so, es gibt doch diese Bücher, Schicksal als Chance, Krankheit als Weg, da kriege ich immer gleich das Magengrimmen. Da habe ich total Mühe damit.“
Zusammen mit "Schicksal als Chance" erwähnt Bleisch dieses Buch als Negativbeispiel für eine Denkweise, die Leid und Krankheit als sinnvolle Lektion umdeutet. Sie distanziert sich deutlich von dieser Haltung und empfindet sie als gefährlich für Betroffene.
Ohne Sprache wäre der Mensch nur ein Gartenzwerg
Element of Crime
🗣 Barbara Bleisch referenziert bei ⏱ 00:54:51 „Ich bin ein riesen Fan von Element of Crime, einer meiner Lieblingsbands. Und da gibt es den Satz, ohne Sprache wäre der Mensch nur ein Gartenzwerg. Und da dachte ich später, als ich diesen Song mal gehört habe, habe ich so gedacht, ah, wie lustig.“
Bleisch stellt eine überraschende Verbindung zwischen ihrem Kindheitstraum, Gartenzwergherstellerin zu werden, und ihrem Weg zur Philosophie her. Ein Song ihrer Lieblingsband Element of Crime enthält die Zeile, dass der Mensch ohne Sprache nur ein Gartenzwerg wäre – und genau die Sprache war es, die sie schließlich zur Philosophie führte statt zur Gartenzwergproduktion.
Man in the Mirror
Michael Jackson
🗣 Barbara Bleisch referenziert bei ⏱ 01:02:31 „Ich weiss nicht, ob man heute noch etwas Positives sagen darf zu Michael Jackson, aber ich fand diesbezüglich dieses Lied immer gut von ihm, dieses Man in the Mirror. I'm starting with the man in the mirror and ask him to change his way. Also diese Vorstellung, du bist es, mit dir fange ich an und nicht mit der Welt da draussen.“
Im Gespräch über die Frage, was wir anderen Menschen schulden und wie man respektvoll durchs Leben geht, zitiert Bleisch Michael Jacksons Song als Sinnbild dafür, bei sich selbst anzufangen statt die Welt verbessern zu wollen. Sie verbindet den Song mit Kants Ethik des respektvollen Umgangs.
Philosophische Untersuchungen
Ludwig Wittgenstein
🗣 Barbara Bleisch referenziert bei ⏱ 01:16:44 „Von Wittgenstein stammt der schöne Satz, ein philosophisches Problem hat die Form, ich kenne mich nicht aus. Und damit, glaube ich, beginnt tatsächlich die Philosophie, einzusehen, ich kenne mich nicht aus.“
Barbara Bleisch spricht über den Wert der Philosophie und die Unterscheidung zwischen Lebenshilfe und Lebenskunst. Sie zitiert Wittgenstein, um zu illustrieren, dass Philosophie mit dem Eingeständnis des Nicht-Wissens beginnt.
Die kalte Schulter
Markus Werner
🗣 Barbara Bleisch referenziert bei ⏱ 01:18:17 „Es gibt so viele schöne Romane von ihm. Die kalte Schulter zum Beispiel oder Zündels Abgang. Ich mag diese Bücher wahnsinnig gerne. Ein toller Romanschriftsteller.“
Bleisch empfiehlt den Schweizer Schriftsteller Markus Werner und nennt zwei seiner Romane. Sie schätzt ihn besonders für seinen Satz 'Allein das Zögern ist human', den sie als persönlichen Leitspruch beschreibt – passend zum Gesprächsthema, dass man nicht immer alles wissen und erklären können muss.
Zündels Abgang
Markus Werner
🗣 Barbara Bleisch referenziert bei ⏱ 01:18:17 „Es gibt so viele schöne Romane von ihm. Die kalte Schulter zum Beispiel oder Zündels Abgang. Ich mag diese Bücher wahnsinnig gerne. Ein toller Romanschriftsteller.“
Gemeinsam mit 'Die kalte Schulter' nennt Bleisch diesen Roman als Beispiel für Markus Werners Werk. Sie schwärmt von ihm als Romanschriftsteller und nutzt sein Zitat 'Allein das Zögern ist human' als Überleitung zu ihrer Kritik an Menschen, die in Talkshows alles mit absoluter Gewissheit erklären.
Durch Mauern gehen
Marina Abramović
🗣 Barbara Bleisch empfiehlt aktiv bei ⏱ 01:39:57 „Ich habe jetzt ihr Buch gelesen im Winter, ihre Biografie. Ganz fantastisch, was für eine Pionierin diese Frau war“
Barbara hat die Autobiografie von Marina Abramović gelesen und schwärmt von ihrer Pionierrolle in der Performance-Kunst.
Walk Through Walls
Marina Abramović
🗣 Matze Hielscher empfiehlt aktiv bei ⏱ 01:40:19 „Ich habe jetzt ihr Buch gelesen im Winter, ihre Biografie. Ganz fantastisch, was für eine Pionierin diese Frau war und auch vollkommen… Also ja erst einmal nicht im Sinne dieser Art von Öffentlichkeit, wie es jetzt ist.“
Als Barbara Bleisch erzählt, dass sie Marina Abramović bald interviewen wird, schwärmt Matze Hielscher von deren Autobiografie, die er im Winter gelesen hat. Er hebt hervor, wie beeindruckend Abramovićs Pionierarbeit in der Performance-Kunst war, zu einer Zeit, als Reichweite noch keine Rolle spielte.
The Double Standard of Aging
Susan Sontag
🗣 Barbara Bleisch referenziert bei ⏱ 01:53:24 „Und da gilt ja wirklich immer noch, was Susan Sontag gesagt hat mit dem Double Standard of Aging. Also Männer und Frauen werden da unterschiedlich beurteilt. Das gilt einfach.“
Im Gespräch über Alterserscheinungen und den Druck, vor der Kamera älter zu werden, verweist Barbara Bleisch auf Susan Sontags Essay über die unterschiedliche Bewertung des Alterns bei Männern und Frauen. Sie illustriert das mit konkreten Beispielen aus ihrem Berufsalltag: Männer moderieren mit Brille und grauen Haaren, Frauen praktisch nie.
Altern
Elke Heidenreich
🗣 Barbara Bleisch referenziert bei ⏱ 01:54:26 „Und gleichzeitig denke ich dann auch, genau deswegen ist so ein Buch wie das Buch von der Elke Heidenreich so ein extremer Bestseller, weil das auch einfach was hat, dass die sich da hinstellt und sagt, ja, und dann werde ich eben älter und jetzt hört mal auf zu jammern.“
Barbara Bleisch spricht über die Schwierigkeit, als Frau vor der Kamera älter zu werden. Sie nennt Elke Heidenreichs Bestseller als positives Gegenbeispiel: eine Frau, die selbstbewusst zum Älterwerden steht und sich nicht beklagt – eine Haltung, die Bleisch für sich selbst übernehmen möchte.
Buch von Elke Heidenreich
Elke Heidenreich
🗣 Barbara Bleisch referenziert bei ⏱ 01:54:32 „genau deswegen ist so ein Buch wie das Buch von der Elke Heidenreich so ein extremer Bestseller, weil das auch einfach was hat, dass die sich da hinstellt und sagt, ja, und dann werde ich eben älter“
Barbara erwähnt Heidenreichs Bestseller als positives Beispiel dafür, selbstbewusst mit dem Älterwerden umzugehen. Der genaue Titel wird nicht genannt.
Bleibefreiheit
Eva von Redecker
🗣 Matze Hielscher referenziert bei ⏱ 02:02:33 „Und eben nach oben und nicht, du nimmst ein Wort von Eva von Rediger, Bleibefreiheit. Was ein sehr, sehr schönes Wort ist, finde ich. Und hast du dich da schon eingerichtet?“
Im Gespräch über das Hochplateau der Lebensmitte und die Frage, ob man immer weiter aufsteigen muss, greift Matze Hielscher den Begriff der Bleibefreiheit auf, den Barbara Bleisch in ihrem Buch von der Philosophin Eva von Redecker übernommen hat. Das Konzept beschreibt die Freiheit, nicht mehr ständig Neues werden zu müssen, sondern sich im Erreichten einzurichten.
Perfect Days
Wim Wenders
🗣 Matze Hielscher empfiehlt aktiv bei ⏱ 02:15:16 „Perfect Days ist ein bisschen anders von Wim Wenders, deswegen liebe ich den Film auch so. Ich habe schon x-mal geguckt, weil der macht jeden Tag dasselbe. Der Toilettenputzer in Tokio und ist einfach wahnsinnig glücklich damit.“
Matze Hielscher bringt Wim Wenders' Film als Gegenbeispiel zur ständigen Bewegung und Steigerungslogik ins Spiel. Der Film über einen Toilettenputzer in Tokio, der in der Wiederholung des Alltags Glück findet, verkörpert für ihn genau jene Bleibefreiheit und vertikale Zeitlichkeit, über die das Gespräch kreist. Matze betont, er habe den Film schon vielfach gesehen.
Non, je ne regrette rien
Édith Piaf · 1960
🗣 Barbara Bleisch referenziert bei ⏱ 02:23:45 „Deswegen denke ich auch immer, diese Edith Piaf, die da singt, «Non, rien de rien, je ne regrette rien». Ich weiss nicht, ob das wirklich das gute Bild ist. Also zum einen, wenn ich natürlich wirklich anderen Unrecht getan habe, dann soll ich bedauern, dann soll ich mich auch gefälligst entschuldigen.“
Barbara Bleisch greift Edith Piafs berühmtes Chanson auf, um ihre These zu illustrieren, dass Bedauern kein Makel, sondern eine natürliche Begleitmelodie eines erfüllten Lebens ist. Sie widerspricht dem Ideal des bereuelosen Lebens: Wer viele Sehnsüchte hat, wird zwangsläufig manches bedauern – und das sei völlig in Ordnung.